“Wenn Deutschland es nicht schafft, wer dann?”

Nachhaltigkeit in allen Politikfeldern mitdenken

Nachhaltigkeit braucht das Zusammenspiel aller und lässt sich nun wirklich nicht im Alleingang  umsetzen. Deshalb betont das Ziel 17 der Agenda ja ganz ausdrücklich die Bedeutung von  Partnerschaften zur Erreichung der Ziele. Wir haben das letztes Jahr während der  G20-Präsidentschaft und beim Gipfel in Hamburg aufzugreifen versucht und einen sogenannten  “Voluntary Peer Learning Mechanism” eingeführt. Ich freue mich, dass die argentinische  Präsidentschaft in diesem Jahr die Nutzung des Erfahrungsschatzes zur Umsetzung der Agenda 2030  fortsetzt.

Einen umfassenden strategischen Rahmen zur Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele brauchen wir auch auf  EU-Ebene. Wir sind gerade in der Europäischen Nachhaltigkeitswoche, die jedes Jahr stattfindet. Sie  dauert noch bis morgen und umfasst mehr als 5.400 Initiativen in insgesamt 33 Ländern – allein in  Deutschland über 2.000 Aktionen. Das ist eine bemerkenswerte Bilanz der Zivilgesellschaft. Ob  Handysammelaktionen, Kleidertauschbörsen oder Insektenschutz – es mangelt nicht an spannenden  Ideen. Wir haben diese Aktionswoche gemeinsam mit Frankreich und Österreich entwickelt. Ich möchte  mich bei beiden Ländern für die Zusammenarbeit bedanken.

Wir haben in Deutschland Anfang 2017 eine neue umfassende Nachhaltigkeitsstrategie beschlossen. Es  kommt darauf an, Nachhaltigkeit in allen Politikfeldern mitzudenken und die verschiedensten  Wechselwirkungen in den Blick zu nehmen. Denn so, wie sich zum Beispiel Umweltschutz,  Wirtschaftswachstum und soziale Sicherheit gegenseitig bedingen, so sind auch die 17  Nachhaltigkeitsziele als Einheit zu sehen. Deshalb müssen wir auch jeden technologischen  Fortschritt dahingehend überprüfen, ob er im Sinne von Nachhaltigkeit auch tatsächlich Mehrwert mit  sich bringt. Industrie, Innovation und Infrastruktur – die drei “I” – bilden deshalb auch das  neunte Ziel der Agenda 2030.

In diesem Zusammenhang kann der digitale Fortschritt nachhaltige Entwicklung voranbringen, weil wir  effizienter wirtschaften können, Ressourcen sparen und schonen können. Von der Telemedizin zum  Beispiel können ländliche Regionen profitieren, vernetzte Mobilität und mobiles Arbeiten können das  Verkehrsaufkommen und damit Umweltbelastungen verringern. Auch Künstliche Intelligenz kann in der  Wertschöpfung neue nachhaltige Möglichkeiten eröffnen. In Deutschland haben wir mit unserem hohen  Industrieanteil und hohen Forschungsniveau im Grunde eine gute Ausgangsbasis. Deshalb möchten wir  in Zukunft auch auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz “Made in Germany” als ein  Qualitätsmerkmal im Sinne der Nachhaltigkeit etablieren.

Ich erwähne Qualität in dem Zusammenhang, dass auch digitaler Fortschritt nicht nur eine Frage der  technischen Machbarkeit ist, sondern im Sinne von Nachhaltigkeit wünschenswert, wenn er auch  ethisch verantwortlich vorangetrieben wird. Die rechtlich-ethischen Fragen, die sich stellen,  müssen wir vernünftig beantworten. Deshalb haben wir in der neuen Koalitionsvereinbarung die  Einsetzung einer Daten-Ethikkommission vorgesehen. Auch wenn das vordergründig vielleicht kein  Nachhaltigkeitsziel betrifft, geht es im Grunde doch auch um Nachhaltigkeit. Dabei wünsche ich mir,  dass wir den digitalen Wandel nicht als Bedrohung empfinden, sondern neugierig auf Innovationen  bleiben und sie als Bereicherung verstehen – in wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer  Hinsicht gleichermaßen.

Viel zu lange waren Innovation und Wachstum mit einem steigenden Ressourcenverbrauch und mit  zunehmenden Schadstoffemissionen verbunden. Das können und dürfen wir uns nicht länger leisten.  Dabei müssen die Industrieländer mit gutem Beispiel vorangehen. Wir sehen ja auch, dass  Entwicklungsländer bestimmte technologische Stufen gleich überspringen können. Beispielsweise kann  die Energieversorgung in vielen afrikanischen Ländern mit Solarenergie erfolgen und nicht mit  Kohlekraftwerken. In der Telekommunikation nutzt man statt eines Festnetzanschlusses das  Mobiltelefon oder Smartphone. Das heißt, es geht nicht nur um althergebrachte Technologien, die wir  exportieren, sondern wir müssen die modernsten Technologien in die Entwicklungspartnerschaft  einbringen.

Ziel globale Treibhausgasneutralität