Als hätten wir es nicht gewusst
Blutzoll der fossilen Energieträger
Jede Sekunde flieht ein Mensch vor Klimafolgen

von Gerhard Hofmann

Nachdem die Fotografin Nilüfer Demir am 02.09.2015 die Leiche des dreijährigen Aylan Kurdi am Strand von Bodrum entdeckt hatte, sagte sie später, „gefror mir das Blut in den Adern. Das Einzige, was ich tun konnte, war, seinem Schrei – dem Schrei seines am Boden liegenden Körpers – Gehör zu verschaffen. Ich dachte, das könnte ich nur schaffen, indem ich den Abzug betätigte.“ Jedes Weltereignis produziert Symbolfotos, wie etwa der Anschlag auf das World Trade Center oder der Vietnamkrieg: Der vietnamesisch-amerikanische Fotograf Nick Ut  bekam den Pulitzer-Preis und den World Press Award für sein Foto „The Terror of War“ der neunjährigen Phan Kim Phuc, die 1972 schwer verbrannt, nackt und schreiend vor einem US-Napalm-Angriff floh – das Bild trug mehr zum Ende des Krieges bei als manche Politiker-Rede.

Das Foto des kleinen Aylan machte die Flüchtlingskrise auf brutale Weise sichtbar – und das Versagen Europas. Aylans Schicksal erinnerte daran, dass Millionen von Kindern auf der Flucht sind: Laut UNICEF ist von 60 Millionen Flüchtlingen weltweit jeder zweite unter 18 – auch von den vier Millionen syrischen Flüchtlingen. Viele wollen nach Europa – wir aber verschanzen uns hinter meterhohem Stacheldraht, damit das Elend der Welt draußen vor bleibt. Wenige reiche Länder schließen die Augen davor, dass die Menschen vor Krieg und Elend fliehen. Und dann sortieren wir zynischerweise noch zwischen Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen. Dabei müsste es für uns doch völlig gleichgültig sein, ob ein Mensch vor dem Tod durch Verhungern oder eine Fassbombe flieht.

Wir wussten es seit Jahrzehnten – seitdem 1970 die sogenannte Weltgemeinschaft beschloss, die Entwicklungshilfe sollte 0,7 Prozent vom Bruttosozialprodukt eines Landes betragen – Deutschland lag 2014 mit schäbigen 0,41 auf Platz 12 in der EU. Wir wussten es spätestens seit dem 19. Mai 1990.

19.05.1990 – vor mehr als 25 Jahren: in der Reihe „Eine Welt für alle“ sendet die ARD den Science-Fiction-Film „Der Marsch“, eine Co-Produktion mit der BBC – Afrikaner auf der Flucht vor der Armut nach Europa – ein Zug verzweifelter Gestalten, die sich vor dem Hungertod retten wollen. Der junge, charismatische Issa Al-Mahdi steht an der Spitze einer unübersehbaren Karawane bitterarmer Menschen aus nordostafrikanischen Flüchtlingslagern, die in Richtung Europa ziehen. Dort sieht er die letzte Chance, seine Landsleute vor dem Hungertod zu retten. Denn dieser droht auf Grund der bitteren Armut, ausgelöst und verschlimmert durch die infolge des Klimawandels eingetretene ökologische Katastrophe in der Region.

Fünf lange Jahre hat es laut Drehbuch in Äthiopien und Somalia, im Tschad und im Sudan nicht mehr geregnet. Die Hilfen aus Europa und den USA sind im Filz der korrupten afrikanischen Regime versickert. Auf dem Marsch nach Norden schwillt der Strom der Hunger-Flüchtlinge auf Hunderttausende an. Verzweiflung, nicht Aggression treibt sie nach Norden.

Der Marsch gerät schnell zum Medienhype: Reporterteams schwärmen aus und liefern die Bilder des Elends direkt in die Wohnzimmer der Wohlstandsgesellschaft. Die Masse der Ohnmächtigen verfügt über keine andere Macht mehr als die, vor den Augen und den Kameras der reichen Europäer zu sterben. Ihre Botschaft ist unmissverständlich: „Wir sind arm, weil ihr reich seid. Jetzt kommen wir zu euch, damit ihr uns sterben seht.“ Al-Mahdis Hoffnung: „Wir glauben: wenn ihr uns vor euch seht, werdet ihr uns nicht sterben lassen. Deswegen kommen wir nach Europa. Wenn ihr uns nicht helft, dann können wir nichts mehr tun, wir werden sterben, und ihr werdet zusehen, wie wir sterben und möge Gott uns gnädig sein.“

Europa ist im politischen Denken über die Ideologie der „Festung Europa“ aber nicht hinausgekommen; die Brüsseler Entwicklungskommissarin Juliet Stevenson (Karin Anselm) votiert zwar für menschliche Lösungen, scheitert aber bei EU-Gremien und Flüchtlingen – verzweifelt verspricht sie ihnen im Gegenzug für die Rückkehr in ihre Heimatländer millionenschwere EU-Unterstützung. Doch die Hungernden glauben ihr nicht – Europa hat seine Glaubwürdigkeit längst verspielt. Am Schluss ruft sie verzweifelt aus: „Wir brauchen euch, wie ihr uns braucht. Wir können nicht weitermachen, wie bisher. Aber wir sind noch nicht bereit für euch, ihr müsst uns noch mehr Zeit geben.“

William Nicholson („Gladiator“, „Shadowlands“) beschwor 1990 mit dem „Marsch“ eine düstere, biblisch unterlegte Vision – schneller als befürchtet hat sie heute beklemmende Aktualität gewonnen. In Marokko warten – im Schatten der Bilder Hunderttausender Kriegsflüchtlinge aus Syrien und dem Irak nahezu vergessen – mittlerweile Zigtausende von Flüchtlingen aus Ländern südlich der Sahara darauf, nach Spanien zu fliehen. Andere – ebenfalls Tausende – riskieren in teils seeuntüchtigen Booten, meist von Schleppern ausgenommen und dann alleingelassen, von Libyen aus ihr Leben: „Wir haben keine Garnelen, sondern Leichen in den Netzen – das ist die Situation im Mittelmeer vor der libyschen Küste“, berichteten im Fernsehen italienische Fischer. In Melilla und Ceuta, den spanischen Exklaven in Nordafrika, wurden die Sperrzäune entlang der zehn Kilometer langen Grenze inzwischen auf sechs Meter erhöht. Flüchtlinge, denen der Durchbruch in die spanischen Exklaven nicht gelungen war, wurden in der Wüste an der Südostgrenze zu Algerien ausgesetzt. Ausländische Journalisten berichten von dramatischen Szenen: „Warum behandelt man uns wie Tiere?“ sollen die Flüchtlinge gerufen haben.

Die Antwort gibt Al-Mahdi im Film den eilig nach Afrika entsandten EU-Vermittlern, die den Flüchtlingstreck zur Umkehr bewegen sollen, mit Worten, die einem im heimischen Fernseh-Sessel die Kehle zuschnüren: „Ihr habt in Europa so kleine Katzen. Es heißt, eine Katze kostet mehr als zweihundert Dollar pro Jahr. Lasst uns nach Europa kommen als eure Haustiere. Wir könnten Milch trinken, wir könnten eure Hand lecken. Wir könnten schnurren. Und wir sind viel billiger zu füttern.“

Bereits die Produktionsgeschichte von „Der Marsch“ warf ein Schlaglicht auf das Verhältnis Europas zur Flüchtlingsproblematik. Der Film entstand zwar als Gemeinschaftsproduktion europäischer Sendeanstalten unter Federführung der BBC, aber gegen die Bedenken spanischer und italienischer Sender. Ihnen schien die Idee einer „ökologischen Migration“ von Afrikanern in ihre Länder zu nahe und zu realistisch. Die ARD hat diesen Film als „Höhepunkt“ der europäischen Medieninitiative „Eine Welt für alle“ im Mai 1990 unter der Ägide des damaligen NDR-Programmdirektors Rolf Seelmann-Eggebert nach der „Tagesschau“ ausgestrahlt, von einem für heutige Verhältnisse ausführlichen Begleitprogramm flankiert und von der Kritik für seine perfekte Machart und die glanzvollen Dialoge gelobt. In der anschließenden Live-Diskussion wurde den Programmachern allerdings unter anderem vorgeworfen, zu schwarz zu sehen. Diese Beurteilung ist nicht nur aus heutiger Sicht abwegig: Am Sendetag zeigte die „Tagesschau“ Bilder von einem Kutter mit 300 afrikanischen Flüchtlingen, die im italienischen Brindisi angekommen waren.

Folgt: Folgen des Klimawandels

Folgen des Klimawandels

Hintergrund und Auslöser für den „Marsch“ ist die drohende Klimakatastrophe, die Erwärmung der Erdatmosphäre durch Treibhausgase – zur Zeit der Produktion der damals sogenannten „Fiction“ eher noch Diskussionsgegenstand unter Fachleuten. Der Bericht des Weltklimarats (IPCC) von 2007 lieferte nach Überzeugung vieler Fachleute seriös wissenschaftsbasiert „die beste derzeit verfügbare zusammenfassende Analyse des aktuellen Klimawandels“, so das Thesenpapier zur Konferenz „The Changing Earth“ in Berlin am 02. und 03.11.2009.

Ottmar Edenhofer, Ko-Direktor und Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, als Vorsitzender der Arbeitsgruppe III einer der Vizepräsidenten des IPCC und Michael Otto-Professor für die „Ökonomie des Klimawandels“ an der TU Berlin, hat 15 „potenzielle politikrelevante Kippschalter identifiziert, die durch die globale Erwärmung in diesem Jahrhundert ausgelöst werden könnten“. Unterscheidungsmerkmal zu früheren Herausforderungen ist die Irreversibilität: Die Schalter, einmal in die andere Richtung gekippt, werden nicht mehr rückholbar sein. Es bleibt uns nicht mehr sehr viel Zeit, diese Schalter zu stabilisieren.

Meeresspiegel steigt

Im Juni 2010 erhärtete eine Untersuchung, für die amerikanische, finnische und deutsche Forscher erstmals Sediment-Daten an der amerikanischen Küste bis vor Christi Geburt ausgewertet haben, die Annahme, „dass die Ozeane umso schneller anschwellen, je wärmer es auf der Erde wird. ‚Der Mensch heizt mit seinen Treibhausgasen das Klima immer weiter auf, daher schmilzt das Landeis immer rascher und der Meeresspiegel steigt immer schneller‘, sagte Stefan Rahmstorf vom PIK, der an der Studie beteiligt gewesen ist.“ (zeit.de) Vom Mittelalter bis zum Ende des 19. Jahrhunderts habe sich der Meeresspiegel praktisch nicht verändert. Seither sei er allerdings pro Jahr um 2,1 Millimeter nach oben geklettert.

„Locked in“

21 1/2 Jahre nach der Erstsendung von „The March“ (der Meeresspiegel ist inzwischen um 4,15 cm gestiegen) – am 11. November 2011 – lud der BDI in Berlin zu einer Pressekonferenz der Internationalen Energieagentur: Der Titel der zweiseitigen Presseerklärung lautete: „IEA warnt: Energie-Zukunft der Welt nicht nachhaltig“. Hinter der fast harmlos, längst vertraut klingenden Warnung steckte eine bedrohliche Sensation: Der kumulierte Kohlendioxid-Ausstoß der kommenden 25 Jahre, so lautete der letzte Absatz, liege im zentralen Szenario des World Energy Outlooks 2011 – vorgestellt wie jedes Jahr von IEA-Chefökonom Fatih Birol – „bei drei Vierteln der gesamten CO2-Emissionen der vergangenen 110 Jahre. Die Folge wäre ein Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um 3,5°C. Würden die jüngst angekündigten politischen Maßnahmen nicht umgesetzt, wäre die Lage noch dramatischer: die Durchschnittstemperatur könnte um sechs Grad steigen.“

Birol wörtlich: „Mit jedem Jahr, das ohne klare Signale für Investitionen in saubere Energien vergeht, wird es aufgrund von ‚Locked-in‘-Effekten schwerer und teurer, unsere Ziele bei Energiesicherheit und Klimaschutz zu erreichen“. Vier Fünftel der bis 2035 insgesamt zulässigen energiebedingten CO2-Emissionen seien mit den bestehenden Kraftwerken, Gebäuden und Fabriken bereits festgeschrieben. Würden bis 2017 keine neuen Maßnahmen ergriffen, dann werde die bis dahin geschaffene energieerzeugende oder -verbrauchende Infrastruktur bereits die Gesamtmenge der bis 2035 zulässigen CO2-Emissionen verursachen. Das bedeutet: 2017 schließt sich die Tür zur Erreichung der 2°-Grenze endgültig, wenn wir nicht handeln. Bis 2100 drohen 5,3 Grad Temperaturanstieg mit katastrophalen Folgen. Wir haben also nicht viel Zeit, das Steuer herumzureißen. Zwei Jahre später prangerte der IEA-Chefökonom an, dass fossile Energien 2012 weltweit mit fast 550 Milliarden Dollar gefördert wurden – erneuerbare Energien dagegen nur mit 100 Mrd.

Armut und Energie hängen zusammen

Lord Nicholas Stern, geadelter Professor an der London School of Economics und von 2000-2003 Chefökonom der Weltbank, behandelte 2006 im sogenannten Stern Review – on the economics of climate change die wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels. Edenhofer hält den Stern-Review und den IPCC-Bericht für die wichtigsten in der Klimadiskussion: „IPCC has changed the way governments and the public think about climate change. The Stern Review has changed the way we think about the economics of climate change“, sagte er in seiner Laudatio auf Sterns Ehrendoktorwürde am 04.11.2009 in der TU Berlin.

Stern beschreibt in seinem Buch Der Global Deal die Armut in den Entwicklungsländern und den Klimawandel als die beiden größten Herausforderungen unserer Zeit. Beide „sind unauflöslich miteinander verbunden. Ein Scheitern beim einen wird die Anstrengungen zur Lösung des anderen untergraben. Ein Ignorieren des Klimawandels würde zu einer für Entwicklung und Armutsreduzierung immer feindlicheren Umwelt führen, aber der Versuch, den Klimawandel anzugehen, indem man Wachstum und Entwicklung Fesseln anlegt, würde die für einen Erfolg so wichtige Zusammenarbeit zwischen Industrie- und Entwicklungsländern beschädigen; wahrscheinlich sogar irreparabel.“

Stern („im Zentrum der Wirtschaftspolitik muss die Erkenntnis stehen, dass die Emission von Treibhausgasen ein Marktversagen bedeutet“) hatte 2006 im Auftrag der britischen Regierung unter Tony Blair zum ersten Mal eine klare, nüchterne Rechnung aufgemacht, wie viel der Klimawandel kostet. Dafür hatte er physikalische Prozesse in Geld umgerechnet und einander gegenüber gestellt, welche Schäden die Erderwärmung verursacht (bis zu 5,5 Billionen Euro = 20 Prozent des jährlichen Welt-BIP), und was es kosten würde, sie zu vermeiden (damals nur 1 % des BIP – heute bereits 2). Damit hatte er als erster einleuchtend dargelegt, dass CO2-Reduzierung wirtschaftlich ist. Und er rechnete auch vor, was es täglich mehr kostet, je länger wir warten: „Wir wissen, was zu tun ist; es geht um ungeheuer viel“. Dabei steht außer Frage, dass der großzügige Umgang mit den ständig knapper werdenden fossilen Energieressourcen, um nicht zu sagen: ihre Verschwendung, deren Preise unaufhaltsam in die Höhe treibt.

Folgt: Endlich Klarheit: Der Mensch ist verantwortlich

Endlich Klarheit: Der Mensch ist verantwortlich

Nur so viel zu den sogenannten Klimaskeptikern (eigentlich ein irreführender Begriff, denn das Klima kann man weder leugnen noch ihm skeptisch gegenüber stehen – es müsste heißen „Klimawandel-Leugner“): Ihr beliebtestes Argument neben der (unwissenschaftlichen) Forderung, Beweise für den Klimawandel vorzulegen, lautet, nicht einmal die Wissenschaft sei sich einig, ob er wirklich anthropogen sei. Nach Umfragen in den USA zwischen 1997 und 2007 glauben 60 Prozent der US-Bürger, dass die Wissenschaft über die Ursachen des Klimawandels gespalten sei.

Mit diesem Einwand räumte schon am 15.05.2013 eine sehr aufwändige Untersuchung auf. Danach herrscht unter serösen Forschern Konsens: Denn nach Prüfung Tausender wissenschaftlicher Arbeiten aus 20 Jahren kommt die Masterstudie zu einem eindeutigen Ergebnis. Wissenschaftler aus den USA, Australien und Kanada kamen zu dem Ergebnis, dass die überwältigende Mehrheit von mehr als 97 Prozent darin übereinstimmt, als Verursacher der Klimaerwärmung den Menschen anzusehen.

Die Wissenschaftler hatten in der bisher größten Studie dieser Art nun über 12.000 geprüfte Berichte von gut 10.000 Kollegen aus den Jahren zwischen 1991 und 2011 ausgewertet.

Auffällige Diskrepanz zwischen der öffentlichen Wahrnehmung und der Realität

„Wissenschaftler stimmen mit überwältigender Mehrheit darin überein, dass sich die Erde aufgrund des menschlichen Einflusses erwärmt“, hoben die Autoren der Auswertung nun hervor. „Es gibt eine auffällige Diskrepanz zwischen der öffentlichen Wahrnehmung und der Realität.“ Eine genaue Wahrnehmung des wissenschaftlichen Konsenses sei aber ein entscheidendes Element für die öffentliche Unterstützung einer Klimapolitik. Ihre Ergebnisse haben die Wissenschaftler in dem Blog „The Consensus Project“ veröffentlicht, der die Debatte über Ursachen beenden und eine lösungsorientierte Diskussion anregen will.

„Verschwindend geringe“ Zahl anderer Meinung

Nach der zuerst im britischen Fachjournal „Environmental Research Letters“ veröffentlichten Auswertung widersprechen nur verschwindend wenige wissenschaftliche Untersuchungen der Ansicht, dass der Mensch die Ursache des Klimawandels ist.

Exkurs: Klima-Migration – neues Wort
„Klimawandel neben Krieg und Vertreibung weitere Fluchtursache“

Radio Vatikan interpretierte im Juni 2015 in einer Serie die päpstliche Enzyklika “Laudato Si” (siehe: solarify.eu) – in Folge 22 ging es um die “Klima-Migration”. Denn Flüchtlingsproblematik und Klimawandel hätten unmittelbar miteinander zu tun, auch wenn dies nicht so scheine, sagt das IPCC-Mitglied Oliver Christian Ruppel. Es gebe nämlich nicht nur eine Flucht vor Waffen und Gewalt, sondern auch die vor klimatischer Bedrohung – die zur Klima-Migration führe.

Daher sollte Europa den Kampf gegen den Klimawandel nicht vernachlässigen, so der 46-jährige Ruppel, Teilnehmer der Weltklimakonferenz COP21 Ende 2015 in Paris. Er ist Professor für Rechtswissenschaften, internationales Recht und internationale Beziehungen an der Universität Stellenbosch in Südafrika und leitet ein Institut mit interdisziplinären und rechtlichen Fragen zu Recht und Entwicklung.

