In Duisburg und Salzgitter laufen milliardenschwere Anlagen an, die Stahl mit Wasserstoff statt Kokskohle erzeugen. Nur fehlt der Markt für ihr Produkt. Grüner Stahl kostet rund 100 bis 200 Euro mehr je Tonne, und den Aufpreis will kaum ein Kunde zahlen.

Würde die öffentliche Hand ihren Stahl- und Zementbedarf emissionsarm decken, ließen sich Millionen Tonnen CO2 vermeiden. Grafik: Institut der deutschen Wirtschaft © 2026 IW Medien / iwd
Klimafreundlicher Stahl und Zement sind bereits serienreif. Nur kauft sie kaum jemand. Am 3. September legte das Kompetenzzentrum Klimaschutz in energieintensiven Industrien (KEI) ein Diskussionspapier vor, in dem der größte mögliche Abnehmer beim Namen genannt wird: der Staat selbst. Die Forderung: Wer öffentlich baut, soll klimafreundliche Grundstoffe verbindlich einplanen und nicht nur den niedrigsten Preis berücksichtigen.
In Duisburg und Salzgitter laufen milliardenschwere Anlagen an, die Stahl künftig mit Wasserstoff statt Kokskohle erzeugen. Die erste zertifizierte Ware wird noch dieses Jahr auf den Markt kommen. Sie ist jedoch rund 100 bis 200 Euro je Tonne teurer, was kaum ein Kunde zahlen will. Die Werke stehen also da, bevor Nachfrage, Wasserstoff und klare Regeln nachkommen. Beim Zement ist es dieselbe Problematik: Die Technik senkt den CO2-Ausstoß, doch der Mehrpreis bleibt am Hersteller hängen.
Bund, Länder und Kommunen geben zusammen rund ein Siebtel der Wirtschaftsleistung aus, und mehr als die Hälfte aller öffentlichen Aufträge entfällt auf Bau und Infrastruktur. Auf die Baubranche entfallen etwa 35 Prozent des deutschen Stahlbedarfs. Wer Brücken saniert oder Schienen erneuert, bestellt in großen, planbaren Mengen. Genau diese Verlässlichkeit benötigen die Hersteller, um ihre Investitionen zu rechtfertigen. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft könnte allein der öffentliche Bau ab 2030 bis zu 3,7 Millionen Tonnen Stahl pro Jahr abrufen.
Das KEI setzt an drei Stellen an: Erstens sollen einheitliche Standards eingeführt werden, um einen vergleichbaren CO2-Fußabdruck zu ermöglichen. Zweitens sollen Vergaberegeln neben dem Preis auch die Emissionen werten und nicht automatisch das billigste Angebot wählen. Drittens soll ein europäischer Rahmen klimafreundliche Waren zur Norm machen. Dass dies funktioniert, zeigt die U-Bahn-Linie U5 in Hamburg: Durch den Einsatz klimafreundlicher Materialien konnte der CO2-Ausstoß der Bauteile um 70 Prozent gesenkt werden.
Es ist wie beim Kunststoff. Dort scheitert der Kreislauf nicht an der Technik, sondern am Absatz: Neuware ist billiger, weshalb die Käufer zu ihr greifen. Bei grünem Stahl und Zement ist es genauso. Was fehlt, ist die Nachfrage. Und die kann der Staat schaffen. Er baut schließlich mehr als jeder andere. Das Klimaschutzprogramm 2026 sieht grüne Leitmärkte für die öffentliche Beschaffung vor und das geplante Sondervermögen soll die Nachfrage planbarer machen. Ein konkreter Vorschlag ist, dass öffentliche Infrastrukturprojekte ab 2026 mindestens 25 Prozent emissionsreduzierten Stahl verbauen sollen. Verbindlich ist das bisher jedoch nicht. Am Ende steht die Frage, ob der Staat bereit ist, für sauberere Grundstoffe den Preis zu zahlen, den er von der Industrie verlangt.
Quellen:
- KEI: Leitmärkte. Die Rolle von Labels für klimafreundliche Grundstoffe
- iwd: Chance für emissionsarmes Bauen durch staatliche Nachfrage
- Agora Industrie: Startschuss für grüne Leitmärkte
- Industrie Magazin: Thyssenkrupp und Salzgitter: Europas grüne Stahlwette hat ein Marktproblem
- Handelsblatt: Sondervermögen soll Nachfrage nach grünem Stahl planbarer machen