Atlas der Globalisierung

Aus dem Vorwort: Das Unbehagen am Wachstum

Die globale Wirtschafts- und Finanzkrise hat die allgemeine Wachstumseuphorie kaum erschüttert. Und nicht nur das, die Steigerung des Wirtschaftswachstums gilt in der Krise sogar noch als Patentrezept für deren Lösung. Von Arbeitslosigkeit und Armut über die Verschuldung von Staaten und Privathaushalten bis hin zur Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen sowie der Entwicklung neuer Technologien: Ohne Wachstum lassen sich angeblich keine gesellschaftlichen Fortschritte erzielen. In der Wachstumsfrage herrscht eine erstaunlich große Einigkeit, wie auch bei Wahlen regelmäßig deutlich wird. Während die CDU etwa zur Europawahl 2014 mit „Wachstum braucht Weitblick. Und einen stabilen Euro“ warb, plädierte die SPD für „Ein Europa des Wachstums. Nicht des Stillstands“. Ohne Wachstum herrscht Stillstand – eine Horrorvision, die nicht nur die Sozialdemokratie umtreibt.

Andererseits wird jedoch zunehmend offensichtlich: Ein bloßes „Weiter so“ auf dem Weg des Wachstums wird es nicht mehr lange geben können. Die gesellschaftliche und politische Fixierung auf immer neue Zuwachsraten blockiert mitunter die Erkenntnis, dass 2 Prozent BIP-Wachstum im Jahr 2015 eben nicht das Gleiche ist wie 2 Prozent Wachstum vor einigen Jahrzehnten, als das globale BIP-Volumen noch einen Bruchteil des heutigen ausmachte.

Die fossilen Rohstoffe gehen zur Neige; das herkömmliche Wirtschaften zerstört die Umwelt; in den früh industrialisierten Ländern gehen die Wachstumsraten im Mittel seit Jahrzehnten zurück; und weltweit verschärfen sich die Ungleichheiten – von solchen Tatsachen aber hat sich der Kapitalismus freilich noch nie irritieren lassen. Doch auf einem begrenzten Planeten kann es kein unbegrenztes Wachstum geben, von dieser Einsicht geht die Postwachstumsbewegung aus. Die Frage lautet nicht, ob wir uns vom Wachstum verabschieden wollen, sondern wie der Abschied vonstatten gehen soll: geplant oder erzwungen, „by design“ oder „by desaster“. Ein grundlegender Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft ist gefragt. Nur wenn es gelingt, Wohlfahrt und sozialen Fortschritt von den Zwängen der Kapitalakkumulation zu entkoppeln, ist ein selbstbestimmter Verzicht auf Wachstum möglich.

Das Gute Leben jenseits des Wachstums und die Gesellschaftsform, die ein solches Leben ermöglicht, müssen erst noch gefunden werden. Die Voraussetzungen dafür mögen zurzeit nicht besonders günstig erscheinen. Und doch zeigen viele größere und kleinere, lokale und länderübergreifende Initiativen, dass sich etwas bewegt. Mit dem vorliegenden neuen „Atlas der Globalisierung. Weniger wird rnehr“ wollen LeMonde diplomatique und das Jenaer Kolleg Postwachstumsgesellschaften einen Beitrag zu dieser gesellschaftlichen Bewegung leisten.

 

Atlas der Globalisierung (2015), taz-Verlag,16,00 EUR, mit Download, mehr als 300 Karten und Infografiken, 176 Seiten, broschiert

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