Wie ein Hamburger Start-up den Rezyklathandel standardisieren will

Der Einkauf von Recycling-Kunststoff scheitert oft noch an analogen Strukturen. Das Start-up Cirplus will  den Handel mit Rezyklaten digitalisieren. Mit ihrer Technologie und einer jetzt europaweit gültigen DIN-Norm macht das Hamburger Team den Rohstoffmarkt vergleichbar und will den Weg für Millionen Tonnen Recycling-Material ebnen.

09.06.2022, Berlin:Sustainable Start ups (DBU).Die re:publica ist das Festival für die digitale Gesellschaft und findet in diesem Jahr vom 08. bis 10. Juni in der Arena Berlin und dem Festsaal Kreuzberg statt. Foto: Stefanie Loos/re:publica

Christian Schiller, Gründer und CEO von Cirplus, will einen verlässlichen Marktplatz für Kunststoffrezyklate etablieren. Foto: Stefanie Loos/re:publica

Neues Plastik kommt immer in derselben Qualität, ist jederzeit verfügbar, die Eigenschaften sind bekannt. Recyceltes Plastik dagegen? Oft leider ein Glücksspiel. Wer Rezyklat beschaffen will, muss am Telefon herumfragen, bekommt Datenblätter in unterschiedlichen Formaten, wenn überhaupt. Die Herkunft oft unklar, Qualitätsprüfung Vertrauenssache, Preise intransparent. Das Problem ist systemisch: europaweit fehlen 2030 bis zu 3,5 Millionen Tonnen hochwertigen Recyclingmaterials. Nicht, weil zu wenig recycelt wird. Deutschlands offizielle Quote liegt bei rund 70 Prozent. Aber nur etwa sieben Prozent landen als hochwertiges Rezyklat tatsächlich in neuen Produkten. Der Rest wird minderwertig verwertet oder verbrannt. Das Problem: Unternehmen kaufen kein Material, dessen Qualität sie nicht einschätzen können. Und bis vor kurzem gab es keine einheitliche Sprache dafür, wie verlässlich Angaben zu recyceltem Kunststoff sind.

Cirplus, 2018 von Christian Schiller und Volkan Bilici in Hamburg gegründet, will das ändern. Die B2B-Plattform funktioniert als Marktplatz: Recycler und Händler listen ihre Materialien, Käufer geben an, was sie brauchen, ein Algorithmus schlägt passende Angebote vor. Der Clou liegt in der Standardisierung der Qualitätsbeschreibung. Cirplus initiierte 2020 eine DIN-Norm für den Plastik-Handel. Kein Gütesiegel für das Plastik selbst, sondern ein Raster dafür, wie belastbar die Angaben zum Material sind. Wurde die Charge geprüft? Von wem? Gibt es Laborwerte?
Diese Norm wurde 2022 mit dem Deutschen Normungspreis ausgezeichnet und ist Ende 2025 in die europäische Norm EN 18065 eingeflossen – erstmals eine EU-weite Systematik, die auch Regeln für einen digitalen Produktpass beschreibt. Nach eigenen Angaben sind rund 3.000 Unternehmen aus über 100 Ländern auf der Plattform registriert.

Ab 12. August 2026 wird die EU-Verpackungsverordnung (PPWR) anwendbar. Ab 1. Januar 2030 gelten konkrete Mindestanteile recycelten Materials in Verpackungen. Je nach Anwendung zwischen zehn und 35 Prozent, bis 2040 weiter steigend. Doch selbst bei 67 Prozent Recyclingquote kommt nur ein Bruchteil als hochwertiges Rezyklat zurück. Ohne deutlich mehr Angebotswachstum klafft 2030 eine Millionenlücke. Plattformen allein lösen das nicht. Aber sie können Hürden beseitigen, die das Handeln mit Rezyklat verhindern, weil niemand es findet oder vertrauen kann.

Cirplus hat über fünf Millionen Euro eingeworben, unter anderem vom Kunststoffspezialisten igus und WEPA Ventures. Gründer Christian Schiller sitzt seit 2023 im Expertenrat der Bundesregierung zur Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie. Doch kritische Punkte bleiben offen: Wie oft werden die Qualitätsdaten unabhängig geprüft? Wer haftet bei mangelhaften Chargen? Und können kleinere Recyclingbetriebe die Dokumentationspflichten wirtschaftlich stemmen – oder profitieren am Ende nur die Großen? Ob Plattformen wie Cirplus diese Lücke schließen, hängt weniger von Software ab als von verlässlichen Prüfketten, ausreichend Material – und einem Markt, in dem Qualität tatsächlich bezahlt wird.

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