Seit Anfang 2025 muss Europa Alttextilien getrennt sammeln. Sortiert wird trotzdem fast alles von Hand. Automatisch läuft weniger als ein Prozent. Das Fraunhofer IPA präsentiert ein Projekt, das das ändern soll.

Ob aus alten Kleidern neue Fasern werden, entscheidet sich beim Sortieren, nicht beim Sammeln. Foto: Michal Jarmoluk
Seit 2025 müssen in Europa Alttextilien gesammelt werden. Weltweit fallen jährlich rund 92 Millionen Tonnen Textilabfälle an. In der EU werden davon bislang weniger als ein Prozent automatisch sortiert. Damit aus alten Kleidern neue Fasern werden, muss man genau wissen, was in ihnen steckt. Ein reines Baumwoll-T-Shirt kann recycelt werden, ein Baumwoll-Polyester-Gemisch mit eingenähtem Reißverschluss lässt sich kaum recycln. Diese Unterscheidung wird heute meist von Menschen getroffen, Stück für Stück. Maschinensortierung funktioniert nicht so gut, weil Sensoren bei dunklen Farben und Mischgeweben bisher nicht zuverlässig funktionieren. Der Aufbau einer großen Maschinensortierung und die Skalierung des Textil-Recyclings scheitern bislang daran.
Genau hier setzt das diese Woche vorgestellte Projekt Pick4Crcl an. Das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA entwickelt es gemeinsam mit dem Freiburger Unternehmen Polysecure. Ein Roboter soll ein einzelnes Kleidungsstück aus einem ungeordneten Haufen greifen, es glatt ziehen und auf ein Band legen. Dort bestimmen mehrere Sensoren zusammen das Material, sogar bei Mischgeweben, und können die Zusammensetzung erkennen. Das Ziel sind bis zu 60 Textilien pro Minute und eine Sortenreinheit von über 99 Prozent bei einheitlichen Stoffen. In der Projektbeschreibung heißt es, dass Textilien für die Robotik zu den schwierigsten Objekten überhaupt gehören, da sie flexibel sind, sich verformen und oft ineinander verhaken oder sich gegenseitig verdecken.
Das Potenzial zeigt eine neue Anlage im italienischen Prato. In einem traditionsreichen Textilbezirk hat Ende Juli der „Plures Textile Hub“ eröffnet. Mit rund 31 Millionen Euro ist es nach eigenen Angaben die größte europäische Anlage zur Rückgewinnung von Textilfasern. Bis zu 33.000 Tonnen Alttextilien pro Jahr sollen hier mit der Fibersort-Technik des belgischen Herstellers Valvan sortiert werden. Und doch arbeiten von den rund 50 Beschäftigten etwa 40 in der Sortierung. Selbst die Vorzeigeanlage kommt also nicht ohne Handarbeit aus.
Dazu kommt, dass die Container heutzutage meist mit kaum verwertbarer Fast Fashion gefüllt sind. Der Fachverband bvse spricht von der schwersten Krise seiner Branche und warnte Ende Juli, dass erste Kommunen bereits Sammelcontainer abbauen. In Oberhausen verschwinden seit dem 1. August rund 30 Standorte. Damit steckt die Kreislaufwirtschaft in einer Sackgasse. Gesammelt wird per Gesetz, verwertet wird aber nur, was sich vorher sauber trennen lässt. Anlagen wie in Prato und das Fraunhofer-Projekt arbeiten an diesem Engpass, doch die automatische Sortierung ist auch heute im Zeitalter von KI noch Zukunftsmusik. Das Projekt Pick4Crcl läuft bis Mitte 2028 und wird vom Land Baden-Württemberg über das Programm Invest BW gefördert. Auch mit den spannenden technischen Innovationen stehen wir heute vor der Frage, wohin die wachsenden Textilberge wandern, die sich mit heutiger Technik weiterhin nicht trennen lassen.
Quellen:
- Fraunhofer IPA: Mehr Textil-Recycling dank KI-gestützter Robotik im Projekt »Pick4Crcl«
- Recyclingindustrie: The Prato Textile Hub: Italy’s First Industrial Plant for Automated Textile Recycling
- bvse warnt vor Abbau von Alttextilcontainern