1 Tonne CO2 richtet 180 Euro Schäden an

Bundesregierung beschließt Aktionsplan für klimafestes Deutschland – erstmals Förderung von Anpassungsmaßnahmen in sozialen Einrichtungen

Die Bundesregierung hat am 21.10.2020 den aktuellen (zweiten) Fortschrittsbericht zur Deutschen Anpassungsstrategie beschlossen. Neben einer Bilanz vergangener Aktivitäten hat das Bundesumweltministerium die Prioritäten für die künftige Arbeit gesetzt und in einer Online-Pressekonferenz dargestellt. Hierzu zählen bessere Grundlagen für die Finanzierung der Klimaanpassung. Das Bundesumweltministerium fördert zudem erstmals soziale Einrichtungen mit 150 Millionen Euro bei ihren speziellen Herausforderungen in der Klimaanpassung. Mit mehr als 180 weiteren Maßnahmen will die Bundesregierung Deutschland klimafest machen, gegen Risiken durch Hoch- und Niedrigwasser oder gestörte Infrastrukturen, Beeinträchtigungen der Landwirtschaft, Gesundheitsgefahren, Sicherheitsrisiken in der Wirtschaft sowie Herausforderungen des Bevölkerungsschutzes.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze: „Der Klimawandel ist in Deutschland angekommen. Das spüren vor allem jene Kommunen, die im Sommer mit Hitze und Wasserknappheit zu kämpfen haben. Damit uns der Umgang mit den Folgen des Klimawandels in Zukunft besser gelingt, brauchen wir gute Planung und Vorsorge mit Weitsicht. Dafür wollen wir eine belastbare bundesweite Datenbasis schaffen und die Finanzierung der Klimaanpassung in Deutschland strategisch ausrichten. Ich will, dass wir den Schwachen in unserer Gesellschaft besser helfen. Oft fehlen Alten- und Pflegeheimen, Kindertagesstätten oder Krankenhäusern die Mittel, um ausreichend vorzusorgen. Ich werde daher erstmals ein Förderprogramm für die Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen auflegen. Wir wollen mit der Förderung gezielt all jene unterstützen, die in der Corona-Pandemie Großes für die Gesellschaft leisten.“

Präsident des Umweltbundesamts Dirk Messner: „Weil Klimafolgen auch bei uns immer öfter zu Katastrophen werden, steigt die Aufmerksamkeit und der Ruf nach wirksamen Lösungen. Die Renaturierung von Feuchtgebieten und Flussläufen, mehr Raum für Natur in den Städten, bodenschonende Verfahren in der Landwirtschaft – das alles sind Beispiele dafür, wie Anpassung ökologischen, ökonomischen sowie sozialen und kulturellen Nutzen entfaltet. Es geht nicht nur um Anpassung an die Folgen an die Erderhitzung, sondern um eine nachhaltige Gesellschaft an sich. Denn nur wenn es in der nächsten Dekade gelingt, Klimavorsorge noch konsequenter an Nachhaltigkeitszielen auszurichten, werden wir mit den Folgen der Erdüberhitzung leben können.“ Der UBA-Präsident bezifferte im Rahmen einer Online-Pressekonferenz den durch eine Tonne CO2 verursachten Schaden auf 180 Euro (so WWF und UBA). Messner: “Wir werden uns im Klimaschutz ganz besonders anstrengen müssen”.

Fünfjahres-Bilanz der Klimaanpassung

Der Fortschrittsbericht 2020 bilanziert die vergangenen fünf Jahre Klimaanpassung durch die Bundesregierung. Der Bericht gibt einen aktuellen Stand im Hinblick auf Wissen, Strukturen und Handlungsansätze. Der im Bericht enthaltene „Aktionsplan Anpassung III“ skizziert mehr als 180 laufende und neue Maßnahmen aller Bundesressorts. Darüber hinaus blickt die Bundesregierung voraus auf die künftige Arbeit, wie z.B. die Entwicklung von konkreten Zielsetzungen für ein klimaresilientes Deutschland in verschiedenen Handlungsfeldern, eine verbesserte Analyse der Wirksamkeit von Maßnahmen sowie eine Kosten-Nutzen-Bewertung zu Klimawandelschäden und Anpassungsausgaben des Bundes.

