Sie liefern noch Strom, trotzdem wurden sie abgeschraubt. In Freiburg sollen heute aus 600 ausgemusterten Solarmodulen 300 Balkonkraftwerke werden.

Reinigen, messen, weiternutzen: Jedes zweite ausgemusterte Solarmodul könnte noch Strom liefern. Foto: Bill Mead
Der Schulhof der Weiherhof-Realschule in Freiburg-Herdern wird zur Werkstatt. Die Stadt und der Verein Balkon.Solar wollen dort gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern 300 Steckersolargeräte bauen, jedes aus zwei gebrauchten Modulen. Vorkenntnisse sind nicht nötig und das Material ist kostenlos. Helferinnen und Helfer begleiten jeden Schritt: Die Module werden gereinigt und durchgemessen, bekommen neue Stecker, werden mit einem neuen Wechselrichter verbunden und geprüft. Nach etwa 45 Minuten ist das Gerät fertig und kann mit nach Hause, an den Balkon, den Gartenzaun oder aufs Gartenhaus. Freiburg will damit den eigenen Rekord übertreffen: 2024 entstanden auf dem Rathausplatz aus 200 Modulen 100 Geräte. Die Nachfrage nach genau solchen Kleinanlagen ist hoch: Laut Auswertungen des Marktstammdatenregisters sind inzwischen rund 1,3 Millionen Balkonkraftwerke in Betrieb.
Die Module stammen vom Dach der Firma Sunstar Interbros in Schönau im Schwarzwald. Weil das Dach saniert wird, ließ das Unternehmen 1.174 Module mit zusammen 245 Kilowatt abbauen. Kaputt sind sie nicht. Gebrauchte Module liefern laut Sebastian Müller von Balkon.Solar typischerweise noch 80 bis 90 Prozent ihrer ursprünglichen Leistung. Statt sie zu entsorgen, spendete die Firma sie an gemeinnützige Initiativen.
Der Fall ist typisch. Ein Dach wird saniert, oder ein Solarpark bekommt leistungsstärkere Module, obwohl die alten noch jahrelang laufen könnten. Das Braunschweiger Start-up Better Sol, das gebrauchte Module prüft und weiterverkauft, schätzt, dass im Schnitt jedes zweite ausgemusterte Modul noch für eine weitere Nutzung taugt. Im Forschungsprojekt RENEW unter Leitung des Stuttgarter ZSW nennt ein Projektpartner sogar rund 70 Prozent. Messungen des ZSW zeigen, dass Module im mitteleuropäischen Klima auch nach über 20 Jahren kaum an Leistung verlieren.
Bald geht es um ganz andere Mengen. Ab 2029 läuft für die Anlagen der ersten großen Ausbauwelle die zwanzigjährige Einspeisevergütung aus. Prognosen für 2030 reichen von rund 400.000 bis zu einer Million Tonnen Altmodule pro Jahr. Landen sie im Recycling, gehen Silizium und Silber heute meist verloren, übrig bleibt vor allem Glas für Dämmstoffe. Jedes Modul, das weiterläuft, ist ein Gewinn für die Stromerzeugung und schiebt den Verlust der Rohstoffe um Jahre hinaus.
Auch wenn sich Hunderte über die 600 Module freuen, setzt die Aktion angesichts der Mengen, die bald abgebaut werden, vor allem ein Zeichen. Damit Wiederverwendung zur Regel wird, fehlen Grundlagen. Es braucht einheitliche Prüfverfahren, die den Zustand eines gebrauchten Moduls verlässlich belegen, und Käufer, die solcher Ware vertrauen können. An entsprechenden Standards arbeitet RENEW. Hinzu kommt der Preis: Gebrauchte Module müssen mit sehr günstiger Neuware mithalten, und die eingesparten Emissionen, laut Better Sol rund 162 Kilogramm CO2-Äquivalente pro Modul, tauchen in keiner Rechnung auf. Freiburg zeigt an diesem Samstag, dass der Schritt vor dem Recycling technisch einfach ist. Entsteht daraus ein Markt, oder werden die Module weiter im Downcycling landen?
Quellen:
- balkon.solar e.V.: Welrekord 2026
- Stadt Freiburg: Weltrekordversuch im Steckersolar-Upcycling am Samstag, 26. September
- balkon.solar e.V.: Weltrekord in Solar-Upcycling: Geschafft!
- ZSW: Ein zweites Leben für Solarmodule
- Ohmnify: Balkonkraftwerke in Deutschland
- Deutsche Umwelthilfe: Alte Solarmodule für Klima- und Ressourcenschutz nutzen
- Schwarzwalder Bote: Ein zweites Leben für Solarmodule
- BETTER SOL: Second Life Solar Module