Geringere Belastung durch Feinstaub und Ozon – DUH: „Politikversagen!“ – Greenpeace-Protest auf Berliner Siegessäule

UBA LogoAuch 2016 war die Luft in deutschen Städten zu stark mit Stickstoffdioxid belastet. Das zeigt die Auswertung der vorläufigen Messdaten der Länder und des Umweltbundesamtes (UBA). An gut 57 Prozent der verkehrsnahen Messstationen wurde der Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter (µg/m³) im Jahresmittel überschritten. Resümee laut UBA-Pressemitteilung vom 31.01.2017: „Dieselautos sind eine Hauptquelle für Stickstoffdioxid“.

Und weiter: Seit 2010 zeige sich ein nur leicht abnehmender Trend. Beim Feinstaub seien dagegen deutliche Fortschritte zu verzeichnen. 2016 ist das Jahr mit den niedrigsten Belastungen seit 2000. Auch die Ozonkonzentrationen waren im Vergleich zu den letzten 20 Jahren eher niedrig. Für Ozon und Feinstaub werden aber weiter die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen Werte deutlich überschritten; diese sind wesentlich strenger als die geltenden EU-Grenzwerte.

UBA: Diesel-Autos stoßen das meiste NO2 aus - Grafik © UBA/TREMOD 5.61

UBA-Präsidentin Maria Krautzberger - Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft für Solarify„Seit Jahrzehnten gefährdet Stickstoffdioxid unsere Gesundheit“, sagte Maria Krautzberger, Präsidentin des UBA. „Schuld sind in den Städten vor allem alte Diesel-Autos. Es kann aus Sicht des Gesundheitsschutzes nicht akzeptiert werden, dass die Kommunen keine Handhabe haben, um beispielsweise Dieselautos mit hohem Ausstoß aus den belasteten Innenstädten auszuschließen. Deutschland ist auch gegenüber der EU verpflichtet, für saubere Luft in den Städten zu sorgen. Dazu kann die Blaue Plakette einen wichtigen Beitrag leisten. Die Kommunen brauchen eine bundeseinheitliche Regelung, die festlegt, wer die blaue Plakette bekommt und wer nicht. Schließlich geht es darum, die Gesundheit ihrer Bürgerinnen und Bürger zu schützen.“

Feinstaub (PM10): Außer zu Beginn des Jahres blieben besonders feinstaubbegünstigende Wetterlagen aus, so dass 2016 die geringste Feinstaubbelastung seit 2000 gemessen wurde.

Städtischer Straßenverkehr - Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft für SolarifyNur an der verkehrsnahen Messstation am Stuttgarter Neckartor wurde erneut der EU-Grenzwert überschritten (PM10-Tagesmittelwerte über 50 µg/m³ an mehr als 35 Tagen im Jahr). Das UBA ist dennoch besorgt: Der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlene Wert von 20 µg/m3 im Jahresmittel wurde an fast einem Viertel aller Messstationen (24 Prozent) überschritten.

Luftqualtiät 2016 - Vorläufige Auswertung - Titel © Umweltbundesamt 2017Krautzberger: „Bund, Länder und Kommunen müssen und können gemeinsam weitere Anstrengungen unternehmen, um das Gesundheitsrisiko durch Feinstaub zu verringern.“ Dazu sei es dringend erforderlich, die direkte Freisetzung von Feinstaub aus privaten Holzfeuerungen zu reduzieren, aber auch die Freisetzung von gasförmigen Schadstoffen wie Ammoniak aus der Landwirtschaft, aus denen sich später Feinstaubpartikel bildeten.

Folgt: Ozon – und: DUH-Stellungnahme

Ozon – und: DUH-Stellungnahme

Kaminfeuer in Deutschland - Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft für SolarifyOzon: Anders als der Hitzesommer 2015 war der Sommer 2016 eher wechselhaft und es traten keine lang anhaltenden Schönwetterperioden auf, die die Ozonbildung hätten begünstigen können. Dennoch überschritten 21 Prozent aller Messstationen den Zielwert (der maximale Ozon-8-Stunden-Wert eines Tages darf an höchstens 25 Tagen pro Kalenderjahr – gemittelt über 3 Jahre – den Wert von 120 µg/m3 überschreiten).

