Christopher Schrader rezensiert “Im Tollhaus”

Grenzziehung zwischen Erörtern von Thesen und Verbreiten von Propaganda nicht immer leicht

Vor diesem pauschalen Urteil allerdings (und das ist jetzt die Meinung des Rezensenten) muss man mindestens das Gros der Wissenschaftler ausnehmen, die auch in Deutschland zum Beispiel an Methoden forschen, CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen. Sie sehen ihre Arbeit durch die Bank als mögliche Ergänzung und keinesfalls als Ersatz für die ehrgeizigste Reduktion der Emissionen einschließlich Veränderungen im Lebensstil. Der mögliche Gebrauch von manchen der Methoden macht vielen von ihnen Bauchschmerzen, sie propagieren ihn keineswegs. Sie als „Leugner der sechsten Stufe“ zu bezeichnen, wäre ungerecht und falsch.

Vorsichtig mit dem Vorwurf „Klimawandellleugner“ sollte man auch sein, wenn jemand in einer abgewogenen Argumentation einzelne Aspekte erwähnt, die isoliert betrachtet in eine der sechs Kategorien fallen könnten. Zum Beispiel die Frage, ob die im Klimawandel tendenziell abnehmenden Kälteextreme oder die zunehmenden Hitzeextreme, ob die milderen Winter oder die heißeren Sommer größeren Einfluss auf die Todesfallstatistik haben.

Es gibt epidemiologische Studien für beide Schlussfolgerungen; die Klimaforscherin Veronika Huber von der Universidad Pablo de Olavide in Sevilla diskutiert sie in einem aktuellen Post auf realclimate.org. Huber kommt dort zum Schluss: In den reichen Industrieländern überwiegt vermutlich der Effekt, dass wegen der milderen Winter insgesamt weniger Menschen zu früh sterben, und in den ärmeren Staaten ist es umgekehrt. Global betrachtet dürfte der Klimawandel darum deutlich mehr Leben kosten als retten.

Der Punkt an dieser Diskussion ist in diesem Zusammenhang: Zitiert jemand Studien, dass der Klimawandel die Mortalität senkt, ist der nicht schon deswegen ein Leugner der Stufe vier („der Klimawandel ist gut für uns“). Es sei denn, es wäre das Einzige, was sie oder er dazu sagt, bevor alle weiteren Details ignoriert und Einwände abgeblockt werden.

Die Grenzziehung zwischen dem Erörtern von Thesen und dem Verbreiten von Propaganda ist also nicht immer leicht. Aber Mann und Toles geht es ja sowieso nicht um echte Forscher, sondern um manche Politiker, um Journalisten, die ihren Beruf falsch verstanden haben, vor allem aber um Lobbyisten.

Diese professionellen Leugner, die das Buch vom „Tollhauseffekt“ beschreibt, waren und sind in der Nachfolge der beiden Freds regelrechte Universal-Propagandisten. In ihren Kreisen gibt es eine jahrzehntelange Kontinuität der Wissenschaftsfeindlichkeit. Sie haben sich einspannen lassen im Kampf um Zigaretten, DDT, Asbest, Sauren Regen, Nuklearen Winter und Ronald Reagans Star-Wars-Initiative, bevor sie sich dem Klimawandel zuwandten – meist im Dienst der Industrien, die aus den umstrittenen Produkten ihren Profit zogen. Mann und Toles erzählen diese Geschichte – die zum Beispiel Naomi Oreskes und Eric Conway in ihrem Buch „Merchants of Doubt“ sehr viel ausführlicher und akademischer ausbreiten – im „Tollhauseffekt“ als Überblick und sehr unterhaltsam nach, illustriert mit Karikaturen der Protagonisten und Cartoons zum Thema.

Das Urteil der beiden Autoren über die Männer aus den Lobbygruppen und der Politik, die sie da porträtieren (und es sind offenbar tatsächlich nur Männer), fällt harsch aus. „Viele Einzelpersonen haben ihre öffentliche Präsenz genutzt, um die Bewältigung des Klimawandels zu verlangsamen“, schreiben sie. Man müsse erkennen, dass sie „einfach nicht Teil der Lösung sein werden. Wir können und müssen ohne sie vorankommen.“ Schärfer formuliert noch ist diese Passage: „Wenn sie dazu beigetragen haben, uns zu einer katastrophal fehlgeleiteten politischen Reaktion zu führen, wie es offensichtlich scheint, dann darf die Geschichte nicht vergessen, wer sie sind und was sie getan haben.“ Zu dieser Geschichtsschreibung trägt der „Tollhauseffekt“ bei.

[note Die Autoren im Selbstporträt mit ihren liebsten Werkzeugen.
© 2016 Michael E. Mann and Tom Toles, All rights reserved]

Dieser Artikel erschien zuerst am 14. August 2018 in der Koralle KlimaSocial von Riffreporter.de: “KlimaSocial steht für einen Perspektivwechsel. Die Klimaforschung, über die wir hier schreiben, richtet ihren Blick weder auf Physik noch Technik, sondern auf soziale Prozesse. Mehr über uns und unser Thema hier. Wir freuen uns über freiwillige Unterstützung mit dem Knopf unten rechts oder dem Link hier. Wenn Sie Fragen haben oder regelmäßig Zusatzinformationen und eine Vorschau auf unsere nächsten Geschichten bekommen möchten, schreiben Sie uns bitte unter info@klimasocial.de.”