Umstrittene EU-Biokraftstoff-Politik

Fortschrittliche Biokraftstoffe schaffen neue Jobs

Die Organisation Transport and Environment (T&E) wirbt für einen vollständigen Ausstieg aus Biokrafstoffen bis 2030 und behauptet, der Wechsel zu fortschrittlichen Biokraftstoffen könne sich als Jobmotor entpuppen. Wenn ein sukzessiver Ausstieg entsprechend des Kommissionsvorschlags erfolge, dürfte es keine Jobverluste im Bereich der Biokraftstoffe aus Nahrungspflanzen geben, sagt T&E Expertin Laura Buffet. Die Industrie habe genügend Zeit, sich anzupassen.

Buffet verweist auch auf eine Studie des International Council on Clean Transportation (ICCT), wonach durch den Wechsel hin zu Kraftstoffen aus Abfällen und Reststoffen zehntausende Stellen, unter anderem auch im Bausektor, gesichert werden könnten. „Es scheint klar zu sein, dass ein Wechsel hin zu saubereren Alternativen wie Kraftstoff aus Reststoffen keinen negative Effekt auf die Arbeitslosenzahlen hat – auch nicht in ländlichen Gebieten”, so ihr Fazit.

Biokraftstoffproduktion in Ungarn

Dr. Zoltán Szabó, Nachhaltigkeitsberater in der Bioenergie-Industrie, hält es für einen fundamentalen Fehler, die Anzahl der Arbeitsplätze, die durch Bioethanol geschaffen und erhalten werden, mit denen in der Landwirtschaft gleichzusetzen. Studien zeigten, dass der Energiesektor mit indirekter Arbeit in den Service-, Logistik- und Wartungsindustrie deutlich mehr Jobs schafft, als die Landwirtschaft allein. Die Bio-Raffinerien seien „wichtige Treiber der Arbeitsplatzschaffung in ländlichen Gebieten.“

Eine Untersuchung des Forschungsinstituts für Regional- und Wirtschaftswissenschaften der  Ungarischen Akademie der Wissenschaften befasste sich mit Pannonia Ethanol. Die Firma hat ihren Sitz in Dunaföldvár in Ungarn und produziert Treibstoff-Ethanol sowie Tierfutter. Mit einer Kapazität von 500.000 Tonnen Ethanol jährlich ist das Werk die größte Bioraffinerie Europas. Die Untersuchung fand heraus, dass Pannonia der Region viele Vorteile bringt. Die Präsenz der Firma hatte einen Spillover-Effekt auf andere Wirtschaftszweige mit der Folge von mehr als 2.000 direkten und indirekten Arbeitsplätzen. Insgesamt sei die Arbeitslosigkeit in Dunaföldvár auf den „zweitniedrigsten Stand im gesamten Distrikt Paks gefallen” (nach der Stadt Paks selbst, in der Ungarns einziges Atomkraftwerk steht).

Durch ungefähr 300 direkte Partnerschaften mit Bauern der Region seien auch Zwischenhändler ausgeschaltet worden. Dadurch stabilisierten sich die Preise und die Planungssicherheit der Landwirte, so der Report weiter. Auch Dunaföldvárs Bürgermeister Zsolt Horváth sagt: „Pannonia bietet konstante und verlässliche Nachfrage; die Preisinstabilität hat nachgelassen und lokale Landwirte konnten in neue Technologien investieren.“ Außerdem sei der Brain Drain, das Weggehen gelernter und hochgebildeter Menschen aus der Stadt, auffällig stark zurückgegangen.

Hintergrund

Die Europäische Kommission legte im November 2016 ihren Änderungsentwurf der Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED) für den Zeitraum nach 2020 vor – darin der Vorschlag eines verminderten Anteils von konventionellen Biokraftstoffen im Transportsektor: der Anteil dieser Kraftstoffe soll 2021 maximal 7 %, und 2030 maximal 3,8 % betragen dürfen. Gleichzeitig soll der Anteil „emissionsarmer Treibstoffe“ wie Erneuerbare elektrische Energie und fortschrittliche Biotreibstoffe auf 6,8 % steigen.

Die Kehrtwende der Kommission bei den konventionellen Biokraftstoffen hat  in Brüssel eine hitzige Debatte ausgelöst. Ethanolproduzenten warfen der Kommission vor, damit höheren Benzinverbrauch im europäischen Transport zu fördern, während auch die Biodiesel-Industrie den Vorschlag „nicht hinnehmbar“ nannte. Letztere fürchtet ebenfalls, dass fossile Brennstoffe vermehrt genutzt würden, da nicht genug fortschrittliche Biokraftstoffe zur Verfügung stünden. Derweil warnen Landwirte, der Kurswechsel der Europäischen Kommission in Bezug auf Biokraftstoffe gefährde tausende Arbeitsplätze.

->Quelle: euractiv.de/eu-biokraftstoff-politik-gefahr-oder-chance-fuer-die-laendliche-entwicklung