12.000 Jahre Klimawandel

 Neuauflage von „Klima und Mensch. Eine 12.000-jährige Geschichte“

Heinz Wanner, Doyen der Schweizer Klimaforschung, hat – so Maja Petzold auf seniorweb.ch – mit „Klima und Mensch. Eine 12.000-jährige Geschichte“ mehr als nur ein wichtiges Werk zum Klimawandel geschrieben, das jetzt in erweiterter, zweiter Auflage erscheint. Wanner zeigt auf, wie Klima funktioniert und wie alte Kulturen auf unserem Planeten davon beeinflusst werden konnten.

Klimawandel – ein Thema, das die Menschheit dringend beschäftigt, wenn nicht gerade andere Krisen die Aufmerksamkeit beanspruchen. Heinz Wanner, 1945 in Biel geboren, emeritierter Professor der Universität Bern und weltweit anerkannter Klimaforscher, erklärt im Nachwort, was seine Absicht war, dieses Buch zu schreiben: Er habe aufzeigen wollen, „wie das Klima der Vergangenheit mithelfen kann, Verständnis für die gegenwärtigen Vorgänge im Klimasystem zu schaffen.“ Er warnt zugleich vor vorschnellen Interpretationen bei der Einschätzung bzw. der Überschätzung des Einflusses von vergangenen Klimaschwankungen auf Gesellschaften. Der Klimageograf Wanner interessiert sich nämlich ebenfalls sehr für Archäologie und Geschichte. Ein wichtiges Kapitel ist deshalb gesellschaftlichen Wandlungen, Wanderungen, Aufstieg und Untergang von Kulturen gewidmet, wobei der Autor stets die Frage stellt, welche Rolle Klimaveränderungen spielten. Seine Betrachtungen beschränkt er auf das noch andauernde Zeitalter, das Holozän.

Wer sich mit dem Klimawandel befasst, muss zuerst verstehen, welche Faktoren unser Klima beeinflussen. Was ist Wetter, was Witterung, wie definiert man den komplexen Begriff Klima? Es handelt sich dabei um grundlegende physikalische und chemische Zusammenhänge, die der Autor anschaulich, aber auch exakt erklärt. Laien sollten sich davon nicht abschrecken lassen. Es ergeben sich daraus aufschlussreiche Erkenntnisse: Viele Klima-Prozesse laufen nämlich zirkulär ab, das heißt, in Kreisläufen. Wie Wasser als Bach ins Meer fließt, dort verdunstet und als Regenwolke wieder über dem Land niederfällt – das haben wir schon in der Schule gelernt.

Anhand vieler Tabellen, Abbildungen und Schemata erklärt Wanner, dass die Klimawissenschaft durchaus zu den exakten Naturwissenschaften gehört, und es gilt, unzählige Variablen zu berücksichtigen. Ein simples Beispiel: Wenn die Sonnenenergie auf eine kalte, vereiste Erde ohne die Luftschichten unserer Atmosphäre treffen würde, könnte kein Leben entstehen – es würde auch der Sauerstoff fehlen, den jegliches Leben benötigt. Nur dadurch, dass die Erde von einer Schicht aus Wasserdampf und anderen Gasen umgeben ist, entsteht Leben. Der sogenannte Treibhauseffekt ist also lebensnotwendig – nur wenn die Zusammensetzung nicht mehr stimmt, wird er gefährlich, so versteht die Schreibende die differenzierten Ausführungen.

Das Klima besteht aus Kreisläufen

Die Ozeane spielen ebenfalls eine wichtige Rolle für das Klima. Nicht nur die Eiskappen an Nord- und Südpol, auch die unterschiedlichen Strömungen in der Tiefe der Weltmeere und an ihrer Oberfläche sowie der unterschiedliche Salzgehalt des Wassers sind von Bedeutung. Auf einer schönen Abbildung sehen wir, dass der Golfstrom beileibe nicht nur Teile des Atlantiks wärmt, sondern mit einer weltumspannenden warmen Oberflächenströmung verbunden ist. Als Laie erkenne ich aus den zahlreichen interaktiven Abhängigkeiten, was für ein fragiles und variables System unser Klima ist. Welche Folgen von Klimaschwankungen zu erwarten sind, wissen wir aus der Geschichte. Erinnern wir uns nur an Vulkanausbrüche, deren Asche den Himmel verdüstert und das Klima abkühlt. Die Klimatologen kennen noch andere solche Außergewöhnlichkeiten: El Niño (kalt) und La Niña (warm) sind zwei „typische Extremzustände“ im zentralpazifischen System, die sich auch in Europa auswirken.