Um die Anpassung an den Klimawandel zu optimieren, sollen künftig alle Daten zu Schäden und Schadenskosten systematisch in einem bundesweiten Klimaschadenskataster gebündelt werden. Mit dem Aufbau eines bundesweiten Klimaschadenskatasters sollen künftig Schäden und Schadenskosten systematisch registriert werden, um die Daten zur kurz- und langfristigen Planung verfügbar zu machen. Parallel dazu evaluiert die Bundesregierung die bisherigen Ausgaben für die Anpassung an den Klimawandel und welche Mittel zukünftig benötigt werden.

Gesicherte Daten

Aus dem Ersten Fortschrittsbericht (2016): “Für Deutschland sind seit dem Jahr 1881 für die beiden wichtigsten meteorologischen Größen – Temperatur und Niederschlag – ausreichend Daten vorhanden, um Klimaveränderungen zu bestimmen. Gesicherte Erkenntnisse für Deutschland sind:

      • Das Jahresmittel der Lufttemperatur ist im Flächenmittel zwischen 1881 und 2013 um 1,2 Grad Celsius angestiegen.
      • Für den Niederschlag ist festzustellen, dass es seit 1881 im Winter signifikant feuchter geworden ist (Anstieg der Niederschlagsmenge um 10,6 Prozent), die Sommer hingegen sind quasi unverändert.

Mit Klimamodellen ist auch ein Blick in die Zukunft möglich. Sie liefern Projektionen zur zukünftigen Klimaentwicklung. Hundertprozentige Sicherheit und Genauigkeit ist hier nicht möglich, aber die Spannbreiten und Unsicherheiten sind für die nahe Zukunft nicht sehr groß. Um Aussagen auch für die regionale Ebene zu ermöglichen, wurden regionale Klimamodelle mit einer Auflösung von etwa 25 x 25 Kilometer entwickelt und mit globalen Modellen verknüpft.

      • Für die nahe Zukunft (bis 2050) ist ein Temperaturanstieg von weiteren 0,5 Grad Celsius wahrscheinlich, für den anschließenden Zeitraum bis 2100 lassen die Projektionen plus 1,5 Grad Celsius erwarten.
      • Der Blick auf die Niederschläge zeigt: Die Tendenz geht in Richtung „weniger Niederschläge“ im Sommer (minus 10 bis 20 Prozent), während im Winter mehr Niederschlag wahrscheinlich ist: Für die nahe Zukunft plus 10 Prozent, für den Zeitraum danach plus 15 Prozent.

Aufschlussreich ist der Blick auf die Extremwetterereignisse, über die Klimaänderungen auch in der Bevölkerung deutlich spürbar sind.

      • Seit 1951 ist die Anzahl der heißen Tage (über 30 Grad Celsius) im Flächenmittel von etwa drei Tagen auf etwa acht Tage pro Jahr gestiegen. Bis zur Mitte des Jahrhunderts ist eine Zunahme von fünf bis zehn heißen Tagen wahrscheinlich.
      • Der Blick auf Niederschlagsextreme zeigt: Es regnet im Winter nicht nur länger, sondern auch heftiger. In den Mittelgebirgen wird sich dieser Trend in der Zukunft wahrscheinlich verstärken. Wenn die Treibhausgasemissionen weiter steigen, kann auch die Nordseeküste verstärkt betroffen sein.

Aktuelle Erkenntnisse zu Klimaänderungen und Klimafolgen aus dem Zweiten Fortschrittsbericht (gekürzt)

Der Berichtszeitraum 2014-2017 war als Reihung sehr warmer Jahre geprägt von langen Trockenperioden und Extremereignissen wie Stürmen und heftigen Starkregenereignissen. Letztere führten beispielsweise in den Frühjahren und Sommern 2016 und 2017 zu Überschwemmungen. Die Indikatoren legen sowohl kontinuierliche Veränderungen als auch die Häufung von klimatischen Extremereignissen offen.

  • Ansteigende Hitzebelastung – Die Sommer in den Jahren 2003, 2018 und 2019 waren die wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Das Jahresmittel der Lufttemperatur ist im Flächenmittel von Deutschland von 1881 bis 2018 statistisch gesichert um 1,5 °C angestiegen und übertrifft damit den Wert von 2013 um 0,3 °C. In den zurückliegenden vierzig Jahren zeichnet sich ein Trend zunehmender Hitze-Extrema ab. Insbesondere die Anzahl der „heißen Tage“, an denen die höchste gemessene Temperatur 30 °C oder mehr beträgt, hat signifikant zugenommen. Dies bekräftigt ein zentrales Ergebnis der Vulnerabilitätsanalyse 2015, die den Anstieg der Hitzebelastung als deutlichstes und stärkstes Klimasignal identifiziert hat. Hitzeperioden sind mit gesundheitlichen Belastungen verbunden. Auf der Grundlage bundesweiter Daten zeigt sich, dass im Sommer 2003 in Deutschland etwa 7.500 Menschen mehr gestorben sind, als ohne Hitzewelle zu erwarten gewesen wäre. Für die Jahre 2006 und 2015 ergeben sich jeweils etwa 6.000 zusätzliche Todesfälle.
  • Beeinträchtigung der Wassernutzungen durch zunehmende Erwärmung und vermehrte Sommertrockenheit – Die Daten bundesweit ausgewählter Grundwasserstände zeigen im Vergleich zum langjährigen Mittel, dass Monate mit unterdurchschnittlich niedrigen Grundwasserständen signifikant häufiger werden. Vor allem über mehrere Jahre hintereinander auftretende Niederschlagsdefizite führten zu sinkenden Grundwasserständen oder verringerten Quellschüttungen. Auffällig niedrige Grundwasserstände und geringe Quellschüttungen gab es vor allem zwischen 2013 und 2017. Aufgrund der ausgeprägten Trockenperiode zeigen die Daten für 2018 eine ähnliche, sogar noch extremere Situation auf. Die Zeitreihe seit den 1960er Jahren zeigt für die mittlere Abflusshöhe an 80 über die Flussgebiete Deutschlands verteilten Pegeln deutliche Schwankungen zwischen den Jahren. Im Sommerhalbjahr geht die mittlere Abflusshöhe signifikant zurück. Dies deutet auf eine Abnahme der sommerlichen Wasserverfügbarkeit hin. Die bereits 2015 berichteten problematischen Entwicklungen bei der Bodenwasserversorgung setzen sich fort. Angepasste landwirtschaftliche Bewirtschaftungsweisen sind notwendig, mit denen der Humusvorrat im Boden und die Bodenwasserversorgung gefördert werden können, um auf Dürreperioden besser vorbereitet zu sein.
  • Schäden durch Starkregen und Sturzfluten in urbanen Räumen – Im DAS-Monitoringbericht 2019 werden erstmals auch Starkregenereignisse in Siedlungsbereichen erfasst und abgebildet. Damit wird das DAS-Monitoring präziser auf die Ergebnisse der Vulnerabilitätsanalyse ausgerichtet, die 2015 Starkregen und Sturzfluten in urbanen Räumen als handlungsleitenden Schwerpunkt identifizierte. Eine Vorsorge gegenüber Schäden durch Starkregen und Sturzfluten wird im DAS-Monitoring über die Versicherungsdichte der erweiterten Elementarschadenversicherung erfasst. Die Daten zeigen, dass die Versicherungsdichte in den letzten Jahren zwar signifikant gestiegen ist, allerdings im bundesweiten Überblick mit 43 % bei der Gebäudeversicherung und 24% bei der Hausratsversicherung noch immer gering ausfällt.
  • Meeresspiegelanstieg und Sturmflutgefahr – Die im DAS-Monitoring 2019 erfassten Pegel der Nord- und Ostsee zeigen einen überwiegend signifikanten Anstieg für den Meeresspiegel. Die Erhöhung des Wasserstandes durch Sturmfluten ist weitgehend auf den Meeresspiegelanstieg zurückzuführen. Dies bedeutet für Küstenregionen, vor allem für Ästuare [große Flussmündungen (S_Y)] und tief liegende Küstenebenen, eine langsam zunehmende Gefährdung.
  • Veränderung der Artenzusammensetzung und natürlicher Entwicklungsphasen durch einen graduellen Temperaturanstieg – Steigende Temperaturen haben auch Einfluss auf natürliche Systeme. So hat sich seit dem ersten DAS-Monitoringbericht 2015 die Dauer der Vegetationsperiode weiter verlängert. Im Vergleich setzen beispielsweise charakteristische Entwicklungsstadien von Wildpflanzen (z.B. Blattentfaltung, Blüten- oder Fruchtbildung, Laubfall) für Frühling, Sommer und Frühherbst früher ein und solche für den Vollherbst, Spätherbst und Winter beginnen später.
    Wirkungen der zunehmenden Erwärmung zeigen sich auch in signifikant angestiegenen Wassertemperaturen von Seen und der Nordsee. Auch wenn die Jahresmitteltemperaturen kontinuierlich ansteigen, bleiben Witterungseinflüsse von langen, kalten Wintern auf Ökosysteme wirksam. Das illustriert die Entwicklung der Vogelartengemeinschaften. Seit 1990 hat sich die Häufigkeit der Vogelarten zu Gunsten von wärmeliebenden Arten verschoben. In den Jahren 2009/10 bis 2012/13 gab es eine Reihe strenger Winter mit negativen Auswirkungen auf die Bestände vieler Brutvögel. Sie wirkten sich besonders auf Arten aus, die aus dem Süden eingewandert sind.

Neues Förderprogramm „Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen“

Noch im Oktober 2020 soll ein neues Förderprogramm „Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen“ an den Start gehen. Damit wendet sich das BMU an Kommunen, gemeinnützige Organisationen und Unternehmen, die im Gesundheits- und Sozialwesen tätig sind. Sie erhalten gezielte Unterstützung, z.B. bei baulichen Veränderungen wie Dach- und Fassadenbegrünung, dem Aufbau schattenspendender Pavillons und Sonnensegeln oder der Anschaffung von Trinkwasserspendern. Soziale Einrichtungen sollen individuelle Beratung sowie die Möglichkeit erhalten, passgenaue Klimaanpassungskonzepte für sich zu entwickeln. Mit Ausbildungs- und Weiterbildungsprogrammen sowie Informationskampagnen werden die Beschäftigten sowie die zu betreuenden Personen und ihre Angehörigen für die Folgen des Klimawandels sensibilisiert. Anträge von finanzschwachen Kommunen und gemeinnützigen Vereinigungen die bis zum 30. Juni 2021 eingehen, können in manchen Fällen bis zu 100 Prozent gefördert werden.

Die Bundesregierung hat 2008 mit der Deutschen Anpassungsstrategie (DAS) den strategischen Rahmen gesetzt, um die Gesellschaft in Deutschland langfristig und sozialverträglich gegen die Folgen des Klimawandels zu wappnen. Im Rahmen der DAS arbeiten sowohl alle Bundesressorts unter Federführung des Bundesumweltministeriums als auch 28 Bundesoberbehörden unter Leitung des Umweltbundesamts in einem übergreifenden Netzwerk zusammen. Nach dem ersten Fortschrittsbericht von 2015 zieht die Bundesregierung erneut nach fünf Jahren Bilanz und bestimmt die inhaltlichen und strategischen Leitlinien sowie politischen Schwerpunkte für die Zukunft.

Die Interministerielle Arbeitsgruppe Anpassung an den Klimawandel (IMA Anpassung) der Bundesregierung wird geleitet vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB). In der IMA Anpassung vertreten sind Auswärtiges Amt (AA), Bundeskanzleramt (BK), Bundesministerium der Finanzen (BMF), Bundesministerium des Innern (BMI), Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), Bundesministerium der Verteidigung (BMVg), Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), Bundesministerium für Gesundheit (BMG), Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI), Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi), Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

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