Urban Mining: München fördert Wiederverwendung von Bauteilen

München zahlt ab September bis zu 400.000 Euro für Bauprojekte, die alte Bauteile wiederverwenden. Nicht recyceln, wiederverwenden. Dieser Unterschied ist entscheidend dafür, ob die Kreislaufwirtschaft im Bau funktioniert.

Ein Ziegel bleibt ein Ziegel: Gebrauchte Steine lassen sich direkt wieder verbauen, statt sie zu Schutt zu zermahlen. München fördert diese Wiederverwendung ab September. Foto: jepretualang

Ein Ziegel bleibt ein Ziegel: Gebrauchte Steine lassen sich direkt wieder verbauen, statt sie zu Schutt zu zermahlen. München fördert diese Wiederverwendung ab September. Foto: jepretualang

Die Stadt München stellt zwei Millionen Euro für zirkuläres Bauen in einem neuen Fördertopf bereit. Gefördert wird nicht das Recycling von Abbruchmaterial, sondern die Stufe darüber: dass ein Fenster ein Fenster bleibt, ein Stahlträger ein Stahlträger und ein Ziegel ein Ziegel. Bauprojekte, die alte Bauteile wiederverwenden, statt neue zu kaufen, bekommen  20 bis 60 Prozent der Kosten erstattet. Der Bausektor ist der größte Abfallproduzent des Landes. „In Deutschland gehen bis zu 60 Prozent der gesamten Rohstoffgewinnung sowie mehr als die Hälfte der Abfälle auf das Konto des Bausektors”, sagt Christine Kugler, Münchens Referentin für Klima- und Umweltschutz.

Auf dem Papier sieht das Problem nicht so groß aus: Über 90 Prozent der mineralischen Bauabfälle werden verwertet. Allerdings landet der Großteil davon zerkleinert als Schotter unter neuen Straßen oder in Baugruben. Die Quote wird schon deshalb erfüllt, weil das Füllen von Löchern als Verwertung zählt. Ein Betonträger wird zu Splitt und damit wie Kies behandelt. Einen echten Kreislauf, der den Rohstoff des Trägers wieder als Baustoff nutzt, gibt es trotz der hohen Quote nicht. Eine wirkliche Wiederverwendung ändert das: Das Bauteil behält seine Form, seine Funktion und die Energie, die in seiner Herstellung steckte. Diese Energie muss nicht noch einmal aufgebracht werden, anders als beim Recycling, wo der alte Träger zu Kies zerfällt und ein neuer gegossen werden muss.

Wie das funktioniert, zeigen Plattformen wie Concular. Rund ein Jahr vor dem Abriss wird ein Gebäude digital inventarisiert, jedes brauchbare Teil bekommt einen Materialpass und wird über einen Marktplatz an neue Projekte vermittelt. Anstelle der Abrissbirne kommt der selektive Rückbau zum Einsatz. In Berlin lagern Glasplatten in einem Urban-Mining-Hub und warten auf ihr zweites Leben. Andernorts wird eine Granitfassade zum Bodenbelag und alte Ziegel gehen in den nächsten Rohbau.
Dass dies trotzdem eine Nische bleibt, liegt nicht an der Technik. Es fehlt die Gewährleistung: Wer haftet für einen tragenden Stahlträger, der seit vierzig Jahren im Einsatz war? Es fehlen Normen und Lagerfläche für Bauteile zwischen Ausbau und Wiedereinbau. In Ausschreibungen tauchen gebrauchte Produkte zudem kaum auf. Selektiver Rückbau kostet zudem mehr Zeit als der Einsatz eines Baggers. Ohne einen digitalen Produktpass, der die Herkunft und Eigenschaften eines Bauteils verlässlich dokumentiert, bleibt der Markt Stückwerk. Für Bauprodukte gilt diese Pflicht erst ab 2028, wie die EU festgelegt hat.

Zwei Millionen Euro aus München ändern daran wenig. Der Zuschuss stößt Pilotprojekte an, doch die eigentlichen Hebel liegen woanders: bei Haftungsregeln, Normen und der Frage, ob eine Kommune die Wiederverwendung in ihren Bauaufträgen verlangt. Am Ende entscheidet über jeden Kreislauf im Bau eine einzige Frage: nicht wie viel Material ein Gebäude verlässt, sondern wie viel davon als Bauteil zurückkommt.

Quellen: