DIW und TUB – Rückblick und Ausblick

diw_logoAm 11.03.2011 ereignete sich im japanischen Atomkraftwerk Fukushima I („Daichi“) ein Super-GAU, einer der über den größten anzunehmenden Unfall hinausgehenden, schwersten Unfälle in der Geschichte der Atomkraft, der u.a. zur Kernschmelze der Reaktoren 1, 2 und 3 führte und bis heute nicht unter Kontrolle ist. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung und die TU Berlin schauten zurück auf Fukushima – TU Berlin logound nach vorne: Ziel der Veranstaltung am 25.02.2016 war sowohl eine rückblickende Erörterung der Ereignisse rund um den März 2011, als auch ein Ausblick auf zukünftige Herausforderungen der Atom- und Energiewende.

Fukushima Brand - Foto © shoah.org.uk Seitdem ist praktisch die gesamte japanische Atomwirtschaft ausgefallen (im Frühjahr 2016 gingen vier der insgesamt 44 in Japan verfügbaren Reaktoren ans Netz). Am 14.03.2011, drei Tage nach dem GAU, deklarierte Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Regierungserklärung ein Moratorium auf den Betrieb der sieben ältesten Atomkraftwerke in Deutschland, welches durch die 13. Novelle des Atomgesetzes im Juni 2011 bestätigt und in eine gesetzliche Norm zur Schließung der Atomkraftwerke in Deutschland bis spätestens Ende 2022 überführt wurde.

Fünf Jahre später ist die Bedeutung der Atomkraft auch in anderen westlichen Industrieländern stark zurückgegangen: Viele Kraftwerke werden vorzeitig vom Netz genommen, weil sie selbst die variablen Kosten nicht mehr decken, Neubauprojekte sind sehr selten geworden, in einigen Nachbarländern von Deutschland wie Belgien, DIW-TU-Veranstaltung 5 Jhre Fukushima- Foto © Gerhard Hofmann, Agentur ZukunftFrankreich und Schweden zeichnet sich die beschleunigte Abschaltung von Atomkraftwerken ab. Gleichzeitig gibt es in anderen Ländern noch Pläne zum Auf- bzw. Ausbau einer Atomwirtschaft (u.a. Türkei, Mittlerer Osten, ehemalige Sowjetunion) und China hat sich als eine führende Atommacht etabliert.

Folgt: Münchmeyer: Viele Niederlagen – Fukushima als Schrecken und Chance zugleich

Münchmeyer: Viele Niederlagen – Fukushima als Schrecken und Chance zugleich

TTobias Münchmeyer, Greenpeace - Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunftobias Münchmeyer von Greenpeace begann seine – „bewusst subjektive“ – Darstellung der Ereignisse mit dem „Vater der pakistanischen Atombombe“, Abdul Kadir Khan aus Pakistan, der, ausgebildet 1962-65 an der TU Berlin,  sein Wissen auch an Nordkorea, Iran und Libyen weitergab. Im Mittelpunkt der deutschen Diskussion habe vor acht Jahren weniger die Atomenergie selbst gestanden, als vielmehr der Skandal um die Asse. Damals habe man schon Leckagen mit Kontaminationen im Wasser messen können. Dies nutzte Greenpeace im Herbst 2008, um die Anti-Atom-Bewegung wieder zu beleben. In Tschernobyl projizierten sie AKW Unterweser Kuppelbesetzung - Foto © Fred Dott_greenpeace.de„Schon vergessen Frau Merkel?“ an den Sarkophag des GAU-Meilers und besetzten die Kuppel das AKW Unterweser über der aufgepinselten Warnung „Atomkraft schadet Deutschland“ – gleichzeitig ein drastischer Hinweis auf die mangelnde Terrorsicherheit der deutschen AKW: „Wer mit 50 Kilo Farbe auf die Kuppel steigen konnte, hätte das auch mit 50 Kilo TNT machen können…“, so Münchmeyer (Foto © Fred Dott, Greenpeace).