Klima-Migration vielleicht nächste noch viel größere Migrationswelle

In Europa derzeit Thema Nummer eins: Flüchtlinge, die Angst vor ihnen, oder die Suche nach Lösungen. Laut Ruppel „sollte man nicht kurzfristig falsche Schlussfolgerungen ziehen und denken, man könnte an der falschen Stelle Einsparungen machen. Klima-Migration ist vielleicht die nächste noch viel größere Migrationswelle, die folgt, und insofern sollte man sich frühzeitig darauf gefasst machen.” Die nördliche Hemisphäre habe laut Ruppel die Verantwortung, aus menschlicher Sicht zu helfen. “Wenn man im Klimaverhandlungsprozess jetzt einen Rückzieher machen sollte, nur weil die Situation in anderlei Hinsicht kritisch ist, wäre das meines Erachtens mehr als kurzsichtig, falsch und verantwortungslos.“

Ruppel sieht in dem Text des Papstes ein „mächtiges Schreibstück“ – und er sieht auch, dass wie Barack Obama unlängst bei der Konferenz in Alaska klarmachte: Der Klimawandel ist bereits angekommen. Es drohten versunkene Länder, verlassene Städte, ausbleibende Ernten, Lebensmittelknappheit, Flüchtlingsströme und Konflikte. In Afrika sei das bereits äußerst deutlich.

Folgt: Drei Faktoren für Klima-Migration

Drei Faktoren für Klima-Migration

Die drei wesentlichen Faktoren sind für Ruppel „Ernährungsunsicherheit, Wassermangel und Dürre“. In Subsahara-Afrika seien schon deutliche Veränderungsprozesse sichtbar. Bereits jetzt litten die Menschen dort unter dem Klimawandel, hätten teilweise keinen Zugang zu sauberem Wasser, Hunger sei in Afrika weit verbreitet. Das werde alles durch den Klimawandel verschärft, der zudem Einfluss auf Konfliktsituationen habe.

Ruppel moniert, dass die Weltgemeinschaft tragischerweise bislang die notwendige Verantwortung für den afrikanischen Kontinent vermissen lasse. „Die Meeresspiegel steigen an, aus den ländlichen Gegenden müssen die Leute in die Stadt ziehen. In vielen Küstenstädten ist der Anstieg des Meeresspiegels schon ebenso spürbar wie die Erwärmung der Küstengewässer.“

Gemeingüter Klima und Atmosphäre nicht verhandelbar

Es gebe keinen Zweifel, verdeutlicht Ruppel, dass der Klimawandel angekommen sei – wenn wir den Planeten retten wollten, müssten die Klimadiplomaten, die Politik und jeder Einzelne jetzt handeln, denn es gehe um unser Gemeinschaftsgut. Genau das fordere auch „Laudato Si“. “Dieser Verantwortung kann und darf sich niemand entziehen”. In der Gesamtheit der Weltklima-Verhandlungen müsse jetzt stark im Vordergrund stehen, dass die Gemeingüter Klima und Atmosphäre schlicht und einfach nicht verhandelbar sind. Klima sei ein globales Phänomen, das nicht einseitig angegangen werden könne. Deswegen mahnt Ruppel die Verantwortung vor allem der Verursacher des Klimawandels an. Der Klimawandel sei auch eine Verletzung der Menschenrechte der Armen – diese Message müsse COP 21 prägen, wenn man in Paris zu verbindlichen Zusagen kommen wolle. (rv 03.09.2015 no)

UN-Entwicklungsziele: Welchen Einfluss haben Umweltfaktoren auf das Fluchtverhalten in Afrika?

Dass Armutsbekämpfung und Transformation zu einer sozial-ökologischen globalen Gesellschaft nur Erfolg haben können, wenn die natürlichen Ressourcen und Ökosysteme geschützt und nachhaltig genutzt werden, haben die Vereinten Nationen jüngst erneut in ihren Nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs) verankert. Denn infolge des Bevölkerungswachstums gerade auf dem afrikanischen Kontinent konkurrieren immer mehr Menschen um die ohnehin schon knappen Ressourcen.

„Die überzogene Darstellung von Abwanderungsbestrebungen als Sicherheitsbedrohung geht an der Realität vorbei“, meint die Politikwissenschaftlerin Dr. Diana Hummel vom Institut für sozial-ökologische Forschung ISOE in Frankfurt. Sie leitete das Projekt MICLE – Klimawandel, Umweltveränderungen und Migration, in dessen Rahmen großangelegte Befragungen zu den Motiven der Migration in der Sahelzone durchgeführt wurden. Die Ergebnisse: Nur ein geringer Anteil der Menschen in ihrem westafrikanischen Untersuchungsgebiet versuche, nach Europa zu kommen. Denn Migration sei in dieser Region nicht das letzte Mittel sondern eher eine anerkannte Tradition, der Großteil der Migranten bliebe auf dem Kontinent und kehre nach Möglichkeit zurück, so die Erfahrung der Politologin.

Begriff „Umwelt- oder Klimaflüchtling“ problematisch

Der Begriff „Umwelt- oder Klimaflüchtling“ sei ohnehin problematisch, da Kausalzusammenhänge schwer nachzuweisen und es nie alleinige Auslöser gebe. „Umweltveränderungen spielen dann eine Rolle, wenn sie bereits existierende Verwundbarkeiten verstärken“, meint Hummel. Die Studien ergaben, dass klimatische und ökologische Faktoren an Bedeutung zunehmen, je stärker der Lebensunterhalt der Menschen von der Landwirtschaft abhängt und schwieriger alternative Einkommensquellen verfügbar sind.

„Nur eine nachhaltige ländliche Ökonomie und Gesellschaftsform kann die Trends zur Landflucht, zur Urbanisierung und zur internationalen Migration stoppen“, sagt Prof. Norbert Jürgens von der Universität Hamburg. Der Biodiversitätsforscher ist Sprecher des Projekts „The Future Okavango“, das modellhaft für den gesamten Kontinent Methoden entwickeln soll, wie die Menschen die natürlichen Ressourcen nachhaltig nutzen und dauerhaft erhalten können.

Der Drang nach modernen Lebensweisen (verstärkt durch das Internet) steigere den Kapital-Bedarf für Waren, die nicht selbst erzeugt werden könnten. Deshalb würden derzeit die natürlichen Ressourcen über den eigenen Bedarf hinaus in Waren umgewandelt, etwa werde verstärkt Wildfleisch gejagt und die Wälder für Holzkohle abgeholzt. Dabei seien diese die wichtigsten Wasserspeicher der Region. Der Klimawandel und ein zunehmender Zuzug in die Okavangoregion, gepaart mit Landgrabbing internationaler Konzerne, könne künftig zu Konflikten um die Ressourcenverteilung führen. Umso wichtiger sei es, mit den Menschen Methoden zu entwickeln, mit denen landwirtschaftliche Erträge gesteigert werden könnten, ohne das Potenzial der Ökosysteme zu zerstören.

