Christopher Schrader rezensiert “Im Tollhaus”

Kategorisierung der vermeintlichen Argumente – „die Stufen der Verleugnung“

Das Buch vom „Tollhauseffekt“ enthält außerdem eine wichtige Kategorisierung der vermeintlichen Argumente der Lobbyisten – Mann und Toles nennen das Kapitel „die Stufen der Verleugnung“. Allein das rechtfertigt eine deutsche Version. (Im Folgenden unterlegen wir die verbreiteten Klima-Mythen jeweils mit Links zur Webseite skepticalscience.com, deren Autoren sich die Mühe gemacht haben, sie zu sammeln, zu katalogisieren und zu widerlegen.)

[note Die Stufen der Verleugnung. Entnommen aus „Der Tollhauseffekt“ (2018) © 2016 Michael E. Mann and Tom Toles, All rights reserved]

Die erste Stufe und einfachste und primitivste Form des Leugnens ist es, den Anstieg der Temperaturen oder der Treibhausgase oder den Zusammenhang der beiden grundsätzlich abzustreiten. Dazu gehört das Gerede vom vermeintlich gesättigten CO2 und von der angeblichen, tatsächlich längst widerlegten Erwärmungspause seit 1998. Eine Variante davon ist es zu behaupten, man wisse es ja nicht genau, es gebe noch Streit in der Wissenschaft, es fehlten noch Daten, niemand könne sagen, ob der Klimawandel real sei – im Augenblick die liebste Äußerung amerikanischer Regierungspolitiker. Das wirkt dann nicht ganz so anachronistisch wie reines Abstreiten, erfüllt aber den gleichen Zweck. „Es wird immer Unsicherheiten geben, was aber nicht als Ausrede für Untätigkeit dienen darf“, schreiben dazu Mann und Toles. „Denn damit würde man sich dem Irrtum hingeben, dass wir nichts wissen, weil wir nicht alles wissen.“ (Hervorhebung im Original)

Etwas raffinierter ist schon die zweite Stufe, die Erwärmung und den gesteigerten Treibhauseffekt auf natürliche Ursachen zurückzuführen, zum Beispiel auf die schwankende Sonnenaktivität mit oder ohne Vermittlung kosmischer Strahlen. Es habe ja auch in früheren Zeiten eine Erwärmung des Klimas gegeben, heißt es dann oft. „Das ist mit der Argumentation vergleichbar, der mutmaßliche Brandstifter, der mit Streichhölzern und Brandbeschleuniger gefunden wurde, sei unschuldig, weil Waldbrände schließlich auch durch natürliche Ursachen ausgelöst werden können“, beschreiben die Autoren diese Form des Leugnens in ihrem Buch.

Auf der dritten Stufe geben die Gegner zwar zu, dass die Erde sich erwärmt und die Menschheit etwas damit zu tun hat, beharren aber darauf, dass sich das Problem von selbst lösen wird. Solche Behauptungen handeln meist von Veränderungen in den Wolken, die sich in der aufgeheizten Atmosphäre so verändern könnten, dass sie mehr Wärme ins Weltall abstrahlen oder von unten durchlassen. Das meiste davon ist widerlegt, aber Wolkenphysik ist vertrackt und keineswegs gut verstanden. Hier gibt es also noch legitime Forschung. Wer jedoch allein mit solchen vermeintlichen negativen Rückkopplungen argumentiert, ignoriert die Hinweise auf und Belege für gefährliche positive Rückwirkungen oder Teufelskreise, zum Beispiel: Wenn das Meereis in einem erwärmten Polarmeer schmilzt, kommt unter der weißen Oberfläche das blaue Wasser zum Vorschein. Es absorbiert Sonnenlicht, das sonst ins All reflektiert worden wäre, und heizt sich so weiter auf.

Die vierte Stufe des Leugnens ist erreicht, wenn allein die vermeintlichen Vorteile erhöhter Temperaturen und CO2-Spiegel herausgestellt werden. Das Gas sei schließlich ein wichtiger Nährstoff für Pflanzen, und wenn der Eispanzer Grönlands abschmelze gebe es neue Siedlungsflächen. Es werde dort wieder so grün werden wie es in der Zeit der Wikinger war. Diese Behauptungen stimmen erstens nicht, der Name Grönland zum Beispiel war auch zu jener Zeit Propaganda und keine korrekte Beschreibung. Und für viele Pflanzen machen die höheren Temperaturen den Vorteil von mehr Kohlendioxid wett. Zweitens ignorieren sie die massiven Nachteile für die Erde und ihre Bewohner, die von den möglichen Vorteilen nicht aufgewogen werden. Wenn Grönland frei ist, sind auf der ganzen Welt bereits mehr dicht besiedelte Küstenregionen verloren gegangen, als im Hohen Norden entstehen.

Die fünfte Stufe des Leugnens besteht darin, die Erkenntnisse der Wissenschaft auf der einen Seite anzuerkennen, aber den nötigen Klimaschutz als unmöglich darzustellen, als Jobkiller, als zu teuer, aussichtslos oder ungerecht. Hier entdecken die Gegner plötzlich ihr Herz für die Bewohner armer Länder, denen man die wirtschaftliche Entwicklung auf das Niveau der Industriestaaten nicht verwehren dürfe. Oder sie präsentieren absurde Beträge, die eine Umstellung des Energiesystems verschlingen werde – sich anzupassen, sei viel preiswerter. Tatsächlich belegen viele Studien, dass die Kosten des Klimaschutzes heute deutlich tiefer liegen als die Beträge für aktuelle und künftige Schäden oder Schutzmaßnahmen. Und gerade erneuerbare Energien können bei dezentralem Einsatz die Probleme armer Menschen in Entwicklungsländern lösen.

[note Erst war es immer zu früh, dann durfte man nicht darüber reden, dann war es zu spät. Wie wohl die Geschichte diesen Ablauf einst beurteilen wird? Entnommen aus „Der Tollhauseffekt“ (2018)
© 2016 Michael E. Mann and Tom Toles, All rights reserved]

Als sechste und letzte Stufe des Leugnens schließlich bezeichnen es Mann und Toles in ihrem Buch, wenn man allein auf technische Lösungen vertraut, die letztlich jegliche Umstellung im Lebensstil überflüssig machen werden. Das gilt nicht nur für Solarkraftwerke, Elektroautos oder bessere Dämmmaterialien für Häuser, sondern nach den Worten der beiden Autoren auch für all die Methoden, die unter dem Stichwort „Geoengineering“ diskutiert werden. Es geht dabei vor allem um Eingriffe in den Strahlungshaushalt der Erde, die einfallendes Sonnenlicht reduzieren sollen. „Klimawandel-Methadon“ nennen die beiden Autoren die Beschäftigung mit den Verfahren in einem eigenen Kapitel, also als Ersatzdroge, die es dem Süchtigen erspart, sich seiner Kohlenstoff-Abhängigkeit zu entledigen.

Folgt: Grenzziehung zwischen Erörtern von Thesen und Verbreiten von Propaganda nicht immer leicht