Greenpeace-Protest vor Interconti Berlin bei BDEW-Kongress - Foto © Kay Michalak, Greenpeace

Protest gegen schmutzigen Atom-Deal – Sie liegen als Strahlenopfer zwischen gelben Atommüllfässern, eine Sirene heult. Dazwischen ein Banner: „Stoppt Merkels Atomdeal“. Greenpeace-Aktivisten protestierten vor dem Berliner InterContinental gegen Angela Merkels Schulterschluss mit der Stromindustrie pro Atomkraft. Im InterConti tagte der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Zwei der Greenpeace-Atommüllfässer waren besonders abgeschirmt. Sie enthielten radioaktiv verseuchten Erdboden aus der Region Tschernobyl – entnommen rund 50 Kilometer von der AKW-Ruine entfernt. (Foto © Kay Michalak, Greenpeace)

Greenpeace-Protest gegen Unions-Wahlprogramm 2009 - Foto © Paul Langrock, GreepeaceZum CDU-Wahlprogramm stellte Greenpeace ein sieben Meter hohes Trojanisches Pferd vors Adenauer-Haus (Foto © Paul Langrock, Greepeace). Denn die Union lehnte zwar damals in ihrem Wahlprogramm „den Neubau von Kernkraftwerken ab“, doch die Parteiführung sprach anders: Merkel erklärte, es sei „jammerschade“, wenn Deutschland aus der Atomenergie aussteige. Der damalige CDU-Generalsekretär Pofalla nannte die Atomkraft eine „Öko-Energie“. Und der seinerzeitige baden-württembergische Ministerpräsident Oettinger wollte die Rahmenbedingungen – auch für Atomkraftwerke der „neuen Generation“ – in Deutschland verbessern.

Greenpeace-Protest an Konrad-Adenauer-Haus vor BT-Abstimmung - Foto © Kay Michalak, Greenpeace2010 hängten zwölf Kletterer an der Außenfassade der CDU-Parteizentrale ein 10 mal 7,5 Meter großes Fotobanner auf. Unter der Überschrift „CDU – Politik für Atomkonzerne“ prosten sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der Vorstandsvorsitzende des Atomkonzerns RWE, Jürgen Großmann, mit Schnapsgläsern zu (Foto © Kay Michalak, Greenpeace). Die Aktivisten protestierten gegen die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken und die Klientelpolitik der CDU für die vier Atomkonzerne RWE, E.ON, EnBW und Vattenfall. Sie forderten jeden einzelnen CDU-Abgeordneten auf, gegen die Laufzeitverlängerung zu stimmen. Münchmeyer: „Viele, die vorbeifuhren, bekundeten mit Handzeichen oder Hupen ihre Sympathie. Nach einem Störfall schweißten Greenpeace-Aktivisten das Eingangstor des AKW Krümmel zu – dazu ein Transparent mit der Inschrift: „Geschlossen wegen Unzuverlässigkeit von Vattenfall“.

Anti-Atom-Demo in Berlin - Foto © Christian Schlicht, Campact Gleichzeitig schilderte Münchmeyer die Arbeit von Greenpeace für die Erneuerbaren Energien – beispielsweise eine Aktion am Reichstag – schließlich am 05.09.2009 die große Anti-Atom-Demo (Foto © Friko Berlin) in Berlin mit 60.000 Teilnehmern. Plakat zur Anti-Atom-Demo Berlin 05.09.2009Aber: 14 Tage später gewann Schwarz-Gelb trotz des AKW-Themas. 2010 kam die Laufzeitverlängerung für AKW – die Niederlage schien vollständig. So berichtet Münchmeyer von zahlreichen Rückschlägen – bis am 11.03.2011 Fukushima dann alles verändert habe. Schrecken und Chance zugleich…

AKW Neckarwestheim - Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft 0150505_063213Nach Fukushima sei alles einfacher gewesen – wie etwa die Menschenkette um Neckarwestheim. Und Fukushima wirkte nicht nur Deutschland, auch in der Schweiz, in Frankreich Plakat Menschenkette Neckarwestheim- Bild © Bund.net(dort hatte man hatte Tschernobyl schlicht verschlafen) – dagegen hat Fukushima in Großbritannien „gar nicht stattgefunden“. Münchmeyer abschließend: „Die Geschichte hört erst 2022 auf, danach folgen aber Zehntausende Jahre Endlagerung. Zweiter großer Brocken ist jetzt der Kohleausstieg“.

