Die Atomkatastrophe im Kopf

30 Jahre Super-GAU von Tschernobyl – VI –

Die Atomkatastrophe im Kopf: Langzeitfolgen (und Kosten) jenseits der Strahlung

Welche psychischen Langzeitfolgen hat die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, und wie wirken sie sich auf die ukrainische Volkswirtschaft aus? Diesem Fragenkomplex gingen Alexander Danzer (Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt) Journal of Public Economics Vol III_2016und Natalia Danzer (Ifo-Institut München) in einer Studie nach. Neu durchgesehen und veröffentlicht wurde die am 12.06.2014 erstmals in den Münchener Wirtschaftswissenschaftlichen Beiträgen (VWL) erschienene Studie nun im renommierten „Journal of Public Economics“.

Baustelle Tschernobyl - Foto © BMUB, Melanie Klußmann„Seit der Katastrophe wendet die Ukraine jährlich 5 bis 7 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf, um das zerstörte Kraftwerk und die Umgebung zu sichern und zu dekontaminieren sowie Betroffene zu kompensieren“, erklären die Autoren. Die tatsächlichen Folgen und Kosten seien jedoch weit höher als diese Summe: Das Reaktorunglück von Tschernobyl habe in weiten Teilen der ukrainischen Bevölkerung eine starke Verunsicherung erzeugt, die sich seit mittlerweile drei Jahrzehnten negativ auf die Lebenszufriedenheit und die mentale Gesundheit von Millionen Menschen ausgewirkt habe. „Erstaunlicherweise trifft dies auch auf die breite Masse der Bevölkerung zu, die nicht von gesundheitlich bedenklichen Strahlenwerten betroffen waren. Eine monetäre Evaluation des gesamtgesellschaftlichen Verlusts an mentaler Gesundheit und Wohlbefinden deutet auf zusätzliche Kosten in Höhe von 3 bis 6 Prozent des BIP pro Jahr hin, was einem Wert zwischen 4 und 8 Milliarden US-Dollar entspricht“, erklären Natalia und Alexander Danzer.

Rückgang der Lebenszufriedenheit, chronische Angstgefühle und Depressionen

Für ihre Studie nutzen sie eine ukrainische repräsentative Langfristbefragung der Jahre 2003-2007 zum psychischen Wohlbefinden. Um eine Vermischung von psychologischen und körperlichen Langfristfolgen zu vermeiden, enthielt die Stichprobe ausschließlich Personen, die über geringe Strahlungsexposition und keinerlei klinisch nachweisbare körperliche Langzeitfolgen verfügen. In den Monaten nach dem Unfall überstieg die zusätzliche Caesium-137-Strahlendosis in keiner Region der Stichprobe 2,1 Millisievert (mSv), im Durchschnitt lag sie bei zusätzlich lediglich 1 mSv pro Jahr. Zum Vergleich: Die natürliche kosmische Strahlung in der Ukraine beträgt jährlich etwa 2 MSv. Dennoch befürchte auch diese Personengruppe, im Durchschnitt drei Jahre kürzer zu leben. Viele Ukrainer berichteten einen Rückgang ihrer Lebenszufriedenheit. Unwissenheit und Verunsicherung lösten chronische Angstgefühle und Depressionen aus. „Die unzureichende und widersprüchliche Informations- und Aufklärungsarbeit führte zur Verunsicherung in der Bevölkerung und wurde zu einem idealen Nährboden für Gerüchte über mögliche gesundheitliche Folgen“, erklären die Autoren.

Tschernobyl Shelter Fund - Foto © ebrd.comBezogen auf die ukrainische Bevölkerung führen psychische Erkrankungen zu staatlichen Transferleistungen an die Betroffenen in Höhe von 0.5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Lege man Berechnungen zur generell gesunkenen Lebenszufriedenheit zugrunde, ergebe sich ein Wohlstandverlust zwischen 2,5 und 5,5 Prozent des BIP. „Unsere Berechnungen zeigen, dass die Berücksichtigung der vormals ignorierten mentalen Kosten zu einer Verdoppelung der staatlichen Katastrophenausgaben führen können.“ Zur seriösen Bewertung von Reaktorkatastrophen sei es essentiell, alle denkbaren direkten und indirekten Folgekosten zu berücksichtigen. Zudem zeige sich anhand der Ergebnisse aus der Ukraine die immense Bedeutung eines effizienten und glaubwürdigen Katastrophenmanagements.

Gesamtkosten sozialisiert und vom Steuerzahler getragen

Aufgrund der enormen Ausmaße von Katastrophen wie in Tschernobyl oder Fukushima würden die Gesamtkosten für gewöhnlich sozialisiert und vom Steuerzahler getragen, und das unabhängig davon, ob Atomkraftwerke privat oder staatlich betrieben werden. „Soziale Wohlfahrtsverluste im Katastrophenfall müssten daher in realistische und umfassende Kosten- Nutzen-Analysen der Energieerzeugung mit einfließen“, resümieren die Autoren.

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