2019: Emissionen steigen – wenn auch langsamer

Anstieg globalen CO2-Ausstoßes leicht gebremst – Konzentration in Atmosphäre steigt weiter

Das Tempo der Emissionen hat zwar leicht abgenommen, aber auch 2019 nehmen die Rekorde weiter zu: Die Erde hat sich seit vorindustrieller Zeit bereits um 1,1 °C erwärmt, und 2014-2019 ist die heißeste Fünfjahresperiode seit Bestehen der durchschnittlichen globalen Oberflächentemperaturen. Die Zunahme zeigen neue Berechnungen des Global Carbon Projects (CGP), an dem einer Medienmitteilung vom 02.12.2019 zufolge Wissenschaftler der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München maßgeblich beteiligt waren, und die zeitgleich in Nature Climate Change, Environmental Research Letters und Earth System Science Data publiziert wurden.

Werden der Klimawandel und seine Folgen beherrschbar? Die entscheidende Maßzahl dafür sind die globalen Kohlenstoffemissionen. Welche Mengen an Treibhausgasen, allen voran CO2, gehen Jahr für Jahr in die Atmosphäre und wieviel davon können Land und Ozeane aufnehmen und damit der Atmosphäre entziehen? Auch die Europäische Umweltagentur warnt.

Das GCP, ein weltweiter Zusammenschluss von Klimaforschern, an dem LMU-Geografin Julia Pongratz maßgeblich beteiligt ist, zieht jedes Jahr Bilanz. Auch 2019, so der neueste GCP-Report eines Teams von 76 Klimaforschern aus aller Welt, steigen die globalen Kohlenstoffemissionen weiter an, wenn auch langsamer als in den Vorjahren. Zwar wurde global gesehen weniger Kohle verbrannt, aber der wachsende Verbrauch von Erdgas und die Emissionszunahme aus Landnutzung haben den Rückgang mehr als wettgemacht. Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre stieg dadurch weiter an und wird im Jahresmittel einen Wert von 410 ppm (parts per million) erreiche – 47 Prozent mehr als der vorindustrielle Wert.

„Den internationalen Verpflichtungen, auf die sich die Staatengemeinschaft mit dem UN-Klimaabkommen von Paris geeinigt hat, folgt noch keine angemessene Umsetzung“, sagt Julia Pongratz vom Max-Planck-Institut für Meteorologie Hamburg, Inhaberin des Lehrstuhls für Physische Geographie und Landnutzungssysteme an der LMU und Mitglied im Kernteam der GCP-Studie. Die Emissionen aus der Verbrennung fossiler Energieträger werden mit wahrscheinlich fast 37 Milliarden Tonnen (Gt) CO2  mehr als vier Prozent höher ausfallen als 2015, dem Jahr des Paris-Abkommens. „Die CO2-Emissionen müssen drastisch zurückgehen und netto null erreichen, wenn eine weitere Erwärmung der Welt verhindert werden soll. Jedes weitere Jahr steigender Emissionen macht diese Aufgabe noch schwieriger.“

Wenn die globale Durchschnittstemperatur mehr als zwei Grad über das vorindustrielle Niveau steigt, so sind sich Wissenschaftler weltweit einig, drohen die Folgen des Klimawandels unbeherrschbar zu werden. Das Tempo, mit dem Emissionen aus der Verbrennung fossiler Energieträger ansteigen, hat sich indes verringert und liegt mit 0,6 Prozent (-0.2 bis +1.5 Prozent Unsicherheitsspanne) 2019 deutlich unter 2017 (1,5 Prozent) und 2018 (2,1 Prozent). Zum Anstieg tragen vor allem China und Indien bei, während Emissionen aus der EU und den USA fielen. In Europa sorgte vor allem ein höherer CO2-Preis dafür, dass die Emissionen zurückgingen, vor allem, weil weniger Strom aus Kohle erzeugt wurde. Der Verbrauch von Diesel und Kerosin stieg hingegen weiter. Gemittelt über das letzte Jahrzehnt, stammte knapp die Hälfte der fossilen CO2-Emissionen aus dem Energiesektor sowie jeweils knapp ein Viertel aus Industrie und Verkehr.