Mit dem Klimawandel steigt das Risiko hoher Ozonkonzentrationen. Die extreme Hitze im Sommer des Jahres 2015 war ein Beispiel für Temperaturen, welche in Zukunft immer häufiger zu erwarten sein werden. Das UBA-Forschungsprojekt KLENOS (Klima Energie Ozon Staub) rechnet bis 2050 mit einen Anstieg von 30 Prozent bei den Ozon-Überschreitungstagen (Tage mit einem maximalen 8-Stunden-Mittelwert über dem Schwellenwert von 120 µg/m3).

Lokal, insbesondere in Süddeutschland, könnte der Anstieg sogar noch größer ausfallen. Das Problem kann allerdings begrenzt werden, wenn die Emissionen der Vorläuferstoffe des Ozons sinken – das sind vor allem Stickstoffoxide aus dem Verkehr und flüchtige organische Verbindungen aus Lösemitteln in Farben und Lacken.

„Nur wenn wir unsere Stickoxidemissionen in den Griff bekommen, können wir erhöhte Ozonbelastungen auch bei fortschreitendem Klimawandel vermeiden“, so Maria Krautzberger. „Ich bin froh, dass sich Ende 2016 alle EU-Staaten verpflichtet haben, bis 2030 die Emissionen von Feinstaub, Ammoniak, Stickoxiden und flüchtigen Kohlenwasserstoffverbindungen zu senken. Dadurch wird hoffentlich nicht nur die steigende Belastung durch Ozon begrenzt, sondern auch die Feinstaubbelastung gesenkt.“

DUH: „Studie zu Stickstoffdioxid-Werten in deutschen Städten belegt Totalversagen der Politik in Sachen Luftreinhaltung“
Die vom UBA veröffentlichten Jahreswerte für Feinstaub und Stickstoffdioxid kommentiert Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe: „Die am 31.01.2017 vorgestellten Messdaten des Umweltbundesamts dokumentieren eindrucksvoll das Totalversagen dieser Bundesregierung in der Luftreinhaltepolitik.
In der norwegischen Hauptstadt Oslo und aktuell der schweizerischen Stadt Tessin verfügten die Behörden wegen hohen NO2-Werten kurzfristig Fahrverbote für Diesel-Fahrzeuge und luden die Bürger zur kostenlosen Nutzung von Bussen und Bahnen ein. Die Bundesregierung lässt hingegen ihre Bürger im Dieselruß allein.
Trotz des vor 18 Monaten eingeleiteten Vertragsverletzungs-Verfahrens der EU-Kommission gegen die Bundesrepublik wegen andauernder Überschreitung der Luftqualitätsgrenzwerte wird die Dieselförderpolitik ungeniert fortgesetzt. Der Vertreter der Automobilindustrie in der Bundesregierung, Alexander Dobrindt, verhindert auch weiterhin die Verhängung angemessener und abschreckender Strafen gegenüber den beim Betrug ertappten Autokonzernen.
Die Daten des Umweltbundesamts sind eine Quittung für den Kniefall des Bundesverkehrsministeriums und des Bundesumweltministeriums vor den Interessen der Automobilindustrie, die Profitgier höher ansetzt als die Gesundheit der Menschen, die die giftigen Diesel-Abgase, die aus den Diesel-Pkw strömen, einatmen müssen.
DUH-Klagen für saubere Luft - Titel © Deutsche UmwelthilfeTrotz des Diesel-Abgasskandals diktiert die Autoindustrie der Politik weiterhin was zu tun ist und setzt sich gegen wirksame Maßnahmen für Luftreinhaltung und Diesel-Fahrverbote ein. Diese Tatenlosigkeit der Politik ist strafbares Verhalten. Wir werden die zuständigen Behörden auf dem Gerichtsweg dazu bringen, Dieselfahrverbote spätestens ab dem 01.01.2018 einzuführen. Wenn die verantwortlichen Politiker nichts unternehmen, ist das die einzig verbleibende Möglichkeit, um für saubere Luft in unseren Städten zu sorgen und die Gesundheit der Menschen zu schützen.“

