Was die Industrie jetzt von der Politik braucht.

Studie “Klimaneutralität 2050”

Der globale Wettlauf um die Technologieführerschaft beim Klimaschutz hat begonnen. Doch den deutschen Industrieunternehmen fehlen weiterhin verlässliche Rahmenbedingungen, um in großem Maßstab in klimaneutrale Technologien zu investieren. Aktive Klimapolitik ist aber die Voraussetzung dafür, dass die deutsche Industrie wettbewerbsfähig bleibt, am Standort Deutschland investiert und klimaneutral wird. Im Austausch mit 17 Industrieunternehmen haben die Stiftung 2°, Agora Energiewende und Roland Berger zwölf Handlungsempfehlungen an die Politik verfasst und die 68-seitige Publikation am 22.02.2021 veröffentlicht. Der BEE reagierte positiv.

Studie Klimaneutralität 2050 – Titel © Agora Energiewende

Die EU hat mit dem Green Deal das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 beschlossen, US-Präsident Joe Biden hat jüngst einen Erlass mit dem gleichen Ziel formuliert und China will Klimaneutralität vor 2060 erreichen. Auch in Deutschland ist Klimaneutralität 2050 offizielles Politikziel, doch bei deutschen Industrieunternehmen herrscht Investitions-Attentismus: Die Politik hat bislang versäumt, die Voraussetzungen für den Umbau zur klimaneutralen Industrie zu schaffen. Im intensiven Dialog mit 17 führenden Industrieunternehmen hat die Stiftung 2° zusammen mit der Agora Energiewende und der Unternehmensberatung Roland Berger nun zwölf Handlungsempfehlungen an die Politik verfasst – Maßnahmen, um die Industrietransformation hin zu Klimaneutralität voranzubringen und damit den Industriestandort Deutschland zu sichern. Laut dem Impulspapier birgt schnelles politisches Handeln zudem Deutschlands Chance, internationale Technologieführerschaft auf dem Gebiet CO2-armer Schlüsseltechnologien zu übernehmen.

„Die Aufgabe der Politik ist es, Verlässlichkeit und Planungssicherheit für die Industrieunternehmen zu schaffen, damit sie in klimaneutrale Technologien investieren können“, sagt Sabine Nallinger, Vorständin der Stiftung 2°. „Die Unternehmen stehen bereit und werden zum Treiber der Transformation hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft. Jetzt braucht es mutige Politikerinnen und Politiker, die sich dem gewaltigen Transformationsprojekt einer klimaneutralen Industrie annehmen.“ Noch in dieser Legislaturperiode müsse die Bundesregierung politische Entscheidungen auf das Paradigma Klimaneutralität weiter ausrichten, so Nallinger. Es liege an der Politik, einen klugen Instrumentenmix zu verabschieden, der über die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Industrieunternehmen unter dem Paradigma Klimaneutralität entscheide. Es müsse darum gehen, Klimaschutz zum Geschäftsmodell zu machen.

Politik entscheidet über die Wettbewerbsfähigkeit einer klimaneutralen Industrie
Die Handlungsempfehlungen, die aus dem Dialog mit 17 Industrieunternehmen – darunter BASF, Bayer, BP Europa, HeidelbergCement, Siemens Energy, Salzgitter und thyssenkrupp Steel Europe – entstanden sind, setzen auf einen Mix an Politikinstrumenten, um klimaneutrale Investitionen anzustoßen. Trotz unternehmensspezifisch individueller Anforderungen konnten die Dialogpartner zwölf Maßnahmen identifizieren, die eine klimaneutrale Industrie ermöglichen, die im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähig bleibt. Der vorgeschlagene Instrumentenmix forciert Klimaschutz entlang der gesamten industriellen Wertschöpfungskette: Von langfristig wettbewerbsfähigen Strompreisen über den Ausgleich von Mehrkosten von klimaneutralen Schlüsseltechnologien über sogenannte Carbon Contracts for Difference bis zu Abnahmegarantien für klimaneutrale Produkte, etwa bei öffentlichen Bauvorhaben.

„In unserem Austausch mit den Unternehmen ist einmal mehr klar geworden: Die Industrie wartet händeringend auf verlässliche Rahmenbedingungen, um in klimaneutrale Technologien investieren zu können. Aktuell stehen die Unternehmen zwischen Baum und Borke. Alte fossile Technologien sind kommende Investitionsruinen, für neue innovative Technologien fehlt das Geschäftsmodell“, sagt Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende. „Nur eine aktive Klimapolitik kann den vorherrschenden Investitionsattentismus auflösen und dabei helfen, klimaneutrale Schlüsseltechnologien zu etablieren.“ Unter den derzeitigen politischen Rahmenbedingungen habe eine CO2-freie Fabrik, etwa zur Stahl-, Dünger-, Kunststoff- oder Zementproduktion, keine Chance auf internationale Wettbewerbsfähigkeit.

Die zwölf Handlungsempfehlungen „Klimaneutralität 2050: Was die Industrie jetzt von der Politik braucht“ sind in Zusammenarbeit von Stiftung 2° mit der Agora Energiewende und Roland Berger entstanden. Neben dem Maßnahmenkatalog enthält die Publikation von beteiligten Industrieunternehmen eigens beigesteuerte Steckbriefe. Darin sind unter anderem die unternehmensspezifische Ausgangslage und Klimaschutzstrategien dokumentiert sowie individuelle Erwartungen an die Politik.

Bundesverband Erneuerbare Energie e.V. (BEE) begrüßt Forderungen der Industrie in Richtung Klimaneutralität

Das Ergebnis der Studie „Klimaneutralität 2050 – was die Industrie jetzt von der Politik braucht“ sind zwölf konkrete Handlungsempfehlungen an die Politik, welche die Transformation zu einer klimaneutralen Industrie voranbringen sollen. „Die Kernforderung der Studie, dass die Politik auch noch in dieser Legislaturperiode mutige Entscheidungen in Richtung Klimaneutralität auf den Weg bringen soll, unterstützen wir ausdrücklich“, so BEE-Präsidentin Simone Peter. Es gehe jetzt in erster Linie darum, das Angebot an Erneuerbaren Energien erheblich aufzubauen, denn gerade moderne Unternehmen setzen auf grüne Technologien und eine 100 Prozent saubere Energieversorgung in allen Sektoren.

„Der Stromverbrauch wird durch Sektorenkopplung zukünftig trotz Effizienzerfolgen steigen, deshalb müssen die Ausbaupfade für die Erneuerbaren Energien schnellstmöglich angepasst werden. Hier braucht es dringend eine Erhöhung der Ausbauziele und -mengen, um die Klimaschutzziele, die von der EU weiter angehoben werden, erreichen zu können. Aber auch bei Wärme- und Mobilitätswende braucht es neue Impulse. Hier zählt jeder Monat, um Investitionen auszulösen und der Krise gegenzusteuern“, so Peter weiter. „Es ist wichtig, die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands entlang der Wertschöpfungsketten zu sichern – das stärkt den Industriestandort und zeigt, dass Klimaschutz und Wirtschaftsleistung zusammen bestens funktionieren. Die Unternehmen sind in ihrer vollen Bandbreite bereit, ihren Beitrag zu leisten, wenn sie entsprechende Anreize erhalten und ihre Investitionen planbar tätigen können“, sagte Peter. Die politischen Rahmenbedingungen sollten daher so angepasst werden, dass Deutschland im internationalen Wettbewerb bestehen und zu seiner Vorreiterrolle in der Energiewende zurückkehren könne.

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