Trotz des Rückgangs bleibt Kohle mit 42 Prozent der fossilen Emissionen im letzten Jahrzehnt noch immer die Hauptquelle des anthropogenen CO2-Ausstoßes. Auch wenn bei der Verbrennung von Gas etwa 40 Prozent weniger CO2 pro Energieeinheit emittiert wird als bei Kohle, kann Gas bestenfalls ein kurzfristiger Ersatz in der Energieproduktion sein, merken die Forscher des Global Carbon Projects an, weil er schlechterdings nicht zum Ziel führe, die Gesamtemissionen auf netto null zu fahren. Emissionen aus Landnutzungsänderungen sind mit größeren Unsicherheiten behaftet und beliefen sich im letzten Jahrzehnt im Schnitt auf etwa 5,5 Gt CO2 pro Jahr.

Vorläufige Abschätzungen der Emissionen aus Landnutzungsänderungen für 2019 ergeben einen Anstieg von etwa 0,8 Gt CO2 gegenüber dem Vorjahr. Diese Zunahme dürfte vor allem auf eine Zunahme der Brandrodung im Amazonasgebiet zurückgehen.

Daten der brasilianischen Weltraumagentur zeigen, dass die Entwaldung im brasilianischen Teil des Amazonas-Regenwaldes seit 2008 stetig zugenommen hat. Gleichzeitig war auch die Feueraktivität in den Entwaldungsgebieten Indonesiens ungewöhnlich hoch.

Julia Pongratz betont indes die wichtige Rolle, die Land und Ozeane als CO2-Senken für die globale Kohlenstoffbilanz haben. Nur etwa 45 Prozent der CO2-Emissionen verbleiben in der Atmosphäre. Der Rest wird von den Weltmeeren und der Vegetation aufgenommen, eine „enorme Dienstleistung der natürlichen Systeme“, sagt Pongratz. „Noch ist nicht zu erkennen, dass die Aufnahmekapazität dieser Kohlenstoffsenken stagniert. Aber wir wissen von der sogenannten CO2-Düngung: Bei steigenden CO2-Gehalten der Atmosphäre erhöht sich die Pflanzenproduktivität, erreicht aber irgendwann eine Sättigung“, sagt die LMU-Geografin. „Zudem ist die Landsenke sehr anfällig gegen zunehmende Störungen, etwa aus Rodung übergreifende Feuer.

“Auch Dürre- und Hitzeereignisse werden in einigen Regionen im Zuge des Klimawandels den Prognosen zufolge häufiger und stärker auftreten und die Landsenke gefährden“, sagt Ana Bastos, Geografin an der LMU, die ebenfalls an der Studie mitgearbeitet hat. Seit Beginn der Industrialisierung haben sich Landnutzungsemissionen und die positiven Effekte der Landsenke in etwa ausgeglichen“, bilanziert Pongratz. „Die Ozeane sind deshalb die wichtigste Netto-Senke anthropogener Kohlenstoffemissionen.“

Das 2006 gegründete Global Carbon Project veröffentlicht seine neue Bilanz, während sich die internationalen Regierungen zum Klimagipfel der Vereinten Nationen (COP25) in Madrid versammeln. Aus Deutschland sind neben Julia Pongratz und Ana Bastos Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts (Bremerhaven), des Max-Planck-Instituts für Meteorologie (Hamburg), des Max-Planck-Instituts für Biogeochemie (Jena), der Universität Augsburg, des Karlsruhe Institute of Technology, des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung (Kiel) und des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung (Warnemünde) beteiligt.

Abstract aus “Persistent fossil fuel growth threatens the Paris Agreement and planetary health” (Environmental Research Letters)

Inmitten von Erklärungen zur planetarischen Notlage und Berichten, dass sich das Fenster zur Begrenzung des Klimawandels auf 1,5 °C rasch schließt, steigen die globalen Durchschnittstemperaturen und die Emissionen fossiler Brennstoffe weiter an. Die globalen CO2-Emissionen der fossilen Brennstoffe sind drei Jahre hintereinander gestiegen: +1,5% im Jahr 2017, +2,1% im Jahr 2018 sowie unsere langsamere Prognose von +0,6% im Jahr 2019 auf 37 Gt CO2 (Friedlingstein et al 2019 Earth Syst. Sci. Data accepted), nach einer vorübergehenden Wachstumspause von 2014 bis 2016. Wirtschaftsindikatoren und Trends des globalen Erdgas- und Ölverbrauchs deuten darauf hin, dass ein weiterer Anstieg der Emissionen im Jahr 2020 wahrscheinlich ist. Die CO2-Emissionen sinken in vielen industrialisierten Regionen langsam, darunter die Europäische Union (vorläufige Schätzung von -1,7% für 2019, -0,8%/Jahr für 2003-2018) und die Vereinigten Staaten (-1,7% für 2019, -0.8%/Jahr für 2003-2018), während die Emissionen in Indien (+1,8%[+0,7% auf 3,7%] im Jahr 2019, +5,1%/Jahr für 2003-2018), China (+2,6%[+0,7% auf 4,4%] im Jahr 2019, +0,4%/Jahr für 2003-2018) und der übrigen Welt (+0,5% im Jahr 2019, +1,4%/Jahr für 2003-2018) weiter zunehmen.

Um den steigenden Emissionen entgegenzuwirken, brauchen wir beschleunigte Verbesserungen der Energieeffizienz und einen geringeren Verbrauch, den schnellen Einsatz von Elektrofahrzeugen, Technologien zur CO2-Abscheidung und -Speicherung und ein dekarbonisiertes Stromnetz, wobei neue erneuerbare Kapazitäten fossile Brennstoffe ersetzen und nicht ergänzen. Stärkere globale Verpflichtungen und die Preisgestaltung für CO2-Emissionen würden dazu beitragen, solche Maßnahmen in größerem Umfang und zu einem späteren Zeitpunkt umzusetzen.

Zwei unterbewertete Trends deuten darauf hin, dass ein anhaltendes langfristiges Wachstum sowohl beim Öl- als auch beim Erdgasverbrauch wahrscheinlich ist. Da der Pro-Kopf-Ölverbrauch in den USA und Europa nach wie vor 5- bis 20-fach höher ist als in China und Indien, werden die zunehmende Fahrzeugdichte und der Flugverkehr in Asien die globalen CO2-Emissionen aus Öl in den nächsten zehn Jahren oder länger erhöhen. Die Exporte von verflüssigtem Erdgas aus Australien und den Vereinigten Staaten steigen, senken die Erdgaspreise in Asien und verbessern den globalen Zugang zu dieser fossilen Ressource. Um den steigenden Emissionen entgegenzuwirken, brauchen wir beschleunigte Verbesserungen der Energieeffizienz und einen geringeren Verbrauch, den schnellen Einsatz von Elektrofahrzeugen, Technologien zur CO2-Abscheidung und -Speicherung und ein dekarbonisiertes Stromnetz, wobei neue erneuerbare Kapazitäten fossile Brennstoffe ersetzen und nicht ergänzen. Stärkere globale Verpflichtungen und die Preisgestaltung für CO2-Emissionen würden dazu beitragen, solche Maßnahmen in größerem Umfang und zu einem späteren Zeitpunkt umzusetzen.

Die Rekorde im Bereich des Klimawandels nehmen weiter zu. Die Erde hat sich seit vorindustrieller Zeit bereits 1,1 °C erwärmt, und 2014-2019 ist die heißeste Fünfjahresperiode seit Bestehen der durchschnittlichen globalen Oberflächentemperaturen (World Meteorological Organization 2019). Die Temperaturen in der Arktis haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten doppelt so schnell erwärmt wie der globale Durchschnitt; in den Wintern 2016 und 2018 lagen die Oberflächentemperaturen in der zentralen Arktis 6°C über dem Durchschnitt von 1981-2010 (IPCC 2019a). Extreme Wetterereignisse, insbesondere Stürme und Überschwemmungen, haben in der ersten Jahreshälfte 2019 (IDMC 2019) einen Rekord von 7 Millionen Menschen verdrängt.”

Auch der Fünfjahresbericht der Europäischen Umweltagentur (EUA – siehe solarify.eu/kurswechsel-dringend-erforderlich) warnt: zahlreiche Umweltziele der EU für 2020 werden bei weitem verfehlt. Unter anderem seien Wasser, Luft und Böden heute viel zu stark verschmutzt und zentrale Lebensräume von Tieren und Pflanzen stark bedroht. Entsprechend drängt die EUA auf weitergehende Klimaschutz-Maßnahmen. Die Fortschritte in Europa reichten längst nicht aus und gefährdeten den Wohlstand, so die EUA. Europa müsse etwas tun. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Es handle sich um die “entscheidende Herausforderung dieses Jahrhunderts.”

->Quellen: