Reaktionen auf die FFF-Wupertalstudie “Einhaltung der 1,5 Grad-Celsius-Grenze”

Nur mit massivem Ausbau Erneuerbarer Energien

Die Untersuchung beleuchte Möglichkeiten, die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5°C einzuhalten und damit Risiken und Auswirkungen der Klimakrise gegenüber einer stärkeren Erwärmung erheblich zu verringern – so das Fazit des Bundesverbandes Erneuerbare Energien (BEE). Ein „’Chapeau’ an Fridays for Future kam vom Tagesspiegel Background Energie und Klima: Als politische Kraft haben sie gestern gezeigt, dass sie die Spielregeln bestens beherrschen.” Die dena erkennt in der FFF-Arbeit “Eckpunkte, die ein Erreichen der von dieser Studie anvisierten Ziele eher als unerreichbar erscheinen lässt”. Soweit das Spektrum der Reaktionen (allein mindestens 55 Zeitungen und Zeitschriften gingen darauf ein) – Solarify dokumentiert einige in Ausschnitten.

Der TS-Background weiter: “Die Studie, nach der Deutschland bis 2035 CO2-neutral werden müsse und könne, gelangte vorab nicht an die Presse. Und mit dem Wuppertal Institut für die Berechnungen und der GLS Bank als Sponsor wurden gut beleumundete Partner gefunden. Das Timing? Knapp ein Jahr vor der Bundestagswahl auch ziemlich ideal – die zweite Corona-Welle, die das Thema gestern merklich zur Seite drängte, ist Pechsache. Wer glaubte, es bliebe bei protestierenden Schülern, die ihre Plakate aus- und dann auch wieder einpacken, darf oder muss sich inzwischen auf eine neue, exzellent organisierte Klimaschutz-Lobbymacht einstellen. Profis eben. Die Grünen werden diese Messlatte häufig vorgelegt bekommen. Für sie ist Klimaschutz spätestens ab jetzt kein Elfmeter ins leere Tor mehr.”

BEE-Präsidentin Simone Peter: „Wir sind gut beraten, die Forderungen von FridaysforFuture zu Maßnahmen einer drastischen CO2-Minderung ernst zu nehmen. Sie beruhen auf wissenschaftlicher Expertise und der Empfehlung, der fortschreitenden Klimakrise entschiedener als bisher entgegen zu treten und die technologischen Chancen in Deutschland umfassend zu nutzen. Die Studie bekräftigt die Forderungen der Erneuerbaren Branche nach einem deutlich beschleunigten Ausbau der regenerativen Energien. Selbst bei den bisherigen, für das Paris-Klimaziel unzureichenden CO2-Minderungszielen der Bundesregierung, bleiben die geplanten Ausbaumengen für Erneuerbare Energien bis 2030 weit hinter dem Notwendigen zurück. Deshalb muss die EEG-Novelle umfassend überarbeitet werden. Bürokratische Hürden, gerade auch für den Eigenverbrauch von Erneuerbarem Strom, sind abzuschaffen, und dem Ausbau neue Dynamik zu verleihen. Jetzt gilt es zu klotzen statt weiter nur zu kleckern“, so Peter.”

Für den Ersatz fossiler Treibstoffe sei eine Beimischungsquote für CO2-neutrale synthetische Energieträger hilfreich, die 2026 bei 10 % beginnen und bis 2035 jedes Jahr um weitere 10 Prozentpunkte erhöht werden müsse. Für Industrieprozesse und zur Versorgungssicherheit mit notwendigem (ausschließlich) Grünem Wasserstoff solle in Deutschland bis 2035 eine installierte Kapazität an Elektrolyseuren in Höhe von 70 bis 90 GW aufgebaut werden. Für den Wärme- und Verkehrssektor sei eine ambitionierte CO2-Bepreisung ebenso notwendig wie konkrete Ausstiegsdaten für fossile Treib- und Brennstoffe. Die meisten neu eingebauten Heizungen müssten daher schon in den kommenden Jahren über Wärmepumpen verfügen. Zusätzlich zum inländischen Ausbau der Erneuerbaren Energien müssten gemäß Studie Importe von im Ausland mit Erneuerbaren Energien produzierten klimaneutralen Energieträgern (Wasserstoff, Synfuels) hinzukommen.

