Der ökologische Anspruch der Energiewende

Entropie ist unumkehrbar

Bereits 1975 veröffentlichte der Politiker und Umweltschützer Herbert Gruhl sein Buch „Ein Planet wird geplündert – Die Schreckensbilanz unserer Politik“, in dem er gleich zu Beginn schreibt: „Die Bewohner dieser unserer Erde werden in den nächsten Jahrzehnten gewaltige Veränderungen erleben – nur nicht die, welche in den letzten Jahrzehnten überall vorausgesagt wurden“. Irgendwie passt das auch heute noch: Unabhängig von Verfügbarkeit und den ökologischen Konsequenzen einer weiterhin zunehmenden Ausbeutung von Rohstoffen, blickt man optimistisch in die Zukunft. Meist geht es in der Diskussion nur um die Bezahlbarkeit bzw. technische Umsetzung einer künftigen Energieversorgung.

Barbara Unmüßig - Foto © boell.deDas unterstreicht auch der Beitrag von Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung und Co-Autorin der Veröffentlichung “Kritik der Grünen Ökonomie”, für die SONNENENERGIE-Serie Après Paris. Sie schreibt dort: „Wir erleben, wie mit Konzepten der Grünen Ökonomie, wie sie sich die Weltbank, die OECD oder die EU ausdenken, derzeit eine Vorstellung hoffähig gemacht wird, dass wir ausschließlich mit einem „Ergrünen“ der Wirtschaft die ökologischen Krisen reparieren und den Klimawandel bewältigen können, ohne unsere Wirtschafts- und Wachstumsmodelle wesentlich antasten zu müssen … Damit werden Illusionen geschürt, dass wir die Klimakrise ohne größeres politisches und ökonomisches Umsteuern und Verhaltensänderungen schon gepackt bekommen … Die Hoffnungsträgerin Nummer 1 beim Verlagern des Handelns in die Zukunft sind Technologien, die uns vor der großen Klimakatastrophe retten sollen. An sie klammern sich alle diejenigen, die hoffen, dass wir weiter konsumieren und produzieren können wie bisher.“

Zurück zu Herbert Gruhl. In seinem nach wie vor lesenswerten Buch, erklärt er die Problematik unter anderem am thermodynamischen Begriff der Entropie: „Es ist ein Naturgesetz, dass sich die Konzentrationen wertvoller Bestandteile in der Erdkruste aufgrund natürlicher Vorgänge und neuerdings menschlicher Eingriffe in weniger dichte Konzentrationen verwandeln. Auf unserer Erde findet ein fortwährender Prozess der Angleichung statt, indem sich die Stoffe vermischen … Die menschliche Tätigkeit sondert Stoffe zu sehr eigenwilligen Extremformen, widernatürlichen Ausnahmen, die demgemäß nicht von langer Dauer sind: Häuser, Autos, Flugzeuge, Kathedralen. Der Konsumtionsprozess dagegen ist eine Vermehrung der gesellschaftlichen Entropie, denn er verwandelt diese wenig wahrscheinlichen Strukturen in Strukturen größerer Wahrscheinlichkeit, wie Staub, Erde und Würmer. Die menschlichen Konzentrate haben nur vorübergehend Bestand und tragen dann als Abfall in einem Ausmaß zur Entropie bei, dass heute die natürliche Entropie weit übertrifft … Der wirtschaftliche Erfolg wird gegenwärtig daran gemessen, welche Mengen die Werke aus unseren Rohmaterialvorräten bearbeiten und zu Produkten machen, die schließlich nur die Schadstoff- und Müllmengen erhöhen. Das Bruttosozialprodukt ist letzten Endes nur eine Messzahl für den Durchsatz an Rohstoffreserven, die zu Müll werden. Eine andere Formulierung von (Kenneth E.) Boulding lautet: „all things slide down towards a middle muddle unless somebody does something about it.“ Etwa: Wenn niemand was dagegen tut, dann verwandelt sich alles in einen mausgrauen Matsch.”

Suffizienzpotenziale ausschöpfen

Die Energiewende kann nur gelingen, wenn sie sozial- und wirtschaftsverträglich ist. Hierbei müssen alle Interessen berücksichtigt werden, auch jene, die nicht so durchsetzungsstark sind. Sonst verliert die Demokratie ihre Eigenschaft, jedem wenigstens die gleiche Chance zu bieten. Vielleicht ist die Gesellschaft aber auch schon weiter. Eigene Energie, wie beispielsweise Solarstrom, kann inzwischen jeder Privathaushalt sowohl selbst erzeugen als auch speichern, und in Verbindung mit dem Ausschöpfen von Suffizienzpotenzialen sowie konsequentem Recycling seinen Beitrag zur Energiewende leisten. Auch wenn die Bemühungen um mehr Effizienz und ehrgeizige Ziele zur Energieeinsparung nicht zu bestreiten sind und es von Seiten der EU und auch der Bundesregierung große Pläne gibt, sind die Erfolge doch recht mäßig. Der Fokus, das ist das Manko, zielt nicht auf einen Wandel unseres Wirtschaftens hin, es soll weiterhin produziert und konsumiert werden, effizienter, aber in der Sache unverändert. Grünes statt graues Wachstum ist jedoch auch keine Lösung, es führt im Idealfall lediglich zu einem verzögerten Eintreten der ‘gewaltigen Veränderungen'”. (Matthias Hüttmann)

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