Von daher sei das Entwicklungsziel 8.3 (aus den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen) sinnvoll, in dem die Vereinigten Staaten ihre Mitgliedstaaten ermutigten, kleine und mittelständige Unternehmen zu fördern. Auch die Wissenschaft spiele hier eine wichtige Rolle, beispielsweise bei der Schaffung von nachhaltigen Demonstrationsprojekten mit Leitbildfunktion, sagt Jürgens. (aus Netzwerk-Forum zur Biodiversitätsforschung Deutschland des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung GmbH – UFZ, Leipzig)

Folgt: Hans-Josef Fell: Erneuerbare Energien stärken

Hans-Josef Fell: Erneuerbare Energien stärken

Um Fluchtursachen zu bekämpfen, müsse schnell auf 100% Erneuerbare Energien umgestellt werden, sagt der Energieexperte Hans-Josef Fell. Die heutige Flüchtlingswelle sei die logische Folge einer jahrzehntelangen unzulänglichen Politik, welche die Fluchtursachen nicht in den Mittelpunkt einer vorsorgenden Politik gestellt habe. Im Gegenteil, das globale Erdölwirtschaftssystem, also die gesamte fossil-atomare Weltwirtschaft, werde bis heute massiv gestützt, mit weiteren Subventionen, Korruption, Finanz-Investitionen und einer vielfachen Agitation gegen ein schnelles Wachstum der Erneuerbaren Energien. Bewusst denkenden und handelnden Menschen sei aber seit Jahrzehnten klar, dass eine weitere Ausbeutung großer Teile der Menschheit, eine Verschärfung der Klimakrise, sowie die Aufrechterhaltung der fossil-atomaren Weltwirtschaft zu Armut, Ungerechtigkeit und Krieg und damit unweigerlich zu großen Flüchtlingsströmen führe. Schon in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts hätten viele Menschen auf die wachsenden Nord-Süd-Konflikte hingewiesen. Damals war das 0,7-Prozent-Ziel festgelegt worden.

Kohleabbau: Kolumbien weltweit mit zweitmeisten Binnenflüchtlingen

„Unser westlicher Lebensstil stört sich nicht daran, dass wir Autos fahren und Wohnungen heizen, für deren Energieversorgung auch Erdöl aus Terroristenhand verwendet wird. Erdöl ist die Hauptfinanzquelle von IS, Al Qaida, Boko Haram, von Syriens Präsident Assad oder den einander bekriegenden sudanesischen Machthabern. Kolumbianische Kohle wird auch in deutschen Kohlekraftwerken verbrannt, obwohl Kolumbien nach Syrien vor allem wegen des Kohleabbaus für den Export weltweit das Land mit den zweitmeisten Binnenflüchtlingen ist“, so Fell.

Die Klimakrise als Zerstörung der Lebensräume durch schlimmste Wetterextreme führt laut Fell zu immer mehr Flüchtlingen, selbst in reichen Regionen. „Aktuell flüchten tausende Menschen vor den verheerenden Waldbränden und Dürren in Kalifornien. Zu den Flüchtlingen nach Europa aus den Kriegsgebieten im nahen Osten gesellen sich tausende Flüchtlinge aus Afrika, denen der Klimawandel z.B. durch Wüstenausbreitung die Lebensgrundlagen längst geraubt hat. Und wie wollen wir denn mit den Flüchtlingen umgehen, die durch den steigenden Meeresspiegel heute schon in Bangladesch und in einigen Jahrzehnten auch in Holland ihre Heimat verlassen müssen?

Verschärfung der Flüchtlingskrisen

„Frau Merkel, Herr Seehofer und Herr Gabriel haben sich zusammen mit großen Teilen der Finanzwirtschaft, Konzernen und auch Medien schuldig gemacht an der Verschärfung der Flüchtlingskrisen. Ihre permanenten Agitationen gegen die Erneuerbaren Energien, ihre Stützung von Großkonzern-Interessen im Agrarsektor, ihre Rohstoffbeschaffungspolitik, führen nur dazu, dass auch der deutsche Erdölkonsum weiter die IS Terroristen finanziert und weiter das Klima aufheizt. Ohne einen schnellen Umbau des Erdölzeitalters zu einer kohlenstoffarmen Weltwirtschaft mit sozial gerechten Strukturen werden wir die ständig wachsenden Flüchtlingsströme niemals bewältigen können.“

Fells Fazit: Wir brauchen einen schnellen Umbau auf eine weltweite Versorgung mit 100% Erneuerbaren Energien, eine ökologische Agrarwirtschaft und einen fairen Welthandel, damit Terrorfinanzierung, Korruption und Vertreibung durch Rohstoffabbau eingedämmt, sowie Armutsbekämpfung und eine Abkühlung des Weltklimas möglich werden. „Ein Umbau der Energieversorgung zu 100% Erneuerbaren Energien ist ein wesentlicher Beitrag zur mittel- und langfristigen Bekämpfung der Flüchtlingsströme“, so Fell. Und Benjamin L. Bodirsky, Ko-Autor eine neuen Studie des PIK-Potsdam, ergänzt: „Schon heute verursacht ungesunde Ernährung eine höhere Sterblichkeit als Unterernährung und Hunger.“ Gemeint sind rotes Fleisch, Zucker und verarbeitete Nahrungsmittel, wichtige Risikofaktoren für nichtübertragbare Krankheiten wie Diabetes II, Krebs, oder Herz- und Kreislaufkrankheiten.

Klimaflüchtlinge sollen mehr Schutz erhalten

Die Schweiz und Norwegen setzen sich dafür ein, dass Klimaflüchtlinge besser geschützt werden. 2012 hatten die beiden Länder dafür die „Nansen Initiative“ lanciert. Deren Ergebnis – eine Schutzagenda – wurde am 13.10.2015 im Rahmen einer Abschlusskonferenz in Genf präsentiert. So das St.Galler Tagblatt Online.

Mit der Nansen Initiative war 2012 ein globaler Konsultationsprozess angestoßen worden, um Maßnahmen zum besseren Schutz von Klimaflüchtlingen zu identifizieren und infolge von Katastrophen wie des Klimawandels entstehende Bevölkerungsbewegungen besser zu verstehen.

