Lebensmittelreste: Bakterien machen Kunststoff statt Biogas

Aus Lebensmittelresten wird in Biogasanlagen Methan, das verbrannt wird. Ein Start-up will den Kohlenstoff der Reste stattdessen jahrzehntelang in einem Kunststoff binden.

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In Anlagen wie dieser in Sundern wird Bioabfall zu Biogas vergoren. EveryCarbon will den Kohlenstoff aus den Resten stattdessen in einem Kunststoff binden. Foto von Julia Koblitz 

Das Start-up EveryCarbon aus Baden-Württemberg will aus Lebensmittelresten einen Kunststoff  herstellen. Dafür liefern Bakterien den Grundstoff. Mit diesem Verfahren hat das Team die Challenge „Circular Biomanufacturing“ der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) gewonnen. Die Entscheidung fiel am 15. Oktober in Leipzig.
In einer Biogasanlage zersetzen Mikroben die Lebensmittelreste in mehreren Schritten. Zunächst zerfallen die Reste zu einer flüssigen Brühe. Erst im letzten Schritt entsteht daraus Methan. EveryCarbon verwendet die Brühe jedoch bereits vorher: Die Bakterien des Teams produzieren daraus Butandiol, einen Stoff, der auch in Lösemitteln und Kunststoffen enthalten ist. Diese Moleküle können zu einem Polyester verknüpft werden.

Dieser Kunststoff könnte fossiles Plastik ersetzen. Zuerst geht es um harte Dämmplatten, die unter dem Boden in Bad, Küche und Keller liegen, also dort, wo Feuchtigkeit hinkommt. Deshalb ist das Material absichtlich nicht biologisch abbaubar. Laut dem Team nimmt es so wenig Wasser auf wie die fossilen Plastik-Platten. In feuchter Umgebung soll es rund 30 Jahre halten. Dämmstoffhersteller sollen es als Granulat auf ihren vorhandenen Maschinen verarbeiten können.

Die Vorgaben der SPRIND-Challenge waren: Die Produktion musste mindestens 180 Tage ohne Unterbrechung laufen. Am Ende sollten drei verschiedene Produkte entstehen. Von acht Teams kamen vier ins Ziel. EveryCarbon betrieb dafür eine kleine Anlage in einem Container auf dem Gelände einer Kläranlage. Die Gärung lief 180 Tage lang ohne Verunreinigung durch fremde Keime und konnte ohne den Einsatz von Antibiotika funktionieren.

Gut die Hälfte des Bioabfalls in Deutschland wird bereits in Anlagen mit Vergärung behandelt. Das Biogas liefert Strom und Wärme. Der Gärrest wird als Dünger genutzt. Deshalb empfiehlt das Umweltbundesamt, mehr Bioabfall zu vergären. Methan ist laut Mitgründer und Geschäftsführer Sebastian Beblawy jedoch das billigste Molekül am Markt. Sein Wert entspreche nur der Energie, die beim Verbrennen frei wird. Im Kunststoff sei derselbe Kohlenstoff deutlich mehr wert. Zudem bleibt er dort jahrzehntelang gebunden. Beim Verbrennen von Biogas gelangt er sofort als CO2 in die Luft. Biogasanlagen könnten mit der Brühe deshalb mehr verdienen als mit Methan.

Noch arbeitet das Team im Pilotmaßstab. Laut Unternehmensangaben liegen jedoch bereits Absichtserklärungen von Baufirmen und Materialherstellern vor. Als Nächstes rüstet EveryCarbon gemeinsam mit der TU Hamburg einen vorhandenen 10.000-Liter-Tank beim Feinkosthersteller Popp in Kaltenkirchen um. Dort sollen Produktionsreste zu Brühe zersetzt werden. EveryCarbon verarbeitet diese Brühe dann in seiner Pilotanlage in Stuttgart zu Kunststoff. Später soll eine eigene Fabrik mindestens 30.000 Tonnen pro Jahr liefern. Sie soll voraussichtlich in einer dicht besiedelten Industrieregion in der Nähe der Reststoffe entstehen. Lebensmittelreste bestehen nämlich zu 70 bis 80 Prozent aus Wasser. Wer sie weit transportiert, transportiert vor allem Wasser.

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