Genug Fläche für 100% EE

Nach Auswertung der Ergebnisse der Studie sieht der WWF Deutschland folgende Handlungsnotwendigkeiten:

Ausbau der Erneuerbaren massiv beschleunigen und Sonderausschreibungen umsetzen

Der WWF fordert, die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien innerhalb der nächsten Dekade zu verdoppeln. Bis 2030 müssen jährlich etwa 400 Terawattstunden (TWh) aus regenerativen Energien erzeugt werden. Dies würde einem Anteil von knapp 80 % an der Bruttostromerzeugung entsprechen, von denen etwa 350 TWh auf die dargebotsabhängigen Technologien Windenergie und Photovoltaik entfallen. Dies erfordert eine Rückkehr zu den im EEG 2014 festgelegten jährlichen Mindestausbaumengen von jeweils 2.500 MW (netto) für Windenergie an Land und Photovoltaik und die Gewährleistung eines kontinuierlichen Zubaus. Die im Koalitionsvertrag angekündigten Sonderausschreibungen müssen dafür sofort umgesetzt werden. Dabei muss auch sichergestellt werden, dass ein Zubau von erneuerbaren Energien ohne EEG-Förderung nicht dem Ausbaukorridor des EEG angerechnet wird.

Planungsinstrumente weiterentwickeln

Der erforderliche Ausbau der erneuerbaren Energien wird in noch stärkerem Maße als bisher Flächen in Anspruch nehmen und dabei Natur und Landschaftsbild und das direkte Lebensumfeld vieler Menschen unmittelbar beeinflussen. Parallel wird sich die Konkurrenz der unterschiedlichen Flächennutzungen weiter verschärfen. Es bedarf auf Bundes- und Landesebene der Entwicklung und Stärkung koordinierender räumlicher Steuerungselemente, einer strategischen Standortwahl sowie übergeordneter Abschätzungen von Flächenverfügbarkeiten, um Konflikte von vornherein zu reduzieren. Bestehende Instrumente und Praktiken für die naturverträgliche räumliche Steuerung des Ausbaus der Windenergie an Land müssen daher ergänzt werden, um einen vertretbaren Ausbau insbesondere der Onshore-Windenergie zu gewährleisten. Es ist Aufgabe von Politik und Behörden, die Entwicklung energiepolitischer Szenarien zum Ausbau der Erneuerbaren und der Netzinfrastruktur mit den topographischen und naturschutzfachlichen Gegebenheiten vor Ort zu verknüpfen und abzubilden, um Konfliktrisiken möglichst frühzeitig zu identifizieren und durch planerische Steuerung weitestgehend zu reduzieren.

Räumliche Belastungen in Genehmigungsplanung verbindlich einbeziehen

Die Energieerzeugung findet in Landschaftsräumen statt, die durch andere Nutzungen (z. B. intensive Landwirtschaft, Infrastruktur …) z. T. bereits erheblich vorbelastet und in ihren ökologischen Grundfunktionen beeinträchtigt sind. Diese bestehenden Belastungen müssen im Hinblick auf ihre kumulativen Wirkungen verbindlich in die Regionalplanung und Ausweisung von Windeignungsgebieten und die Genehmigungsverfahren der einzelnen Anlagen einbezogen werden. Ziel muss der Erhalt bzw. die Wiederherstellung landschaftsökologischer Grundfunktionen sein. Dazu bedarf es der Entwicklung rechtlicher und planerischer Instrumente, um das kumulative Belastungslevel der Landschaftsräume und Möglichkeiten zur Reduzierung von Belastungen durch andere Flächennutzer in die Genehmigungsentscheidung für Windenergie- und PV-Anlagen einzubeziehen.