Von 2008 bis 2014 weltweit 184 Millionen Klima-Flüchtlinge – ein Mensch pro Sekunde

Jedes Jahr werden laut einer Mitteilung des Schweizer Außenministeriums (EDA) Millionen Menschen aufgrund von Naturkatastrophen vertrieben: Von 2008 bis 2014 seien weltweit 184 Millionen Menschen vor Überflutungen, Orkanen, Erdbeben, Dürren und anderen Naturkatastrophen geflüchtet. Das seien 26 Millionen Menschen pro Jahr oder ein Mensch pro Sekunde. Die meisten der Vertriebenen finden Zuflucht im eigenen Land, andere fliehen über die Landesgrenzen. Angesichts des Klimawandels drohten diese Zahlen künftig zu steigen, warnte Außenminister Didier Burkhalter. Die verabschiedete Agenda ziele nicht auf die Schaffung einer neuen internationalen Konvention oder den Status „Klimaflüchtling“ – vielmehr gehe es darum, vorbeugende Maßnahmen in den Herkunftsländern der Vertriebenen zu stärken. Dazu gehörten die Erarbeitung von Notfallszenarien für den Katastrophenfall. Oder die geplante Umsiedlung von Menschen, die beispielsweise in Küstennähe oder kleinen Inselstaaten lebten und vom steigenden Meeresspiegel bedroht seien.

Das St. Galler Tagblatt legt Wert auf die abschließende Information: „Die Verabschiedung der Schutzagenda erfordert in der Schweiz keine Gesetzesänderung, da im Dokument nicht verlangt wird, dass der geltende Flüchtlingsbegriff auf die sogenannten Klimaflüchtlinge ausgeweitet wird.“ (tagblatt.ch)

Folgt: Ein Hintergrund der Klima-Allianz: Klimawandel als Ursache von Migration und Flucht

Ein Hintergrund der Klima-Allianz: Klimawandel als Ursache von Migration und Flucht

Steigende Temperaturen und Meeresspiegel, veränderte Niederschlagsmuster und zunehmende Extremwetterlagen, schmelzende Gletscher und immer häufigere Naturkatastrophen: Die Symptome des Klimawandels haben erhebliche Auswirkungen auf Umwelt und Menschheit. Besonders betroffen sind vor allem die Menschen, die am wenigsten für den Klimawandel verantwortlich sind. Dahingegen spüren die industrialisierten Länder mit ihren hohen CO2-Emissionen bislang verhältnismäßig wenig von den Folgen globaler Erwärmung und sind zugleich finanziell besser ausgestattet, um sich an diese anzupassen. Ein Hintergrund der Klima-Allianz zu einem hoch-aktuellen Thema.

Die Folgen des Klimawandels gefährden Lebensgrundlagen, verschärfen (Ressourcen-)Konflikte und machen die Heimat von Millionen Menschen zeitweise oder dauerhaft unbewohnbar. Auch wenn es aufgrund der Komplexität von Migrationsprozessen und ungenauer Datenlagen schwer zu messen ist, gehört der Klimawandel zu den wesentlichen Push-Faktoren, die Menschen zu Flüchtlingen und Migranten machen.

Bereits in den 90er-Jahren stellte der IPCC fest, dass Klimamigration eine zunehmend schwerwiegende Herausforderung sei und erwarten 150 Millionen KlimamigrantInnen bis 2050. Im Ende September veröffentlichten ersten Teil des 5. Sachstandsberichts prognostizieren die Forschenden einen deutlich höheren Meeresspiegelanstieg als bisher angenommen. In den neueren Szenarien wird davon ausgegangen, dass der globale Meeresspiegel auf bis zu 0,8 Meter in den nächsten 90 Jahren steigen könnte. Somit könnten Menschen z.B. in Bangladesch oder auf den Malediven noch schneller und heftiger von Landverlust betroffen und zur Migration gezwungen werden.
Trotz dieser Einschätzungen stocken die internationalen Verhandlungen zur Eindämmung des Klimawandels weiter. Aus Sicht der Klima-Allianz Deutschland sind die bisherigen nationalen und internationalen Maßnahmen zur Vermeidung und Anpassung enttäuschend.

Hintergrund

„Ein Drittel Bangladeschs wird am Ende dieses Jahrhunderts unter Wasser stehen. Die Malediven und etliche Inselstaaten werden verschwinden: unser Atlantis des einundzwanzigsten Jahrhunderts.“ Joseph Stieglitz (Wirtschaftswissenschaftler, Nobelpreisträger 2001)

Der Klimawandel als Ursache von klimabedingter Migration und Flucht

  • Humanitäre Katastrophen: Stürme, Regenfluten, Dürren, Überschwemmungen zerstören Hab und Gut sowie Lebensgrundlagen: sie verschmutzen Trinkwasser und beschädigen die örtliche Landwirtschaft (Ernteausfälle, Bodenverlust, Infrastruktur); zwingen die Menschen zur unmittelbaren (oft nur zeitweiligen) Flucht; bis 2080 zusätzliche 600 Mio. Menschen von Hunger betroffen
  • Steigende Wasserknappheit: Regenmengen nehmen ab, Schmelzflüsse führen weniger Wasser, regenarme Gebiete trocknen aus; bis 2080: zusätzliche 1-3 Mrd. Menschen ohne ausreichend Wasser.
  • Meeresspiegelanstieg: Hunderte Mio. Menschen in Küstengebieten (z.B. Hälfte Bangladeschs) bzw. Inseln (z.B. Kiribati und Tuvalu) allein bei steigendem Meeresspiegel von 1m von dauerhaftem Landverlust bedroht
  • Verlust von Ökosystemen und Biodiversität: gefährden die Ernährungssicherheit bzw. Lebensgrundlagen, insbesondere dort, wo Einkommensquellen unmittelbar von intakten Ökosystemen abhängen (z.B. Fischerei und Landwirtschaft).
  • Gesundheit: Weniger Wasser und steigende Temperaturen begünstigen Ausbreitung von Keimen und Krankheitserregern bzw. deren Überträger.
  • Zunehmende Konflikte: Sinkende Verfügbarkeit von Wasser und Land führt zu wachsenden Spannungen z.B. zwischen Bevölkerungsgruppen.

Migration erfolgt immer als Antwort auf ein Bündel von Ursachen, darunter Perspektivlosigkeit, Armut, Konflikte oder soziale Ausgrenzung. Der Klimawandel verschärft all diese Gründe.

