Erstes AKW von Belarus am Netz

Tagesschau: Sicherheitsbedenken gegen neues Kernkraftwerk Ostrovets

In der belarusischen Kleinstadt Ostrovets nahm am 07.11.2020 das erste Atomkraftwerk des Landes den Betrieb auf. “Ein Erfolg für Staatschef Lukaschenko? Die Nachbarstaaten haben Sicherheitsbedenken”, schreibt Christina Nagel vom ARD-Studio Moskau auf tagesschau.de. Der auch Kernkraftwerk Belarus genannte Atommeiler steht nur 45 Kilometer entfernt von der litauischen Hauptstadt Vilnius nahe an der Grenze.

Baustelle des Atomkraftwerks Ostrovets (2016), Belarus – Foto © Renessaince – Eig. Werk, CC BY-SA 4.0, commons.wikimedia.org

Erste Pläne zum Bau eines Kernkraftwerks wurden nach dem Tschernobyl-GAU von 1986 ausgesetzt, aber 2007 infolge des russisch-weißrussischen Energiestreits um Lieferung und Durchleitung von Erdöl und Erdgas 2007 erneut angekurbelt. Anfang 2009 wurde der Standort der Baustelle festgelegt. Das AKW besteht zunächst aus zwei russischen Druckwasserreaktoren mit je 1.194 MW Brutto-Leistung. Die russische Firma Atomstroiexport war der Auftragnehmer. 40 Prozent des gesamten Strombedarfs sollen mit Hilfe des Atomkraftwerks gedeckt werden. Dass das Uran aus Russland kommt, die Technologie russisch ist und russische Kredite beglichen werden müssen, scheint dabei keine Rolle zu spielen. Ebenso wenig die Erinnerung an den Tschernobyl-GAU. Dabei war Belarus war wie kein zweites von der Reaktorkatstrophe von Tschernobyl betroffen: 70 Prozent des radioaktiven Fallouts gingen damals über Belarus nieder.

In der 45 Kilometer entfernten litauischen Hauptstadt Vilnius macht man sich große Sorgen. Schon während des Baus wurden Qualitätsmängel und fehlende Kontrollen kritisiert: Litauens stellvertretender Außenminister Albinas Zananavi?ius stellte am am 27.10.2020  im Rahmen einer Konferenz in Bukarest fest, dass die vorherrschende Regierungskultur und die Menschenrechtsverletzungen in Belarus durch das Kernkraftwerk Ostrovets (KKW) veranschaulicht würden: “Der Schleier der Geheimhaltung, der es verhüllt, die Zwischenfälle, das Fehlen von Konsultationen, die Inhaftierung von Gegnern sind die Elemente, welche die Realität ausmachen, mit der Litauen, die belarussische Zivilgesellschaft und die internationale Gemeinschaft bei der Umsetzung des KKW-Projekts Ostrovets konfrontiert sind”, so Zananavi?ius. Er wies auf die Tatsache hin, dass Belarus die höchsten internationalen Standards und Empfehlungen zur Gewährleistung der ökologischen und nuklearen Sicherheit nicht eingehalten hat. Daher stellt die Inbetriebnahme des KKW eine große Bedrohung für die Sicherheit, die Umwelt und die öffentliche Gesundheit der Menschen in Belarus und den Nachbarländern dar (Internetseite des litauischen Außenministeriums).

Ein führende russischer Umweltschützer kritisierte, dass radioaktives Wasser ausgetreten sei und radioaktive Stoffe aus dem Kühlkreislauf ausgetreten seien. Das Kühlsystem gehöre denn auch zu den Schwachstellen der Baureihe. Die, betonte der Atomphysiker Andrej Oscharowskij in einer Fernseh-Dokumentation, befinde sich quasi noch in der Testphase. Die Reaktoren, erklärte er, seien zwar anscheinend funktionsfähig, aber nicht immer, nicht überall und nicht unter allen Bedingungen. De facto nehme Belarus jetzt an einem Experiment teil – so Christina Nagel.

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