Kämpferisches Schlusswort: „Wie sapiens ist der Homo?“

Robert Schlögl mahnt zum Ende der Leopoldina-Jahresversammlung

Ein „kämpferisches Schlusswort“ (so Petra Ahne in der FAZ) hielt der Vizepräsident der Leopoldina und Chemiker Robert Schlögl bei der Jahresversammlung 2021, die am 24. und 25.09.2021 unter dem Thema „Biodiversität und die Zukunft der Vielfalt“ in Halle stand. Schlögl kritisierte, dass einige glaubten, der Homo sapiens stehe über der Biodiversität und könne sie manipulieren, aber „wir sind Teil des Systems, das wir untersuchen“ –  die Schöpfung schlage ja „brutal zurück“. Schlögl fragte schließlich, ob der Homo wohl so sapiens sei, wie er heiße: „Wir wissen, dass das gefährlich ist, was wir tun, und doch passiert nichts.“ Das bedeute auch: „Die Stimme der Wissenschaft ist zu leise.“ Das zu ändern sei nun Aufgabe aller Teilnehmer der Leopoldina-Jahresversammlung. Solarify dokumentiert das Schlusswort.

Robert Schlögl bei Schlusswort in der Leopoldina – Screenshot © Gerhard Hofmann für Solarify

„Die Leopoldina hat sich mit allen Instrumenten, die eine Nationalakademie zur Verfügung hat, mit der Frage der Biodiversität auseinandergesetzt. Die letzten zwei Tage haben wir als Kulminationspunkt dessen gesehen, wie man sich um das Thema Biodiversität herum bewegen kann. Es war eine vollständige Umfassung dieses Begriffs, und aus wirklich sehr vielen Disziplinen wurde das beobachtet. Wir haben also eine Umrundung vorgenommen. Jetzt versuche ich Ihnen in drei Punkten etwas zu sagen, was ich als take home-Message von der gesamten Aktivität mitgenommen habe.

Wir haben gelernt, dass es sich um ein systemisches Problem handelt. Systemische Probleme zeichnen sich grundsätzlich dadurch aus, dass sie raum-zeitlich multidimensional sind, und dass sie rekursiv sind und deshalb auch nicht-linear. Das sind alles Eigenschaften, die wir heute in verschiedenen Facetten gesehen haben, die aber den Hardcore-Naturwissenschaftler nicht verschrecken, weil alle Dinge, die wir in der Naturwissenschaft betrachten, eigentlich diese Eigenschaft haben. Das ist etwas völlig Normales.

Die Biodiversitätsforschung, die ich wahrgenommen habe, befindet sich im Augenblick in einer sehr interessanten wissenschafts-historischen Situation, in der sehr viel Statisch-Deskriptives noch zu leisten ist und auf der anderen Seite erste Versuche gemacht werden, das dynamisch-präventiv anzuschauen. Das ist ein sehr interessanter Teil, wie weit eine Wissenschaft schon vorangeschritten ist, und wir haben Beispiele aus diesen beiden Domänen heute in sehr interessanter Form sehen können.

Was mir aufgefallen ist, ist – und das möchte ich jetzt dazu sagen, ohne missverstanden zu werden – es gibt bei diesen Dingen eine Modellfalle. Die Dinge sind wirklich sehr kompliziert, und wir haben gesehen, bei dem Versuch es quantitativ-numerisch zu beschreiben, ist die Fähigkeit, es wirklich rüberzubringen, und das genau zu machen, da muss man, glaube ich, noch Arbeit reinstecken – das ist jetzt keine Kritik an irgendwelchen mathematischen Verfahren, das ist einfach intrinsisch wahnsinnig kompliziert. Und ich glaube, die Forschung ist noch nicht so weit, dass man sich einheitlich darauf einigen kann, was jetzt wichtige Achsen sind, was wichtige Beobachtungsräume sind, was die Parameter sind,  da muss noch sehr viel Arbeit reingesteckt werden.

Diese Arbeit ist dringend notwendig, denn die Voraussagen, die aus dieser Biodiversitätsforschung kommen, sind für unser Leben zentral wichtig. Das haben wir auch in den Diskussionen gesehen. Man würde erwarten, dass die numerisch-mathematische Evidenz schon überzeugend ist, bevor man solche Aussagen macht, und das ist wie gesagt, keine Kritik, das ist echt schwer. Ich möchte allen zurufen: Die Methoden der modernen Daten-Analytik und Artificial Intelligence sind hier wirklich sehr empfehlenswert. Ich habe relativ viele lineare Korrelationsversuche gesehen – und das, glaube ich, wird der Sache nicht gerecht. Hier haben wir einen multidimensionalen Zusammenhang und eine Projektion auf irgendeine lineare Darstellung ist in aller Regel nicht sehr überzeugend. Dies ist ein Phänomen, das in meiner eigenen Wissenschaft auch täglich auftaucht.

Einladung und Programm der Jahresversammlung der Leopoldina – Figures GmbH, Berlin © Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Halle (Saale) 2020

Was ich gelernt habe, und das kennen wir auch aus anderen Zusammenhängen: Diversität ist Stabilität, aber wir haben gelernt, dass diese Stabilität ganz unterschiedlich wahrgenommen werden kann. Biologische Stabilität hat der Wissenschaft den Namen gegeben. Es gibt aber auch ganz sicher eine soziale Stabilität; wir haben sehr interessante Beispiele gesehen heute und auch gestern, dass natürlich biologische Stabilität und soziale Stabilität ganz viel mit einander zu tun haben. Und es gibt natürlich auch die ästhetische Stabilität. Ich weise ausdrücklich auf das Titelbild der Leopoldina-Studie (re.) hin, wo wir diese drei Ökosysteme sehen. Wenn wir dieses eine Zeit lang betrachten, dann sehen wir einen naturwissenschaftlichen Gehalt, aber Sie sehen auch eine ästhetische Anmutung, und ich bin ziemlich sicher, dass die meisten von Ihnen glauben, dass das obere Bild das schönere ist, wo sie lieber Urlaub machen würden. Das sagt uns auch Einiges: Die Biodiversitätsfrage ist viel, viel komplexer, als nur das Biologische.

Daraus erlaube ich mir, jetzt einen Schluss zu ziehen, der vielleicht etwas gewagt ist, den ich aber auch in den Vorträgen mindestens durchgehört habe – mit dem Grundgedanken: Es ist schon eigenartig, dass einige glaubten, dass der Homo sapiens über der Biodiversität steht, und nicht merkt, dass der Homo Teil dieser Biodiversität ist – wir sind Teil des Systems, das wir untersuchen. Und manchmal bin ich mir nicht so sicher, ob der Homo wirklich so „sapiens“ ist, wie er heißt. Die Vorstellung, dass man da drübersteht, und dass man das manipulieren kann – „machet Euch die Schöpfung untertan!“ – da muss man ein bisschen vorsichtig sein, denn die Schöpfung schlägt ja brutal zurück. Allerdings lernen wir, dass die Zeitskala verschieden ist. Die Schöpfung braucht vielleicht eine Zeit und schaut sich das Ganze an, aber wenn es ihr genug ist, dann gibt’s Krach. Ich glaube, diesen Aspekt haben wir sehr deutlich gesehen, auch in den numerischen Modellen, die dargestellt worden sind, aber wir sind nicht bereit, daraus Lehren zu ziehen. Der letzte Vortrag hat uns ja sehr eindrücklich geschildert, warum das so ist.

Wir lernen: wir sind viel zu kurzsichtig; wir sind bewusst bereit dazu, die von der Natur eingebauten Sicherungssysteme gegen solche Instabilitäten des uns umgebenden Biosystems rauszuwerfen, nur dass der ökonomische Gewinn und die Effizienz höher werden. Die Effizienzbetrachtung, die wir auf uns projizieren, ist: Wie viel Aufwand muss ich für eine Maximierung des ökonomischen Gewinns reinstecken? Das sieht man sehr schön auf dem unteren Bild. Natürlich ist das mittlere Bild viel stabiler, es ist ein viel besser bewirtschaftetes System, aber der Traktor ist kleiner, man muss mehr Arbeitsstunden reinstecken. Und diese ganz einfache Logik, die man in diesen Bildern sieht, die ist, so trivial sie ist, ganz schön persistent. Und ich glaube, da müssen wir ein bisschen aufpassen.

Der Begriff Effizienz, der sich durch die Diskussion hier irgendwie durchgezogen hat – er wurde so nicht gebraucht, weil es vielleicht die falsche Terminologie ist – aber mir ist nur aufgefallen, die Systemeffizienz, die Erkenntnis, dass die Biodiversität ein systemisches Problem ist, und damit auch eine systemische Effizienz; der System-Service-Gedanke kam in manchen von den Bildern vor. Diese Ansicht ist jedoch noch nicht allgemein verbreitet. Wir müssen natürlich schon das System optimieren. Wir haben 10 Milliarden Leute, das wurde heute auch gesagt. Wir müssen unsere Menschen ernähren. Aber ist gibt keinen Grund, wie ich heute gehört habe, dass wir das nicht im Einklang mit der Natur tun – wenn wir eben den System-Service-Gedanken etwas nach vorne stellen.

Jetzt kann man natürlich die Frage stellen, was die Aufgabe der Akademie ist, außer etwas zu erkennen: Ich würde einmal ganz hart behaupten, das soziopolitische System zeigt hier Systemversagen. Wir wissen genau, dass das extrem gefährlich ist, was wir tun, und wir wissen genau, dass man es leicht vermeiden kann, und wir wissen genau, dass es auch nicht viel kostet, das zu tun, und gleichwohl geschieht nichts. Und zwar warum? Weil die Stimme der Wissenschaft, die das alles weiß, die das auch evident darstellen kann, im Verhältnis zur Stimme der politischen Entscheidungsträger halt zu schwach ist, und nicht gehört wird. Wir haben eindrucksvoll von Herrn Niggli heute gehört – er hat also offensichtlich mit der politisch zuständigen Dame, deren Name ich nicht nennen will, darüber gesprochen – und er wurde daraufhin in die Ferien geschickt. Das ist ein Skandal. Und ich rufe uns alle auf, dagegen aufzustehen. Es kann nicht sein, dass die Wissenschaft die Evidenzen hat, sie weiß genau, was zu tun ist, und die Politik tut nichts – und dann schickt sie sie in die Ferien. Es wäre doch nicht schlecht, wenn wir wenigstens diesen Prozess öffentlich machen würden.

Ich glaube, es ist extrem wichtig, dass die Wissenschaft die Stärke ihrer Stimme von sich aus erhöht, denn wir sind zwar sehr gut fundamental unterwegs, und wir können das alles untermauern, aber es interessiert halt keinen. Das ist jetzt ganz hart gesagt. In meinem eigenen Wissensgebiet, der Energiewende, ist das copy-paste-identisch; es ist auch dasselbe Problem, als systemisches Problem schwer verständlich: Die Wissenschaft weiß eigentlich, was zu tun ist, und die Politik interessiert sich nicht dafür. Das kann eigentlich so nicht bleiben. Und deswegen möchte ich uns alle bitten, dass wir, wenn wir hier etwas mitnehmen, was über die schöne Wissenschaft hinausgeht, uns überlegen, was gestern Fridays for Future gefordert hat. Wir müssen endlich anfangen, das System zu ändern – ja, das glaube ich auch. Und wir sind diejenigen, die eigentlich wissen, wie man das System ändern muss, und es ist eigentlich nicht zulässig, dass wir das wissen, und begraben das in uns – wir hören das in diesem wunderschönen Saal, gehen dann ins Wochenende und sagen: Ja, gut war’s. Nein, das darf nicht sein. Wir müssen alle Kraft darauf verwenden, das den Leuten, die es zu entscheiden haben, so lange vor die Ohren zu hauen, bis sie es vielleicht mal doch begreifen. Also. Mehr Aktivität würde ich von uns fordern, insbesondere am Ende einer Jahresversammlung, die derartig wichtige Themen so schön dargestellt hat.“

Prof. Robert Schlögl ist Vizepräsident der Leopoldina, Direktor am Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft (FHI) in Berlin und am Max-Planck-Institut für Chemische Energiekonversion in Mülheim an der Ruhr (MPI CEC).

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