Folgen des Klimawandels im Hinblick auf Migrations- und Fluchtbewegungen bereits heute dramatisch

Auch wenn deshalb Prognosen zum Ausmaß klimabedingter Migration schwierig sind, bestätigt eine kontinuierlich wachsende Zahl von Länderstudien, dass die Folgen des Klimawandels im Hinblick auf Migrations- und Fluchtbewegungen bereits heute dramatisch sind. So werden immer mehr Menschen zu Flucht, Migration und Umsiedlung gezwungen, weil die Lebensgrundlagen vor Ort nicht mehr gesichert sind bzw. Überleben unmöglich wird:

Mögliches Ausmaß von klimabedingter Migration im Jahr 2050:

Aus Sicht der Klima-Allianz Deutschland reichen die bisher geplanten bzw. zugesagten Klimaschutzanstrengungen der Staaten – einschließlich Deutschlands – nicht aus, die Erwärmung unter 2°C zu halten – mit verheerenden Folgen v.a. in den Entwicklungsländern. Selbst wenn die globale Erwärmung unter der wichtigen Zwei-Grad-Plus-Grenze bleibt, werden die klimatischen Veränderungen tiefgehende Schäden anrichten. Selbst wenn es in einem surrealen Szenario gelänge, den Ausstoß von Treibhausgasen sofort auf null zu senken: Die Temperaturen würden wegen der verzögerten Wirkung der Treibhausgase in der Atmosphäre in den nächsten drei bis vier Jahrzehnten trotzdem ansteigen und als Resultat Menschen zu Migranten und Flüchtlingen machen.

Deshalb ist ein umso konsequenterer Klimaschutz und Hilfe bei der lokalen Anpassung an den Klimawandel nötig, um die Notwendigkeit und das Ausmaß von Migration und Flucht zu verringern. Hierbei ist ein zielgenauer Umgang mit den Betroffenen wichtig: Verschiedene Arten von Migration und Flucht erfordern eine zielgruppenspezifische Unterstützung (akute Nothilfe / Rehabilitierung, zeitweilig / dauerhaft, im Land / grenzüberschreitend / Totalverlust etc.).

Folgt: Handlungsfelder – Vorschläge zur Diskussion

Handlungsfelder – Vorschläge zur Diskussion

(erarbeitet von Sophia Wirsching, Brot für die Welt, und Jan Kowalzig, Oxfam Deutschland)

1. Binnenmigration durch graduelle Veränderungen:

  • sich in UN für völkerrechtlich verbindliche Rechte bei Binnenmigration einsetzen
  • andere Länder mehr und besser bei der Anpassung an den Klimawandel unterstützen
  • die Klimafinanzierung und den Anteil für Anpassung in der deutschen EZ erhöhen
  • feste finanzielle Zusagen an den Adaptation Fund und den Least Developed Countries Fund machen

2. Flucht vor Katastrophen:

  • das System der Humanitären Hilfe ausbauen
  • die Not- und Übergangshilfe (Koordination des Auswärtigen Amtes und des BMZ) besser verzahnen

3. Grenzüberschreitende Migration:

  • regionale Zusammenarbeit verstärken (z.B. bilaterale Abkommen zur Aufnahme betroffener Menschen)
  • Kooperationen durch EZ fördern
  • grenzüberschreitende Anpassungsmaßnahmen fördern
  • Nansen-Initiative weiterentwickeln

4. Schutz/Rechte bei grenzüberschreitender Migration/Flucht:

  • neues völkerrechtliches Abkommen/Instrument entwickeln, um Schutzansprüche betroffener Menschen einzuordnen und abzusichern
  • Kompensationsmöglichkeiten für betroffene Menschen/Gruppen ausloten

5. Migrationspolitik in Deutschland:

  • umsetzen, dass Menschen, die auf der Flucht vor dem Klima Schutz suchen, die gleichen Rechtsansprüche wie völkerrechtlich anerkannte Flüchtlinge haben (Subsidiärer Schutz)
  • Zugangs- und Aufenthaltsmöglichkeiten für Schutzbedürftige verbessern
  • Asyl- und Migrationspolitik in Deutschland und Europa grundlegend reformieren und menschenwürdig gestalten (weitere Info zum Reformbedarf: UNHCR-Papier zum Flüchtlingsschutz, Refugee Tent Action, PRO ASYL)

Klima-Allianz und VENRO veröffentlichten Positionspapier

Kurz vor Beginn der internationalen Klimaverhandlungen in Paris (COP21) haben die Klima-Allianz Deutschland und VENRO (Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe deutscher Nichtregierungsorganisationen e.V.) in einem gemeinsamen Positionspapier unter dem Titel „Der Weg zu einer klimagerechten Zukunft – Forderungen der deutschen Zivilgesellschaft an die Bundesregierung zu den internationalen Klimaverhandlungen in Paris und den Perspektiven danach“ Forderungen an die Bundesregierung gestellt.

 

Folgt: Klima-Allianz Deutschland und VENRO fordern von der Bundesregierung: (Punkt 7) „Das Thema ‚Klimabedingte Migration‘ stärken“

Klima-Allianz Deutschland und VENRO fordern von der Bundesregierung: (Punkt 7) „Das Thema ‚Klimabedingte Migration‘ stärken“

Die Folgen des Klimawandels verschärfen bereits jetzt bestehende wirtschaftliche, soziale oder politische Probleme und erhöhen den Druck, Lebensräume verlassen zu müssen. Bei ungebremstem Klimawandel wird das Problem exponentiell anwachsen. Insbesondere arme und marginalisierte Menschen, die sich nur unzureichend an veränderte Lebensbedingungen anpassen können, sind gezwungen, ihre Herkunftsorte zu verlassen. Eine solche Migration verlangt den Betroffenen jedoch Ressourcen ab, die insbesondere auch durch die Auswirkungen von Umweltveränderungen und Klimawandelfolgen nicht vorhanden sind oder schwinden.

In der internationalen Politik fehlt es bislang an geeigneten Instrumenten und Regelwerken, angemessen mit klimabedingter Flucht und Migration umzugehen, insbesondere wenn sie über Staatsgrenzen hinweg geschehen. Diejenigen, die aufgrund einer Überschwemmung oder anderer Naturkatastrophen ihr Herkunftsland verlassen, sind bislang nicht ausreichend geschützt. Nach aktuellen Angaben des Norwegischen Flüchtlingsrats (Norwegian Refugee Council, NRC 2015) haben in den vergangenen sieben Jahren jedes Jahr durchschnittlich 22,5 Millionen Menschen ihr Zuhause durch klima- oder wetterbedingte Katastrophen verloren. Täglich wurden so 62.000 Menschen aus ihren Heimatregionen vertrieben. Dabei waren besonders viele Menschen aus den ärmsten Ländern betroffen.

Gleichzeitig spielt die Frage nach den Menschen, die aufgrund des Klimawandels ihre Heimat verlassen, in den Debatten um Schäden und Verluste auf den internationalen Klimaverhandlungen eine immer bedeutendere Rolle. Im Anpassungsrahmenwerk von Cancún wurde bereits 2010 explizit die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit der Staatengemeinschaft im Umgang mit vom Klimawandel verursachter Migration vereinbart.

Im Arbeitsprogramm des internationalen Warschau-Mechanismus (COP19) zu Klimaschäden ist ebenfalls das Thema klimabedingte Migration auf der Agenda. Langfristig könnte dies die Arbeitsgruppe sein, in der Möglichkeiten gefunden werden, Ansprüche auf Schutz und Wiedergutmachung geltend zu machen. Fragen danach, wie Menschen unterstützt werden können, die ihr Land und ihr Eigentum durch die Folgen des Klimawandels verlieren oder verloren haben, werden von Staaten überaus kontrovers diskutiert. Dennoch bietet die Debatte über Schäden und Verluste die Chance, gerade hier die notwendigen menschenrechtlichen Kriterien völkerrechtlich zu verankern – also muss die Bundesregierung

  • sich in Paris deutlich zur Nansen-Initiative bekennen und ihre politische Unterstützung bekräftigen;
  • weitere schutz- und menschenrechtsorientierte Kooperationen zwischen Staaten bei den Klimaverhandlungen in Paris im Zusammenhang mit klimabedingter Migration und Vertreibung fördern und unterstützen;
  • die Klimaverhandlungen und hier insbesondere die Arbeit des internationalen Warschau-Mechanismus dazu zu nutzen, den verbindlichen, völkerrechtlichen Schutzanspruch der Betroffenen abzusichern. (solarify.eu/weg-zu-einer-klimagerechten-zukunft)

Juncker sauer

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat den Mitgliedstaaten unmittelbar vor dem EU-Gipfel am 15.10.2015 Versäumnisse in der Flüchtlingspolitik vorgeworfen – doch statt um Geld gegen Fluchtursachen, wie es Brüssel fordert, ging es auf dem Gipfel vor allem um die Frage, wie man die Grenzen besser abriegeln kann: „Es reicht nicht, Versprechen abzugeben, es müssen auch Taten folgen“, sagte der Kommissionschef vor dem EU-Parlament. Er beklagte vor allem die schlechte Zahlungsmoral der EU-Mitgliedsländer, nachdem diese umfassende Finanzzusagen beim EU-Sondergipfel am 23.09.2015 gemacht hätten.

Nur neun Millionen (!) Euro statt zugesicherter 1,8 Milliarden

So habe die EU-Kommission zusätzliche 500 Millionen Euro an humanitärer Hilfe zur Verfügung gestellt – die Mitgliedsländer hätten zwar den gleichen Betrag versprochen, bisher fehlten aber 225 Millionen Euro. „Ich verlange, dass der Europäische Rat morgen diese 225 Millionen Euro bringt“, sagte Juncker. Gleiches gelte für den syrischen Treuhandfonds, in den aus Brüssel ebenfalls 500 Millionen Euro geflossen seien, während die EU-Staaten noch 492 Millionen Euro einbringen müssten. Ganz schlimm sieht es beim Afrika-Fonds aus: da seien nur neun Millionen Euro statt der zugesicherten 1,8 Milliarden Euro aus den EU-Hauptstädten eingegangen. Lediglich Deutschland, Spanien und Luxemburg hätten bisher jeweils drei Millionen Euro geliefert. Auch bei der personellen Aufstockung der EU-Agenturen hinken die Mitgliedsländer laut Juncker hinterher. So seien für die EU-Asylagentur 347 zusätzliche Beamte zugesagt. „Bis jetzt haben die Mitgliedstaaten 81 Mann geliefert.“ Die Grenzschutzagentur Frontex habe 775 zusätzliche Stellen beantragt, bis jetzt seien aber nur 48 Posten vereinbart worden. (EurActiv)

Folgt: Erneuerbare Energien durchsetzen, Klimawandel und Armut bekämpfen ist eins

Erneuerbare Energien durchsetzen, Klimawandel und Armut bekämpfen ist eins

Zurück zu Stern: Wir müssen bei einem anfangen (und das andere nicht aus den Augen verlieren): der sicheren, umweltfreundlichen und bezahlbaren nachhaltigen Energieproduktion. Gelingt sie, bekämpfen wir die drohende Klimakatastrophe und die Armut zur gleichen Zeit. Die betroffenen Länder bekommen neue Entwicklungschancen. Industrie, Handel und Gewerbe werden ausgebaut, wenn genügend Energie bereit steht; die Landwirtschaft wird aufblühen, wenn durch Meerwasserentsalzung große Flächen kultiviert werden können; die schnell wachsenden Städte zum Beispiel Nordafrikas werden menschliche Lebensbedingungen bieten, und das nicht nur den Reichen; Bildung und Ausbildung werden florieren.

Was wie eine paradiesische Verheißung klingt, ist Notwendigkeit: Wenn es nicht gelingt, den „Migrationsdruck“ (Ministerialsprache) zu senken, droht uns der „Marsch“ in einem Ausmaß, gegen das der jetzt begonnene ein Kinderspiel gewesen sein wird. Egal ob über die Meerenge von Gibraltar, oder über Libyen/Italien und Türkei/Griechenland und die Balkanroute – „der Marsch“ ist im Gang – wir wussten es schon lange, haben aber nichts getan. Wir können uns nur schämen, uns selbst und fremd-schämen für die 22 EU-Staaten, die ihre Hilfe immer noch verweigern.

„Das Wort ‚Klimaflüchtling‘ ist bis heute kein völkerrechtlich anerkannter Begriff. Erst im Juli dieses Jahres scheiterte ein dreifacher Familienvater von der Südseeinsel Kiribati endgültig damit, als erster Klimaflüchtling der Welt anerkannt zu werden. Der Mann hatte für sich und seine Familie in Neuseeland Asyl beantragt, aber das Oberste Gericht des Landes wies die Klage gegen seine Abschiebung ab. Die Richter räumten zwar ein, dass seine Heimat unter dem Klimawandel leide. Kriterium für eine Anerkennung als Flüchtling sei laut UN-Konvention aber, dass der Antragsteller in seinem Heimatland Verfolgung fürchten müsse.“ (gfx.sueddeutsche.de/Marshallinseln/chapter01)

Schießen?

Die letzte Einstellung des „Marschs“ – der übrigens damals in der Sparte „Unterhaltung“ lief, und am 25.09.15 unter dem gleichen Rubrum wiederholt wurde, allerdings vorsichtshalber weit nach Mitternacht – zeigt die jubelnden Teilnehmer des Marschs, die, nachdem sie die Meerenge von Gibraltar in Tausenden von hölzernen Nussschalen überwunden haben, wie sie auf die wartenden spanischen Soldaten und Panzer zulaufen. Offen bleibt, ob die schießen werden…

->Quellen: