Nach LIAG-Ausschluss aus Leibniz-Gemeinschaft

Wissenschaftliche Zukunftsperspektiven des Leibniz-Institutes für Angewandte Geophysik (LIAG Hannover)

Der Abschluss der regelmäßig stattfindenden Evaluation der Leibniz-Gemeinschaft endete in diesem Jahr für das Leibniz-Institut für Angewandte Geophysik (LIAG) in Hannover mit einem Paukenschlag: Der Senat der Leibniz-Gemeinschaft empfahl Bund und Ländern, das LIAG ab Ende 2019 nicht weiter als Teil der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu fördern. Die taz nannte als Grund “mangelnde Profilbildung“. Jetzt erklärte die Deutsche Geophysikalische Gesellschaft (DGG), das LIAG werde sich inhaltlich und strukturell als zentraler Ansprechpartner für geowissenschaftliche Fragen in der Energiewende oder zum Klimawandel neu aufstellen. Als einzige außeruniversitäre Forschungseinrichtung für angewandte Methoden der Geophysik in Deutschland sei das LIAG “essentiell, um unabhängige wissenschaftliche Informationen zur Lösung gesellschaftlich relevanter Herausforderungen beizusteuern”.

Die Hannoversche Allgemeine meldete trocken: “Bund und Länder drehen Geoforschern in Hannover den Geldhahn zu – was wird aus dem Institut? Das Leibniz-Institut für Angewandte Geophysik (LIAG) wird aus der Leibniz-Gemeinschaft ausgeschlossen. Das hat die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern (GWK) beschlossen, wie das niedersächsische Wirtschaftsministerium in Hannover am 14.08.2019 auf Anfrage der HAZ bestätigte.”

Dem LIAG sei es nicht gelungen, so die Begründung der Leibniz-Prüfer, „ein wissenschaftliches Institutsprofil zu entwickeln und selbständig Forschungsthemen zu setzen“. Aus der Erklärung der DGG: “Die Umsetzung der Energiewende in Deutschland basiert auf der Abkehr der traditionellen Strom- und Energieerzeugung und der grundlegenden Umstellung unserer Energieversorgung auf erneuerbare Quellen. ‘Diese Transformation stellt uns gesellschaftlich vor enorme Herausforderungen, bei deren Lösung die Geophysik eine herausragende und vielfältige Rolle spielt’, erläutert DGG-Vizepräsident Christian Bücker (Wintershall DEA). ‘Die Standortuntersuchung für Windkraftanlagen, die Vorerkundung von Geothermiekraftwerken oder Endlagern und die Planung und Anlage von Untergrundspeichern benötigen hochspezialisierte und teils neu zu entwickelnde geophysikalische Methoden. Um diese vielfältigen Aufgaben erfüllen zu können, bedarf es einer entsprechend breiten Struktur geophysikalischer Forschungseinrichtungen, Institutionen und Firmen in Deutschland’, so Bücker.”

Das LIAG spiele mit seinen innovativen methodischen und wissenschaftlichen Entwicklungen als eigenständige außeruniversitäre Forschungseinrichtung eine zentrale Rolle. „Als Bindeglied zwischen der Hochschulforschung und der Anwendung in Feldversuchen ist das LIAG unverzichtbar, um die hochgesteckten Ziele der Energiewende zu unterstützen. Das LIAG ist im wahren Sinne einzigartig, denn es gibt kein vergleichbares Forschungsinstitut für Angewandte Geophysik bei uns“, ergänzt Bücker. Die Arbeiten des LIAG könnten weder von einer Hochschule, noch von außeruniversitären wissenschaftlichen Einrichtungen noch von Einrichtungen der privaten Wirtschaft übernommen werden.

Bücker fordert, das LIAG müsse die im Bericht des Senats der Leibniz-Gemeinschaft vom 26.03.2019 dargelegten Empfehlungen der Evaluierung zügig umsetzen, dabei eng mit Interessenvertretern aus Forschung und Wirtschaft zusammenarbeiten. Dazu zählten auch eigenständige Forschungsthemen, die das LIAG im Rahmen seiner wissenschaftlichen Profilbildung verstärkt setzen müsse. Dringend nötig sei der Aufbau einer eigenständigen Kernverwaltung sowie ein Ressortwechsel vom niedersächsischen Wirtschaftsministerium zum zuständigen Fachressort für Wissenschaft und Kultur.

Zentral für die zukünftige Förderung des LIAG als wissenschaftliches Forschungsinstitut werde die Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Strategie basierend auf übergreifenden Leitfragen zur Nutzung und Erkundung der oberen Geosphäre sein, meint DGG-Präsidentin Prof. Heidrun Kopp: „Die stringente Zusammenführung und Fokussierung strategisch relevanter Forschungsthemen birgt für das LIAG vielfältige Chancen und Möglichkeiten, die international anerkannte sehr hohe methodische und technologische Kompetenz der Fachsektionen auf wissenschaftliche Fragestellungen von zentraler gesellschaftlicher Bedeutung anzuwenden“.

Hintergrund: “Leibniz-Institut für Angewandte Geophysik verlässt die Leibniz-Gemeinschaft” – oder: “…wird ausgeschlossen”

Zur abgeschlossenen Evaluation wurde am 27.03.2019 eine Pressemitteilung der Leibniz-Gemeinschaft veröffentlicht: “Die Leibniz-Gemeinschaft empfiehlt, das Leibniz-Institut für Angewandte Geophysik (LIAG) nicht weiter zu fördern. Geophysikalische Forschung am Standort Hannover geht aber weiter. Die strukturellen Schwierigkeiten des LIAG sind nicht mit den Anforderungen der Leibniz-Gemeinschaft vereinbar.” Gemeint war damit unter anderem das Fehlen einer eigenen Verwaltung – aber auch die fehlgeschlagene Besetzung der Institutsleitung. Aktuell teilt sich das LIAG eine gemeinsame Verwaltung mit zwei Behörden am Geozentrum Hannover. „Als eines der Gründungsmitglieder der Leibniz-Gemeinschaft und seiner Vorgängerorganisationen bedauern wir die Entscheidung zutiefst“, sagt Prof. Manfred Frechen, stellvertretender Direktor des LIAG. „Das Ausscheiden des Instituts aus der Leibniz-Gemeinschaft wird einige Veränderungen mit sich bringen. Aber wir werden alles versuchen, dass das Institut in anderer Form weiter geophysikalische Forschung betreiben kann“, ergänzt LIAG-Verwaltungschef Thorsten Schweizer.

Seit 1948

Das LIAG kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. 1948 wurde es als „Institut für Geowissenschaftliche Gemeinschaftsaufgaben“ gegründet und war ursprünglich Teil einer staatlichen Behörde. Sigmar Gabriel, zu diesem Zeitpunkt Niedersächsischer Ministerpräsident, unterzeichnete vor gut 20 Jahren ein Gesetz, mit dem das LIAG ein eigenständiges und unabhängiges Forschungsinstitut wurde. Bis heute untersucht das LIAG mithilfe von eigens entwickelten Messmethoden wie der Scherwellenseismik wirtschaftlich nutzbare Bodenschichten, etwa zum Einsatz von Geothermie. Auf der Nordseeinsel Borkum wird beispielsweise die Trennung von salzigen und süßen Grundwasserschichten untersucht, um die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung zu verbessern.

Die taz: “Mit seiner Geokompetenz ist das LIAG mit 90 Mitarbeitern und einem Jahresetat von 10,6 Millionen Euro (finanziert zu 50 Prozent vom Bundeswirtschaftsministerium, 37,5 Prozent vom Land Niedersachsen und 12,5 Prozent von den übrigen Bundesländern) auch ein Teil des ‘Geozentrums Hannover’. Darin arbeiten neben dem Leibniz-Institut die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) und das Niedersächsische Landesamt für Bergbau, Energie und Rohstoffe (LBEG) zusammen”. Diese Verwaltungs-Verflechtung – und “seine Praxisstärke” drohen dem LIAG nun aber wissenschaftlich zum Verhängnis zu werden. Denn schon bei ihrer letzten Prüfung im Jahre 2012 hatten die Prüfer dem Institut empfohlen, stärker um wissenschaftliche Profilbildung besorgt zu sein. Offenbar “ohne Erfolg” (taz). In seinem Bericht (pdf-Datei) stellte der Leibniz-Senat fest, “die vor sieben Jahren angemahnten grundlegenden Verbesserungen [seien] nicht im erwarteten Maß erreicht worden“. Statt sich um das Wissenschaftsprofil zu kümmern, konzentriere sich das LIAG „weiterhin auf die Entwicklung von zwei Fachinformationsdiensten und die Methodenentwicklung“. Diese seien für sich genommen zwar sehr gut – es bleibe aber „unklar, welche wissenschaftlichen Ziele man mit diesen Entwicklungen verfolge“. Kurz und knapp: Die Leistungen des LIAG seien „gegenüber der vergangenen Evaluierung vor sieben Jahren rückläufig“.

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