Windkraft-Recycling: Das Problem mit den Rotorblättern

Deutschland baut Windkraftanlagen in Rekordtempo. Wie sie eines Tages wieder abgebaut werden sollen, weiß allerdings niemand so genau. Ein Drittel aller Anlagen nähert sich dem Lebensende – und bislang fehlt ein Konzept für den geschlossenen Kreislauf.

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Blick ins Innere eines Rotorblatts. Stabil, langlebig, aber schwer zu recyceln. Foto: Markus Distelrath

Mehr als 90 Prozent eines Windrads lassen sich recyceln: Stahltürme, Betonfundamente, Kupferkabel. Diese Komponenten können problemlos wiederverwertet und in bestehende Stoffkreisläufe überführt werden. Das große Problem liegt woanders – bei den Rotorblättern. Ein modernes Rotorblatt ist bis zu 80 Meter lang und besteht aus glasfaserverstärktem Kunststoff. Dieses Verbundmaterial ist auf Langlebigkeit konstruiert, nicht auf Demontage. Die Fasern sind mit Harz verklebt, die Trennung ist aufwendig und teuer.

Derzeit landen die meisten Blätter in der Zementindustrie, wo sie als Brennstoff eingesetzt werden und fossile Energieträger ersetzen. Das ist eine Form der thermischen Verwertung – aber kein echter Kreislauf. In den 2030er-Jahren wird die Lage noch komplizierter: Dann erreichen die ersten kohlefaserverstärkten Blätter das Lebensende. Diese sind zwar stabiler und leichter, aber noch schwieriger zu recyceln. Verfahren dafür existieren bereits, sind aber wirtschaftlich kaum rentabel – neue Fasern sind schlicht billiger als recycelte.

Weil ein geschlossener Stoffkreislauf derzeit unwirtschaftlich ist, sucht die Branche nach alternativen Lösungen. Das deutsche Unternehmen Wings for Living entwickelt kreative Zwischenprodukte: Aus alten Rotorblättern entstehen Hochbeete, Fahrradständer und Outdoormöbel – laut eigener Angabe werden dabei 99,5 Prozent des Materials weiterverwendet. In Polen wurde die weltweit erste Fußgängerbrücke errichtet, deren tragende Elemente aus Rotorblättern bestehen. Am Bergheider See in Brandenburg werden alte Windradtürme zu Ferienhäusern umgebaut. Diese Projekte zeigen, was möglich ist. In den kommenden Jahren werden tonnenweise Rotorblätter das Ende ihrer Einsatzzeit erreichen – die Fragen nach Recycling und Verwertung drängen.

Die kreativen Weiterverwendungen sind wertvoll, lösen aber das strukturelle Problem nicht. Es fehlt an einheitlichen Regeln: Es gibt kein bundesweites Rückbaugebot, keine standardisierten Materialpässe und keine funktionierenden Sekundärmärkte für Recyclingmaterial. Was bei einem Rotortyp funktioniert, lässt sich nicht ohne Weiteres auf andere übertragen. Die Fachagentur Wind und Solar schreibt dazu in ihrem aktuellen Hintergrundpapier: „Noch steht das Recycling von Windenergieanlagen am Anfang einer industriellen Entwicklung.“
An der Michigan State University entwickeln Wissenschaftler derzeit biobasierte Harze, die sich in bestimmten Lösungen auflösen lassen. Damit wäre echtes Materialrecycling für die nächste Generation von Rotorblättern denkbar. Doch bis solche Verfahren industriereif sind, werden Jahre vergehen. Die Energiewende muss diese Zeit nutzen. Die Fachagentur formuliert es so: „Rückbau ist nicht das Ende des Lebenszyklus, sondern der Beginn eines neuen.“ Noch ist das eine Vision – und sie ändert nichts an den Herausforderungen der kommenden Jahre.

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