„Die Studie macht deutlich, dass der Transformationsprozess in allen Sektoren sowie für die Gesamtgesellschaft große Anstrengungen erfordert, aber eher nicht an technische Grenzen stößt. Das liegt auch daran, dass die Branche der Erneuerbaren Energien in den vergangenen Jahrzehnten eine breite Technologievielfalt zur Wettbewerbsfähigkeit geführt hat, die heute zu mehr als 300.000 Arbeitsplätzen und hoher regionaler Wertschöpfung in Deutschland beiträgt. Mit einer Einsparung von über 200 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr sind sie der Schlüssel für Klimaschutz und umweltfreundliche Energieversorgung. Daran muss sich das politische Handeln wieder deutlich stärker orientieren. Nur ein zukunftsfähiger Standort kann Versorgungssicherheit, neue Arbeitsplätze und den Erhalt der Lebensgrundlagen gewährleisten,“ so Peter abschließend.

“Nur auf den ersten Blick sieht es ehrgeizig aus, wozu sich Deutschland verpflichtet hat, um die Erderwärmung zu stoppen”, stellt Jonas Schaible im SPIEGEL fest. “Die Studie geht nicht davon aus, dass bald Technologien erfunden werden, mit denen CO2 im großen Stil effizient und günstig gebunden werden kann. Solche Negativemissionen könnten theoretisch eine weniger rasante Transformation erlauben. Die Bundesregierung hält offiziell an ihren Klimazielen fest, wird sie womöglich nur leicht anheben, weil die EU sich auf höhere Ziele einigen will und Deutschland dann einen Beitrag leisten muss. Und schon diese Ziele werden bislang verfehlt, weil die Politik nur zögernd Maßnahmen ergreift, und weil die Aufgabe immens ist. Die Studie des Wuppertal Instituts vermittelt einen konkreteren Eindruck, wie groß genau.”

FFF-WI-Abeit könnte dringend erforderlichem konkreten Diskurs über zielführende Rahmensetzung eher im Wege stehen

dena-Chef Andreas Kuhlmann kritisiert an der Untersuchung, “bedauerlicherweise fehlt es den darin beschriebenen Eckpunkten an nachvollziehbaren Machbarkeitspfaden. Sie enthält im Gegenteil Eckpunkte, die ein Erreichen der von dieser Studie anvisierten Ziele eher als unerreichbar erscheinen lässt. Zu nennen ist hier beispielhaft eine quasi sofortige vierprozentige Sanierungsrate oder der großskalige Import von klimaneutralem Wasserstoff bis 2035. Es ist daher durchaus möglich, dass diese Studie dem dringend erforderlichen konkreten Diskurs über eine zielführende Rahmensetzung eher im Wege steht. Klimaschutz ist eine allumfassende gesellschaftliche Herausforderung. Viele Disziplinen sind hier gefragt, was auch im Kontext der Pariser Klimaziele (SDG13) und all den anderen Sustainable Development Goals zu erkennen ist.”

Kuhlmann weist vor allem auf die dena-Leitstudie hin (“Die dena-Leitstudie [siehe: solarify.eu/dena-verbraucher-glauben-an-zukunft-der-e-mobilitaet] wird hier sicherlich einen sehr guten Beitrag leisten können”) und fährt fort: “Es wird nun höchste Zeit, dass die damit verbundenen Diskussionen geerdet und mit konkreten Pfaden unterlegt werden. Daran arbeiten wir aktuell mit einer Vielzahl von Stakeholdern und Gutachtern in der dena-Leitstudie Aufbruch Klimaneutralität. In der gegenwärtigen, eher auf Meta-Ziele abzielenden Diskussion geht einiges drunter und drüber. Die heute vorgestellte Studie sehe ich daher eher kritisch. Es ist nicht zielführend, mit Eckpunkten, für deren Erreichbarkeit es nur wenige Anhaltspunkte gibt, den Diskurs zu prägen. Die attestierte grundsätzliche Machbarkeit ist eine nicht hinterlegte Behauptung.”

->Quellen: