Christopher Schrader rezensiert “Im Tollhaus”

Mann und Toles erzählen unter anderem von Seitz und Singer

Beide Freds hatten in den 1990er-Jahren regelrechte Husarenstücke vollbracht, die bis heute in der internationalen Szene der Klimawandel-Leugner und bis nach Deutschland nachwirken. Frederic Seitz warf 1998 sein ganzes Renomée als ehemaliger Präsident der National Academy of the Sciences (NAS) in die Wagschale, um die sogenannte Oregon-Petition gegen das Kyoto-Protokoll zu lancieren. Der Aufruf zum Protest gegen die Begrenzung von Treibhausgasen enthielt ein vermeintlich wissenschaftliches Papier über die Wirkung von CO2 in der Atmosphäre. Dessen Aufmachung erinnerte an die hochangesehenen Proceedings der NAS, stammte aber tatsächlich aus einem obskuren Ärzteblatt.

Obwohl sich die Nationale Akademie schnell von dem Traktat und ihrem ehemaligen Chef distanzierte, fand die Petition 31.000 Unterzeichner. Bis heute wird diese Liste in den Zirkeln der Leugner als Beweis gehandelt, dass sehr viele qualifizierte Wissenschaftler den Grundthesen zum Klimawandel widersprächen. Tatsächlich stimmt das nicht, es waren nur wenige Klimatologen unter den Unterzeichnern. Auch Seitz selbst hatte als Quantenphysiker kein spezielles Fachwissen.

Fred Singer wiederum schaffte es im Jahr 1991, den anerkannten Klimaforscher Roger Revelle zu einem gemeinsamen Aufsatz zu überreden. Der Ozeanograph aus Kalifornien hatte nicht nur entscheidend am Entstehen der sogenannten Keeling-Kurve mitgewirkt, die seit 1958 kontinuierlich den steigenden CO2-Gehalt der Atmosphäre dokumentiert. Er hat als Professor in Harvard auch dem späteren US-Vizepräsidenten Al Gore die Augen für den Klimawandel geöffnet, wie der Politiker und Aktivist gern erzählt. Revelle war 1991 bereits todkrank, und als er sich nicht mehr wehren konnten, so heißt es im „Tollhauseffekt“, schmuggelte Singer eine Passage in das Manuskript, wonach die Menschheit nichts mit dem Klimawandel zu tun habe. Revelles Tochter versuchte, die Position ihres Vaters posthum richtig zu stellen, aber noch immer kursiert in den Kreisen der Klimawandelleugner das Papier, in dem „Al Gores Lehrmeister“ vermeintlich dessen Thesen anzweifelt.

[note Als wäre es ein Werk von Dali: Der Klimawandel schreitet voran und nichts passiert. Entnommen aus „Der Tollhauseffekt“ (2018)
© 2016 Michael E. Mann and Tom Toles, All rights reserved]

Folgt: Auch in Deutschland Mechanismen von Leugnen und Vernebeln