Wer wie Heinz Wanner den Einfluss des Klimas auf alte Kulturen erforschen will, muss sich auch mit der Geschichte der Wetterforschung befassen. In Europa stammen die ersten bekannten Aufzeichnungen zum Wetter aus dem 13. Jahrhundert. Aber schon Aristoteles und sein Schüler Theophrastus hatten über das Klima nachgedacht. Regelmäßige Wetterbeobachtungen wurden in Europa erst seit dem 16. Jahrhundert niedergeschrieben, einer der berühmtesten Wetterbeobachter war der dänische Astronom Tycho Brahe. In den folgenden Jahrhunderten wurden die Instrumente erfunden, die genaue Beobachtungen zuließen.

Klimaarchive – das Wettergedächtnis

Wie aber eruiert man das Klima früherer Jahrtausende? Die Forscher stützen sich dabei auf Klimaarchive. Das können Fossilien sein, beispielsweise Knochen aus dem Eis, Baumringscheiben, fossiles Holz u.a., deren Alter mit der Radiokarbonmethode festgestellt wird, aber auch Ablagerungen und Sedimentschichten, Tropfsteine in Höhlen, sogar Korallen oder Eisbohrkerne, eine Methode, mit der man in Bern viel Erfahrung hat. Von diesen Klimaarchiven zu möglichst präzisen Klimadaten zu gelangen, ist in Wanners Worten „ein kniffliger Weg“.

Der Autor geht auch auf das Phänomen des Klimadeterminismus ein, d.h. die These, dass alle gesellschaftlichen Umbrüche auf Klimaveränderungen zurückzuführen seien. Er äußert sich allerdings sehr skeptisch gegenüber solchen eindimensionalen Einschätzungen. Dies gleichsam als Vorwort zu dem Thema, das dem Autor am meisten am Herzen liegt: Wie haben vergangene Gesellschaften und Kulturen auf Klimaschwankungen reagiert?

Klima und Menschheitsgeschichte im Holozän

Zwölf Kulturen beschreibt Heinz Wanner unter dem Aspekt, wie ihre Geschichte durch das Klima beeinflusst wurde. Diese erfindet er nicht neu, sondern setzt die Forschungen der Historiker in Beziehung zu denen der Klimawissenschaftler. Eine der Ursachen für den Untergang der frühen amerikanischen Kulturen sieht der Autor in der Trockenheit, die beispielsweise den Pueblo-Indianer im Südwesten der USA die Lebensgrundlage entzog. Auch die Mayas, die in waldreichen Gebieten Mittelamerikas lebten, litten unter Dürreperioden, die dazu beitrugen, dass die hochentwickelte Städtegesellschaft zerbröckelte.

Für andere Kulturen, im Amazonas-Becken oder in Mesopotamien, lassen sich nur Vermutungen anstellen, weshalb sie nach einer Blütezeit untergingen. Interessant sind die Erkenntnisse aus dem hohen Norden: In Grönland konnten sich die Inuit, die als erste eingewandert waren, halten, während die Wikinger, die vor allem im Süden Grönlands siedelten, nach etwa 500 Jahre die Insel endgültig wieder verliessen. Waren die Inuit besser an die harten Bedingungen Grönlands angepasst? Saß die Reiselust den Wikinger immer noch in den Knochen?

Auch zu den Ursachen der europäischen Völkerwanderung kann die Klimawissenschaft keine abschließenden Erkenntnisse hinzufügen. War es Flucht vor der Kälte im Norden Europas? War es ein Drang zu Eroberungen ohne Bezug zum Klima? Auf Spekulationen lässt sich Heinz Wanner nicht ein.

Die Indus-Kultur – früher als „Wiege der Kulturen“ bezeichnet – ebenso wie frühchinesische Kulturen konnten sich in Epochen günstigen Klimas entwickeln. Gerade in der Indus-Kultur waren die Veränderungen der Monsunregenfälle von Bedeutung. Das gilt auch für Afrika, die Sahara war zeitweise grün und von Menschen bewohnt, Regen brachte Lebensgrundlagen, Trockenheit bedeutete karge Wüstenzivilisation.

Das außerordentlich schön gestaltete Buch vermittelt uns wichtiges Wissen, um der Klimadiskussion differenzierter folgen zu können. Die Kapitel können gut einzeln gelesen werden. Das Werk mit Glossar und Stichwortverzeichnis eignet sich auch bestens zum Nachschlagen. Trotz vieler Fachbegriffe schreibt Heinz Wanner spannend und in gut verständlicher Sprache.

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