Belastbare Daten zu Flächenverfügbarkeiten vorlegen

Für eine sachgerechte Diskussion der komplexen Wirkungszusammenhänge verschiedener Optionen in der Ausgestaltung eines auf erneuerbaren Energien basierenden Stromversorgungsystems müssen räumliche Daten transparent und verständlich aufbereitet zur Verfügung stehen. Dies ist bislang nicht der Fall. Die Grundlage der Diskussion sollten künftig öffentlich verfügbare, qualitativ hochauflösende Daten zu den verfügbaren Flächenpotenzialen bilden. Der Bund muss eine robuste Datengrundlage für die Strategieentwicklung und die zugehörige Stromsystem- und Infrastrukturmodellierung schaffen, die eine realistische und umfassende Berücksichtigung und Einordnung von Flächenrestriktionen erlaubt.

Windenergie an Land stärken und bundesweit einheitliche Rahmenbedingungen schaffen

Windenergie an Land ist das Zugpferd der Energiewende und wird auch perspektivisch die wichtigste regenerative Erzeugungstechnologie bleiben. Heute erzeugen knapp 30.000 Windenergieanlagen mit einer installierten Leistung von 56,1 GW bereits 18,8 % der deutschen Netto Stromproduktion. Bis 2050 wird die installierte Leistung der Windenergie an Land – je nach Technologiemix – um den Faktor 3 bis 4 gegenüber heute gesteigert werden müssen. Angesichts der vielfältigen Konflikte gilt es, die gegenwärtige Genehmigungspraxis kritisch zu überprüfen, sowohl im Interesse des Naturschutzes und der Akzeptanz bei Bürgerinnen und Bürgern als auch zur Erhöhung der Planungs- und Investitionssicherheit der Vorhabenträger. Damit der Windenergieausbau beschleunigt und dabei im Einklang mit Mensch und Natur erfolgen kann, bedarf es neben der konsequenten Anwendung einschlägiger Rechtsvorschriften des Arten- und Naturschutzes ebenso der Schaffung möglichst bundesweit einheitlicher Rahmenbedingungen für den Ausbau der Windenergie, beispielsweise über eine besser koordinierte Regionalplanung und eine bundesweit vereinheitlichte Praxis in der Ausweisung von Windeignungsgebieten. Der Rechtsrahmen für die konkrete Genehmigungsplanung muss um Möglichkeiten, bestehende landschaftliche Vorbelastungen mit in die Planungsentscheidung einzubeziehen, ergänzt werden. Die Ausweisung von Windeignungsgebieten in der Regionalplanung darf jedoch nicht die Einzelfallprüfung ersetzen.

Gleichmäßige Regionalisierung der Windenergie erwirken

Der mit dem EEG 2017 vollzogene Übergang zu Ausschreibungen für erneuerbare Energien hat die Konzentration des Zubaus der Windenergie an Land an ertragreichen Standorten in Norddeutschland verstärkt und dazu geführt, dass Binnenlandstandorte im Süden der Republik benachteiligt sind. Gleichwohl sollte die Nutzung geeigneter Zonen in windärmeren Bundesländern mit schlechteren Standortbedingungen für die Windenergie grundsätzlich gewährleistet sein, um sowohl langfristige Ausbauziele zu erreichen, den erforderlichen Netzausbau zu begrenzen und der Realität knapper werdender Flächen in den bisherigen Gunstlagen Rechnung zu tragen. Um eine möglichst gleichmäßige Regionalisierung des Erneuerbaren- Zubaus, insbesondere jedoch der Windenergie an Land zu ermöglichen, sollte der Zubau der Windenergie daher auch in Süddeutschland gefördert werden, beispielsweise über die Einführung einer Regionalquote (Südquote) im Ausschreibungsverfahren.

Photovoltaik stärken

Durch die weitgehende Ausschöpfung der Potenziale vor allem für PV-, Aufdach-, aber in begrenztem Umfang auch für PV-Freiflächenanlagen (Szenario Fokus Solar) kann die Flächeninanspruchnahme durch Windenergie an Land um bis zu ein Drittel gegenüber einem herkömmlichen Entwicklungspfad (Szenario Energiewende Referenz) gesenkt werden. Der Ausbau der Photovoltaik, insbesondere der gebäudeintegrierten Photovoltaik, in Verbindung mit der Nutzung von Batteriespeichersystemen bildet daher insbesondere unter dem Aspekt der Flächeneffizienz eine sinnvolle übergeordnete Strategie und sollte ein zentrales Element einer jeden zukünftigen Ausbaustrategie für erneuerbare Energien bilden. Regulatorische Hemmnisse für PV und Batteriespeicher beseitigen Da der Ausbau von PV- und Batteriespeichersystemen entscheidend vom Investitionsverhalten der Hauseigentümer abhängt, müssen dafür entsprechende Anreize geschaffen und regulatorische Hemmnisse beseitigt werden. Auch Instrumente wie eine baurechtliche Verpflichtung zur Installation bzw. der Vorhaltung einer Photovoltaikanlage bei Neubauten und – soweit machbar – bei baulichen Änderungen des Daches sollten geprüft werden. Dies ist jedoch nur sinnvoll, wenn der Betrieb wirtschaftlich ist. Damit die Energiewende in die Städte einziehen kann, fordert der WWF die Bundesregierung daher auf, Mieterstrommodelle zu stärken und die bestehende Ungleichbehandlung von erneuerbarem Eigenstromverbrauch und Mieterstromverbrauch aufzuheben. Ebenso gilt es, regulatorische Hemmnisse für den wirtschaftlichen Betrieb von Batteriespeichern zu beseitigen. gesellschaftlichen Unterstützung zu erhalten und die Akzeptanz insbesondere für Windenergieprojekte zu fördern. Akzeptanz ist dabei nicht als unmittelbare Konsequenz von Öffentlichkeitsbeteiligung und finanzieller Teilhabe zu betrachten. Vielmehr ist Akzeptanz für ein Projekt als Folge eines frühzeitigen und transparenten Beteiligungsverfahrens sowie einer wahrgenommenen Verteilungsgerechtigkeit zu verstehen. Voraussetzung dafür sind die frühzeitige und transparente Teilhabe der betroffenen Bürger vor Ort im Planungsprozess sowie deren angemessene finanzielle Beteiligung an der Wertschöpfung der Windenergieprojekte.

Ausbau der Stromnetze beschleunigen – langfristigen Bedarf in verschiedenen technologischen Szenarien ermitteln

Das sogenannte „Startnetz“ und der Stromnetzausbaubedarf gemäß Netzentwicklungsplan 2030 sind unabhängig von Regionalisierung und Technologiemix der erneuerbaren Energien schnellstmöglich zu realisieren. Insgesamt ist für den Netzausbaubedarf ein nur sehr nuancierter Unterschied der Ausbau- und Investitionsvolumina abhängig vom Technologiemix und Regionalisierung festzustellen. Hingegen sind ab Mitte der 2030er Jahre Pfadabhängigkeiten und unterschiedlich ausgeprägte Ausbaunotwendigkeiten für die Netzinfrastruktur abhängig von Technologiemix und Regionalisierung zu erwarten, die es frühzeitig zu berücksichtigen gilt. In Anbetracht der langfristigen Planungsverfahren, der naturverträglichen Realisierung und öffentlichen Beteiligung bedarf es daher einer frühzeitigen planerischen Festlegung über wesentliche Weichenstellungen, um kostenintensive Korrekturen dieser Pfadabhängigkeiten zu vermeiden. Um diese Pfadabhängigkeiten adäquat und robust abbilden zu können, ist eine deutlich stärkere Spreizung der Szenarien zur Netzentwicklung, d. h. eine differenziertere Abbildung möglicher regionaler und technologischer Entwicklungspfade der regenerativen Erzeugung und Eigenverbrauchsanlagen vorzunehmen. Flächenrestriktionen müssen in künftige Modellierungen der Übertragungsnetzbetreiber einfließen. Der Szenariorahmen zur Netzentwicklung ist um mindestens zwei Langfristszenarien mit dem Zeithorizont 2050 zu erweitern.

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