Folgt: Greenpeace-Aktivisten protestieren auf Berliner Siegessäule

Greenpeace-Aktivisten protestieren auf Berliner Siegessäule

Aus Protest gegen die anhaltend schlechte Stadtluft haben Greenpeace-Kletterer der Skulptur auf der Berliner Siegessäule am 31.01.2017 eine Atemschutzmaske aufgesetzt und in knapp 70 Metern Höhe ein Banner mit der Aufschrift „Atemlos durch die Stadt“ gehisst.

Die UBA-Daten zeigen, so Greenpeace in einer Medienmitteilung, dass zahlreiche deutsche Städte den EU-Grenzwert für Stickoxid auch 2016 überschritten, manche erheblich. Stickoxid führt zu Asthma und Herzkreislauferkrankungen. Der giftige Luftschadstoff stammt hauptsächlich aus Dieselmotoren und verursacht pro Jahr alleine in Deutschland mehr als 10.000 vorzeitige Todesfälle, wie die Europäische Umweltagentur errechnet hat. „Der Autoverkehr sorgt weiter für dicke Luft in deutschen Städten“, sagt Greenpeace-Sprecherin Gesche Jürgens. „Verkehrsminister Dobrindt sieht tatenlos zu, wie schmutzige Dieselautos weiter die Gesundheit von Zehntausenden Stadtbewohnern gefährden. Städte brauchen endlich wirksame Werkzeuge, um die schmutzigsten Autos raus zu halten.“

Zum Schutz der Bevölkerung fordert Greenpeace Fahrverbote, wenn Grenzwerte nicht eingehalten werden. Ein Mittel dazu wären Umweltzonen auf Basis einer blauen Plakette. Damit könnten Autos mit besonders hohem Stickoxidausstoß ausgeschlossen werden. „Mittelfristig müssen Verbrennungsmotoren ganz raus aus der Stadt“, fordert Jürgens. „Deutsche Städte müssen Radfahrern, gemeinsam genutzten E-Autos und dem öffentlichen Nahverkehr klar Vorrang einräumen.“

UBS-Bank: Diesel in zehn Jahren „nahezu vollständig“ verschwunden 

Mehr als die Hälfte der verkehrsnahen Messstationen des UBA zeigen auch für das Jahr 2016 zu hohe Stickoxidwerte. Diese Quote nimmt seit Jahren kaum ab. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO lassen schon langfristig um zehn Mikrogramm erhöhte NO2 Werte die Zahl vorzeitiger Todesfälle um bis zu acht Prozent steigen. Die Europäische Umweltagentur nennt Luftverschmutzung das größte umweltbedingte Gesundheitsrisiko.

Seit Beginn des VW-Abgasskandals im Herbst 2015 steht der Diesel massiv unter Druck. Die Schweizer UBS-Bank geht in einem Report davon aus, dass Dieselautos innerhalb der kommenden zehn Jahre „nahezu vollständig“ vom Markt verschwinden werden. Inzwischen ist breit dokumentiert, dass ein Großteil der Hersteller Dieselmodelle verkauft, die auf der Straße mehr giftiges Stickoxid ausstoßen als erlaubt. Viele überschreiten die Grenzwerte um ein Vielfaches. Erste Städte ziehen Konsequenzen. Oslo hatte im Januar wegen schlechter Luft ein zweitägiges Fahrverbot für Dieselautos verhängt. Madrid, Paris und Athen haben beschlossen, ab dem Jahr 2025 Dieselwagen in der Innenstadt ganz zu verbieten.

->Quellen: