Kühltürme des AKW Philippsburg gesprengt – NGO kommentieren

BUND: Spektakuläres Ende eines Risiko-Meilers – doch Probleme mit Atomenergie bleiben – Greenpeace-Aktivisten protestieren für Energiewende

Mit der Sprengung der beiden Kühltürme des AKW Philippsburg hat einer der störanfälligsten Meiler Deutschlands am 08.05.2020 ein spektakuläres Ende – so eine Medienmitteilung des BUND. Mit einer Projektion auf die Kühltürme des AKW Philippsburg haben Greenpeace-Aktivisten in der Nacht unmittelbar vor der Sprengung der beiden 153 Meter hohen Kühltürme des Atomkraftwerks „Platz schaffen für die Energiewende“ gefordert. Erst im vergangenen Dezember war das AKW in Baden-Württemberg vom Netz gegangen. Mehr als dreißig Jahre lief das Kraftwerk, obwohl es gegen geltende Sicherheitsanforderungen verstieß. Die Reaktoren wurden 2011 und 2019 im Rahmen des Atomausstiegs stillgelegt und werden seitdem zurückgebaut. „Jetzt müssen auch die Fesseln gesprengt werden, die den Ausbau von Wind- und Sonnenkraft in Deutschland behindern“, sagt Greenpeace-Sprecher Michael Meyer-Krotz.

Der Ausbau der Erneuerbaren Energien liegt brach und ist allein bei der Windkraft im Jahr 2019 um 77 Prozent im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 2014-18 zurückgegangen. 2019 war laut Fachagentur “Windenergie an Land” das Jahr mit dem geringsten Zubau seit Beginn des Erneuerbare-Energien-Gesetzes vor 20 Jahren. Zu restriktive Abstandsregelungen für Windanlagen in einzelnen Bundesländern, eine unklare Rechtslage und fehlende Flächenpläne lassen den Ausbau stocken. Hinzu kommt, dass die Bundesregierung seit sechs Monaten neue Abstandsregelungen verzögert, ebenso die Streichung des 52-GW-Solardeckels. Das Ziel der Bundesregierung, bis 2030 einen Ökostromanteil von 65 Prozent zu erreichen, rückt somit in weite Ferne. Damit gefährdet die Regierung Arbeitsplätze in einer Zukunftsbranche und verhindert wirksamen Klimaschutz.

Konjunkturhilfen für die Industrie müssen zukunftsorientiert sein

Der Streit um Abstandsregeln und Solar-Deckel lähmt derzeit den Ausbau von Wind und Sonne. Die Bundesregierung hat es bisher versäumt, klare rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die den notwendigen weiteren Ausbau von Windenergieanlagen an Land und von Solarenergie sicherstellen. „Die Regierung muss jetzt die in der Corona-Krise anstehenden Konjunkturhilfen für den beschleunigten Ausbau einer nachhaltigen Energieversorgung nutzen“, fordert Meyer-Krotz. „Kostenlos ist dabei die wichtigste Maßnahme: eine Einigung beim seit September 2019 anhaltenden Streit um Abstandsregeln und Photovoltaik-Deckel.“

BUND: Atommüll-Lagerung weiter ungeklärt

Der Abgesang auf die Erzeugung von Atomstrom geht damit unaufhörlich weiter, doch ein Ende der Probleme ist nicht in Sicht: Denn die Frage der hoch gefährlichen Atommüll-Lagerung ist weiter ungeklärt und der Ausbau der erneuerbaren Energien kommt kaum voran. Der BUND fordert einen schnellen Ausstieg aus Atomkraft und Kohleverstromung und ambitionierten dezentralen Ausbau der Erneuerbaren.

Stattdessen soll jedoch mit der schnellen Sprengung der Kühltürme in Philippsburg Platz für einen neuen Energie-Dinosaurier geschaffen werden, wie Armin Gabler, Mitglied im Bundesvorstand und im Landesvorstand Baden-Württemberg des BUND erklärt: „Die Kühltürme sollen dem Konverter von Ultranet weichen. In Philippsburg endet die neue Leitung zur Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) aus Norddeutschland. Der Strom soll dann dort umgespannt und übers Land verteilt werden. Ein Dinosaurier geht, ein neuer Dinosaurier kommt.“

Selbst wenn Ende 2022 die letzten Atomreaktoren stillgelegt werden, bleibt Deutschland Teil der nuklearen Kette. In Gronau wird unbefristet Uran angereichert und Brennelemente aus der Fabrik in Lingen an ausländische AKW geliefert, so auch an die maroden belgischen Reaktoren Doel und Tihange. Ganz zu schweigen von dem Problem der strahlenden Hinterlassenschaften, die noch viele Generationen nach uns gefährden werden. Ein unsolidarisches Erbe für die junge Generation.

Alexandra Struck, Mitglied im Bundesvorstand der BUNDjugend: „Wir junge Menschen werden mit einem Jahrmillionen-Problem allein gelassen, das wir nicht zu verantworten haben und bei dem keine Lösung in Sicht ist. Sowohl beim Klimaschutz als auch beim Thema Atommüll fordern wir ein Umdenken der Politik, um uns und kommenden Generationen keinen Scherbenhaufen zu hinterlassen. Wir brauchen eine gerechte und zukunftsfähige Energieversorgung, die über den Tellerrand der nächsten Legislaturperiode hinausblickt und nicht noch mehr Müll ohne Lager für die Unendlichkeit schafft.“

Der deutsche Atommüll lagert derzeit in Zwischenlagern mit fragwürdigen Sicherheitsvorkehrungen. Die letzten Betriebsgenehmigungen enden 2046, wie es dann weitergeht, ist völlig unklar. In das Zwischenlager Philippsburg sollen sechs weitere deutsche Castoren aus der Wiederaufarbeitung in Frankreich gebracht werden.

Gabler verweist darauf, dass es selbst mit schwach radioaktiven Abfällen große Probleme gibt: „Die sogenannten freigemessenen Abfälle, beispielsweise Gebäudeteile mit geringer Strahlung, werden auf konventionellen Hausmülldeponien verbracht, wofür die Landkreise zuständig sind. Karlsruhe jedoch hat keine Deponie mit dem geforderten Standard und findet auch keine in Deutschland, die die Abfälle abnimmt. Denn keiner will den Müll.“ Der BUND fordert endlich ein valides Zwischenlagerkonzept für Deutschland. Über dieses Konzept muss zuvor eine breite öffentliche Debatte geführt werden.