Volkswagen wandelt sein Zwickauer Werk von der Produktion zur Demontage um. Ein Schritt, der zeigt, wie EU-Regulierung und wirtschaftlicher Druck die Automobilindustrie zur Kreislaufwirtschaft treiben.

Vom Produktionsstandort zum Recyclingwerk: Motorausbau bei einem Volkswagen T6 – ab 2026 zerlegt VW in Zwickau Altfahrzeuge und gewinnt Rohstoffe zurück. Foto: Volkswagen AG
Das Zwickauer Werk galt seit 2019 als Vorzeigestandort für Elektromobilität – hier rollte der erste ID.3 vom Band. Nach den Tarifverhandlungen im Dezember 2024 sieht die Lage jedoch anders aus: Mehrere Fahrzeugmodelle wurden an andere Werke verlagert, die Produktion am Standort deutlich reduziert. Zwickau drohte, an Bedeutung zu verlieren. Am 21. Januar 2026 hat Volkswagen nun einen strategischen Neustart verkündet. Das sächsische Werk soll künftig Altfahrzeuge demontieren, Bauteile aufbereiten und Rohstoffe zurückgewinnen. Der Konzern investiert bis zu 90 Millionen Euro in Anlagen, Prozesse und Infrastruktur, der Freistaat Sachsen steuert rund 10,8 Millionen Euro Förderung bei.
Der Zeitpunkt der Umwidmung ist nicht zufällig. Die EU-Altfahrzeugverordnung, die ab 2026 schrittweise in Kraft tritt, verschärft die Anforderungen: Künftig müssen 25 Prozent der in Fahrzeugen verbauten Kunststoffe aus Rezyklaten bestehen, ein Teil davon explizit aus Altfahrzeugen. Ziel ist, dass 95 Prozent eines Altfahrzeugs wiederverwendbar oder stofflich verwertbar sind. Zusammen mit der EU-Batterierichtlinie, die ab 2027 verbindliche Recyclingquoten für Lithium, Kobalt und Nickel vorschreibt, entsteht ein regulatorischer Rahmen, der Kreislaufwirtschaft in der Automobilindustrie zur Pflicht macht. Volkswagen ist nicht allein. Laut einer Studie des Capgemini Research Institute haben die meisten Automobilhersteller bereits eine umfassende Kreislaufwirtschaftsstrategie. Die Branche steht vor erheblichen Investitionen: Bis 2040 rechnet die Industrie mit rund 6,6 Milliarden Euro, die in den Aufbau entsprechender Kapazitäten fließen müssen.
Der Hochlauf in Zwickau erfolgt schrittweise: Noch 2026 starten die ersten Demontageprozesse mit 500 Pilotfahrzeugen, ab 2027 soll die Kapazität ausgebaut werden. Und bis 2030 sollen es bis zu 15.000 Fahrzeuge pro Jahr sein. Die Demontage folgt einem modularen Konzept – je nach Zustand werden Fahrzeuge entweder komplett zerlegt oder nur einzelne Bauteile entnommen. E-Fahrzeug-Batterien und andere Komponenten sollen entweder als Gebrauchtteile weiterverwendet oder zur Rohstoffgewinnung aufbereitet werden. Zwickau soll dabei nicht nur demontieren, sondern dabei helfen, konzernweite Standards zu setzen. Demontageprozesse werden hier definiert, getestet und industrialisiert. Datenbasierte Plattformen und KI-Anwendungen sollen Materialflüsse und Recyclingquoten transparent steuern, so VW in einer Pressemitteilung.
Das Projekt fügt sich in die konzernweite Strategie „REDUCE & GROW“ ein, die Volkswagen seit einigen Jahren verfolgt. Im Werk Salzgitter betreibt VW bereits seit 2021 eine Pilotanlage für Batterierecycling mit einer Kapazität von 3.600 Batteriesystemen pro Jahr. Ziel ist es, bis zu 90 Prozent der wertvollen Rohstoffe wie Lithium, Nickel, Kobalt und Mangan zurückzugewinnen. Zwickau ergänzt diesen Ansatz nun um das Fahrzeug-Recycling und wird laut VW zum zentralen Kompetenzzentrum für Kreislaufwirtschaft im gesamten Konzern.
Die Kreislaufwirtschaft ist für Zwickau beides: strategische Neuausrichtung und wirtschaftliche Notwendigkeit. Der Standort erhält eine neue Perspektive, der Konzern macht einen Schritt Richtung geschlossener Materialkreisläufe. Ob tatsächlich 15.000 Fahrzeuge pro Jahr verarbeitet werden können, hängt von mehreren Faktoren ab: der Verfügbarkeit geeigneter Altfahrzeuge, der Nachfrage nach aufbereiteten Bauteilen und der Wirtschaftlichkeit der Prozesse.
Quellen:
- VW Newsroom: Start of the Circular economy
- VolkwagenGroup: Resource use and circular economy
- Capgemini Research:SUSTAINABILITY IN AUTOMOTIVE