Kreislaufwirtschaft: 120 Millionen Jobs, aber oft ohne Schutz

Die Kreislaufwirtschaft beschäftigt weltweit über 120 Millionen Menschen. Eine neue Studie von ILO, Weltbank und Circle Economy zeigt jedoch, dass ihr Wachstum im Globalen Süden oft auf prekären Arbeitsbedingungen beruht – und stellt damit die Frage, wer den Preis für die grüne Transformation zahlt.

In Lesotho entstehen Toiletten und Infrastruktur, gebaut von lokalen Arbeitskräften. Die Studie zeigt, dass „grüne“ Projekte oft dort Realität werden, wo Schutz, Lohn und Absicherung fehlen. Foto: John Hogg / World Bank Photo Collection (Lizenz: CC BY-NC-ND)

Ein dreijähriges Forschungsprojekt von Circle EconomyILO und Weltbankgruppe legt erstmals umfassende Daten zur weltweiten Beschäftigung in der Kreislaufwirtschaft vor. Die Studie erfasst 177 Länder und quantifiziert sowohl formelle als auch informelle Arbeit in zirkulären Sektoren. Das Ergebnis zeigt eine Branche von beträchtlichem Umfang, mit erheblichen strukturellen Problemen. Zwischen 121 und 142 Millionen Menschen arbeiten weltweit in der Kreislaufwirtschaft – das entspricht etwa sechs Prozent der globalen Beschäftigung außerhalb der Landwirtschaft. Zum Vergleich: Das ist mehr als die gesamte Erwerbsbevölkerung Deutschlands und Frankreichs zusammengenommen. Fast die Hälfte dieser Arbeitskräfte, 46 Prozent, ist in Reparatur und Wartung beschäftigt. Die Fertigung macht ein Viertel der Arbeitsplätze aus, die Abfallwirtschaft acht Prozent. Regional weisen Süd- und Nordamerika mit 6,4 Prozent den höchsten Anteil kreislaufwirtschaftlicher Beschäftigung auf, dicht gefolgt von Asien mit 5,8 Prozent.

Die Studie unterscheidet zwischen vollständig zirkulären Sektoren und teilweise zirkulären Bereichen. Für die nicht zirkulären Bereiche, wie etwa Bergbau, verarbeitendes Gewerbe und Bausektor, entwickelten die Forschenden für die Sektoren ein Zirkularitäts-Ranking auf Grundlage von Input-Output-Tabellen und Materialflussanalysen. So lässt sich feststellen und vergleichen, wie effizient und wie stark verschiedene Sektoren die Möglichkeiten der Kreislaufwirtschaft umsetzen. Mehr als die Hälfte aller kreislaufwirtschaftlich Beschäftigten, also über 74 Mio., arbeitet informell ohne arbeitsrechtliche Absicherung, Krankenversicherung oder Rentenansprüche. Die starke Präsenz von Kreislaufwirtschaft im Globalen Süden bedeutet, dass zirkuläre Praktiken wie die Aufarbeitung von Bergbauabfällen, die Herstellung aus Abfallströmen und die Wiederverwendung von Baumaterialien zwar zur Schonung der Ressourcen beitragen, jedoch unter prekären Bedingungen stattfinden. Die Geschlechterverteilung ist mit einem Frauenanteil von 26 Prozent deutlich unausgewogen.

Eine Fallstudie aus Ruandas Bausektor illustriert das Dilemma: Zwar wurden dort fünf Prozent der Arbeitsplätze als hochgradig grün klassifiziert und 58 Prozent als teilweise grün – die Mehrheit der Beschäftigten arbeitet also in Tätigkeiten, die zur Kreislaufwirtschaft beitragen. Doch diese ökologische Klassifizierung sagt nichts über Entlohnung, Arbeitsschutz oder soziale Absicherung aus. Baustellen im Globalen Süden verwenden zwar Abrissmaterialien wieder, bergen Metalle aus Bauruinen und nutzen recycelte Zuschlagstoffe – zirkuläre Praktiken, die jedoch unter prekären Bedingungen stattfinden. Die Studie macht deutlich: Zirkularität und menschenwürdige Arbeit müssen von Anfang an zusammen gedacht werden, sonst bleibt die Kreislaufwirtschaft eine ökologische Verbesserung auf Kosten der Beschäftigten. Die ILO kritisiert, dass die Umwelt- und Klimapolitik bislang ökologische Ziele priorisiert habe, während die soziale Dimension vernachlässigt wurde. Die Organisation fordert deshalb, Arbeitnehmerrechte und Sozialschutz nicht nachträglich zu ergänzen, sondern von vornherein in Kreislaufwirtschaftsstrategien zu integrieren.

Die Studie liefert erstmals eine globale Grundlage für die Messung kreislaufwirtschaftlicher Beschäftigung und ermöglicht künftig die Modellierung von Politikszenarien und deren Auswirkungen auf Arbeitsplätze, Arbeitsbedingungen und Materialströme. Die zentrale Erkenntnis bleibt jedoch bestehen: Ohne strukturelle Veränderungen droht die Kreislaufwirtschaft, existierende Ausbeutungsmuster unter ökologischem Vorzeichen fortzuschreiben.

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