Folgt: Tetsch: „Der größte jemals unternommene Versuch zur Auswirkung radioaktiver Strahlung auf Menschen“

Tetsch: „Der größte jemals unternommene Versuch zur Auswirkung radioaktiver Strahlung auf Menschen“

Alexander Tetsch - Foto © Alexander NeureuterDer Umweltjournalist Alexander Tetsch ließ seinen Bericht in der Frage gipfeln: „Ab welchem Punkt werden die Risiken einer Technologie gesellschaftlich, wirtschaftlich und ethisch untragbar?“ Und er ersetzte „einer Technologie“ schließlich durch „unserer Lebensweise“.  Tetsch ist 4.000 Kilometer durch Japan gereist, hat 17.000 Fotos geschossen und 87 Interviews mit Betroffenen, deren Leben durch die Atomkatastrophe von Fukushima dauerhaft verändert wurde, geführt.

Hot Particles in Luftfiltern - Foto © Alexander NeureuterAnhand von Auto-Luftfiltern aus Japan (Foto © Alexander Neureuter) veranschaulichte er die Kontaminierung: Wie in den Luftfiltern werde es auch in den Lungen der Menschen aussehen, so Tetsch. Premierminister Abe habe zwar verkündet, es sei alles unter Kontrolle, das sei aber verfrüht gewesen. Der Luftfilter eines Taxis aus Tokio beweist das Gegenteil – und sogar ein solcher aus Seattle hatte noch ein strahlendes Teilchen aus Fukushima. Das zeige, wie weit der Fallout über den Pazifik geweht worden sei. Er, Tetsch, habe aus Japan die Erkenntnis mitgebracht: „In Fukushima läuft seit März 2011 der größte jemals unternommene Versuch zur Auswirkung radioaktiver Strahlung auf Menschen.“

22 Mio. Kubikmeter verstrahlte Erde – 795 Mio. Liter hoch kontaminiertes Wasser

Tetsch - Fukushima 360Der Buchautor (Fukushima 360°) hat recherchiert, dass in den (lecken) Tanks um Fukushima Daichi Einer der lecken Wassertanks in Fukushima - Foto © tepco795 Mio Liter hoch kontaminiertes Wasser – und darunter fließe ein unterirdischer Fluss, der täglich 300.000 Liter radioaktives Wasser in den Pazifik befördere, dort liege die Strahlung zwar (noch) unterhalb der Grenzwerte, doch die biologische Akkumulation sei noch unerforscht.

In Fukushima City wurden vor dem GAU Strahlungswerte von 0,04 Mikrosievert (µSv = 0,000 001 Sv = 10-6 Sv) gemessen, danach hat Tetsch 0,65 µSv gemessen, das 16fache. Aber die öffentlich aufgestellten Messgeräte zeigen viel weniger an, denn sie hätten (ungewollt strahlungsmindernde) Bleiakkumulatoren um die Radioaktivitätssensoren gruppiert. Andererseits werde die staatliche Dekontaminierung durch Wind, Wetter und Verwehungen konterkariert. Hunderttausende von Plastiksäcken mit verstrahlter Erde - Screenshot © tagesschau.de 19.07.2015Zigtausende von Plastiksäcken seien mit radioaktivem Boden gefüllt worden. Ins Meer versenken, verscharren, verbrennen – alles gehe nicht, erst in 30 Jahren Lagerung sinkt zum Beispiel die radioaktive Strahlung von Cäsium

erst auf die Hälfte ab. Cs137 strahlt aber mindestens 300 Jahre bis es ganz abgeklungen ist. So ständen inzwischen 22 Mio. Strahlenmüllsäcke - Foto © Alexander NeureuterKubikmeter Erde um Fukushima herum – das entspreche einem Würfel mit einer Kantenlänge von 280 m (der Kölner Dom würde mehrfach hineinpassen) – müsse so „verarbeitet“ werden. Die „Lösung“: Die Erde werde an Straßen-und Bahnböschungen verbaut. (Foto © Alexander Neureuter)

Am 19.08.2013 sei es zu einer erneuten Kontaminierung nördlich des GAU-Reaktors gekommen – später habe sich herausgestellt: Verursacherin war die TEPCO, Geschlossene McDonalds-Filiale - Foto © Alexander Neureutersie entfernte Dachträger und zersägte kontaminiertes Material – der dabei  entstehende Staub sei verweht worden. Dazu warten im Abklingbecken 550 Brennelemente auf Entsorgung. In der Zone (einmal „Obstkorb Japans“ genannt) werden heute 2,44 µSv gemessen – gar 21,06 µSv auf einem Parkplatz vor einer McDonald-Filiale (Foto © Alexander Neureuter).

Leben nach dem GAU

100.000 Menschen leben heute noch in Containern (Foto © Alexander Neureuter) – Tetsch hat sie besucht, befragt und fotografiert. Wohncontainer - Foto © Alexander neureuter2020 sind in Tokio olympische Spiele, ein wunderschönes olympisches Dorf werde dafür gebaut – aber diese Menschen, so Tetsch,  „sollten nicht vergessen werden“. 368.000 erste Personendosimeter seien für Kinder verteilt worden, die Geräte waren aber passive Dosimeter, die über ein Jahr lang Strahlung sammeln und anschließend ausgewertet werden. Diese Geräte – so Tetsch – Indoor-Spielplatz - Foto © Alexander Neureuter„dienen der Wissenschaft (wieviel kann ein kindlicher Organismus ertragen bis er krank wird?) und nicht dem Schutz der Kinder.“ Ein hilfloses Faltblatt gibt eher Gesundheitstipps als wirkliche Hilfe gegen das Strahlenrisiko. Kinder dürften nur noch 30 Minuten im Freien spielen – auf einem Sportplatz habe er 14,88 µSv gemessen. Dafür wurden „In-door-Spielplätze“ geschaffen: In Gebäuden gibt es sogar Sandkästen zum Spielen (Foto © Alexander Neureuter).

Erste gesundheitliche Folgen seien bereits festzustellen: beispielsweise erhöhte Schilddrüsenkrebsraten bei Kindern, selbst bereinigt bleiben sie überdurchschnittlich hoch: Früher habe es auf 1 Million Kinder fünf Fälle gegeben – heute: habe man unter 295.00 Untersuchten in der Präfektur Fukushima 79 Fälle festgestellt, das ist 53mal so viel – auch spätere Untersuchungen hätten das bestätigt. (Siehe: http://www.solarify.eu/2012/07/15/fukushima-schilddrusenveranderungen-bei-kindern-verharmlost/, http://www.solarify.eu/2013/03/16/zwei-jahre-fukushima-55-000-kinder-mit-schilddrusenveranderungen/ und http://www.solarify.eu/2013/09/04/151-erschreckende-zunahme-von-schilddrusenkrebs-bei-kindern-in-fukushima/ – jeweils zu ihrer Zeit aktuelle Meldungen und Mitteilungen).

Ab April 2017 gelte Rückkehrzwang in weniger belastete Zonen, dafür gebe nur einen einmaligen Zuschuss von 780 Euro – wer aber woanders hin umziehe, bekomme nichts. Dafür, dass Japan nicht völlig aus der Atomenergie aussteigt, nennt Tetsch Gründe:

  • das Export-Interesse von Mitsubishi und Toshiba: die AKW-Bauer hätten eine lange Liste mit Vorverträgen
  • der Reingewinn eines AKW betrage pro Tag eine Million Euro
  • und die japanische Regierung wolle eben doch irgendwann Atomwaffen, brauche daher das Plutonium.

Folgt: Rosenkranz: Singularität der Risiken und der Sicherung

Rosenkranz: Singularität der Risiken und der Sicherung

Gerd Rosenkranz, promovierter Werkstoffwissenschaftler, Diplom-Ingenieur und Gerd Rosenkranz, Agora-Energiewende - Foto © Gerhard Hofmann, Agentur ZukunftKommunikationswissenschaftler, sprach als Autor und Experte über „Mythos Atomkraft – Eine Langfristperspektive“. Eingangs konstatierte er, vieles aus früheren Veröffentlichungen mythen-der-atomkraft - oekom(„Mythen der Atomkraft – Wie uns die Atomlobby hinters Licht führt“, oekom-Verlag) habe sich inzwischen bestätigt, z.B.:

  • die Befürchtung, dass 20 Jahre ohne Kernschmelze keine Garantie für die Zukunft seien, und
  • dass die Atomenergie auch ökonomisch nicht wettbewerbsfähig sei.

Einzigartigkeit der Risiken

Havarierter Block A des AKW Gundremmingen - Foto © Factory X assumed (based on copyright claims) CC BY-SA 2.5, commons.wikimediaViele AKW-Unfälle seien heute vergessen, oder seien gar nicht bekannt geworden. Kennzeichen zur Unterscheidung von anderen Energieträgern seien die Einzigartigkeit der Risiken, die Unmöglichkeit der umfassenden Sicherung und die Endlagerfrage; dazu kämen große finanzielle Risiken, die stets staatliche Hilfen erforderlich gemacht hätten.

  1. Urgrund des Fundamentalkonflikts um die Atomenergie sei die Singularität der mit ihr verbundenen Risiken und damit die Singularität der Sicherung, dabei dürfe die Endlagerfrage nicht vergessen werden; Rosenkranz hob die Unbeherrschbarkeit der Risiken hervor, der sogenannte katastrophenfeste Reaktor sei ein ungedeckter Wechsel auf die Zukunft, bis heute. Tschernobyl Foto © energiewende-sta.deEs habe ja, auch in Europa, nach Tschernobyl weitere Beinahe-Katastrophen gegeben – z.B.  in Paks, Ungarn (1999) oder Forsmark, Schweden (2006). Dazu komme „die schlichte Unmöglichkeit, eine sichere Endlagerung zu gewährleisten über Zeiträume, die jede menschliche Vorstellungskraft überfordern. Trotzdem ist es den Schweiß der Edlen wert, über – aus heutiger Sicht – bestmögliche Lösungen nachzudenken“.
  2. Atomkraft sei nicht nur „sicherheitstechnisch hochriskant, sondern auch finanztechnisch. Das haben mittlerweile alle potenziellen Investoren verstanden; die Reaktorhersteller und AKW-Betreiber hätten es von Anfang an erlebt“. Deshalb wurden die ersten AKW staatliche Veranstaltungen, natürlich auch wegen der technologischen Nähe zur Atombombe, aber auch wegen der damit verbundenen Kosten. Es sei allerdings nicht ungewöhnlich, dass der Staat die Anschubfinanzierung leiste, wenn es um die Etablierung von Großtechnologien zur Daseinsfürsorge gehe – ganz besonders auch im Bereich der Stromerzeugung.
    AKW Gundremmingen - Foto © Myratz - Eigenes Werk, CC BY 3.0 commons.wikimedia Beispiel Deutschland: Daher seien in Deutschland die ersten drei AKW zu 95 Prozent vom Staat finanziert worden; nun gebe es seit 60 Jahren Kernkraftwerke, aber heute noch „Markteinführungshilfen“. Hier habe ich das „bei“ gestrichen J
    Beispiel USA: Weil in den USA seit 1973 kein Reaktor mehr beauftragt und zu Ende gebaut worden war, wollte George W. Bush bis 2050 rund 300 neue Atomkraftwerke errichten lassen. Doch die Stromunternehmen und Investoren sperrten sich: Sie forderten Staatsbürgschaften, Staatshaftung bei schweren Unfällen, garantierte Abnahmepreise für den in AKW erzeugten Strom, Besteuerung der fossilen Konkurrenz und die staatliche Kostenübernahme für die aufwändigen Genehmigungsverfahren. Doch nach acht Jahren Bush gab es noch immer keine Reaktorbaustelle. Um die Blockade der Republikaner gegen jegliche Klimapolitik zu durchbrechen gewährte schließlich sein Nachfolger Barack Obama 54 Mrd. Dollar an Staatshaftungszusagen, 80 Prozent der Investitionssumme der geplanten Meiler. Fast 16 Jahre nach dem Amtsantritt von George Bush seien jetzt fünf Reaktoren im Bau, wobei der Reaktor Watts Bar 2, mit Unterbrechungen bereits seit 1973(!) in Bau sei, auch wegen der in dieser Reaktoranlage vorgesehenen Tritiumsproduktion für das US-Atomwaffenarsenal. Im „ehemaligen Westeuropa“ sind heute ganze zwei Atomkraftwerke im Bau: in Frankreich und Finnland. Sie sollten längst Stromproduzieren, die ursprünglich versprochenen Kosten haben sich mindestens verdreifacht.
  3. Rosenkranz: „Nie in der Geschichte der Kernenergie hat sich in einem funktionierenden Strommarkt ein Atomkraftwerk ohne staatliche Unterstützung behaupten können oder müssen – das klingt ungewöhnlich, ist aber wahr.“ Laut IAEA gebe es aktuell auf der Welt 442 kommerzielle Reaktoren zur Stromproduktion – aber keiner sei ohne staatliche Hilfen in Betrieb gegangen. Das gelte auch für die inzwischen abgeschalteten. AKW_Weltkarte © International Nuclear Safety Center - GemeinfreiNachdem in Deutschland (genauer: der alten Bundesrepublik) die ersten drei kommerziellen Meiler fast völlig staatlich finanziert worden waren, beantragten die damaligen Monopolisten auf Basis ihrer Baukosten „auskömmliche Strompreise“ bei den zuständigen Stellen – meist den Wirtschaftsministerien – der zuständigen Bundesländer. Eine Handvoll Ministerialbeamte entschieden mehr oder weniger freihändig darüber, die Konzerne verdienten opulent in diesem System.

Warum viele Länder weitermachen

Aktuell sei die naheliegende Frage, ob die Atomkraft eine Zukunft habe: „War es das dann mit Fukushima?“ Die Frage stelle sich umso mehr, als alle Erkenntnisse über die mangelnde Konkurrenzfähigkeit der Nukleartechnik aus einer Zeit stammten, als PV 40 Ct/kWh oder mehr kostete, heute sind es bei PV-Großkraftwerken in Deutschland 8 und in sonnenreicheren Ländern gar nur noch 5 Ct/kWh. Rosenkranz: „Dennoch wird der globale Abschied von der Atomkraft wird länger dauern, als viele glauben und wünschen.“ Dafür gebe es – „gegen alle ökonomische Vernunft und im Wissen um die Risiken“ – vielfältige und je nach Land unterschiedliche Gründe:

  • Die nuklear-industriellen Komplexe in den Atomkraftländern hätten „großes Eigengewicht, das gefüttert werden will“ – insbesondere in Ländern mit eigener Reaktorindustrie mit leeren Auftragsbücher würden selbst Spitzenpolitiker zu Handlungsreisenden in Sachen Atomkraftexport (aktuell Putin, zu seiner Amtszeit auch Sarcozy vor allem in den Krisenherden Nordafrikas und des Nahen Ostens).
  • Die wichtigsten Staaten wollten noch nicht glauben, dass es ohne fossile und ohne AKW geht;
    Hinkley Point C, new-nuclear-buildings - Foto © edfenergy.com– aktuelles Beispiel: Hinkley Point C, die neuesten Volten: Überlegung, auf Hinkley Point zu verzichten und stattdessen französischen Atomstrom über eine zu errichtende HGÜ-Trasse durch den Kanal nach Großbritannien zu exportieren), auch vor dem Hintergrund der Klimadiskussion;
    – Japan sei ein besonderer Fall. 2014 sei es unfreiwillig „atomkraftfreie Zone“ geworden, nachdem nach der dreifachen Kernschmelze von Fukushima alle 54 Meiler keinen Strom produzierten; jetzt gingen die ersten wieder ans Netz;
    – in China gebe es eine wilde Entschlossenheit, alle Technologien zur Stromerzeugung schnellstmöglich auszubauen. 8 von 10 neuen Reaktoren (von weltweit 62 im Bau befindlichen) seien 2015 in China ans Netz gegangen. Dennoch eine „nicht ganz pessimistische Prognose: Sie werden irgendwann aufhören, denn der Ausbau der Erneuerbaren geht voran – in China haben schon 2013 die Windräder mehr Strom erzeugt als AKW, obwohl mit deren Ausbau etwa zehn Jahre früher begonnen worden sei; auch die dortige Staatswirtschaft mache die Erfahrung, dass Erneuerbare Energien schneller und zunehmend günstiger entwickelt werden können als Atomenergie“.
  • Ein wichtiger Grund für das Festhalten an der Atomkraft habe von Anfang an in der Option auf die Bombe bestanden, denn die Grenze zwischen ziviler und militärischer Nutzung der Atomkraft sei schon immer fließend gewesen. Viele Länder verfolgten eine Doppelstrategie; gerade in Krisenregionen sähen die Machthaber die zivile Atomkraft auch als Option, die sie der Atombombe näher bringt. Schon unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hätten immer mehr Länder mit der Entwicklung der Atombombe begonnen – das sei ein Motiv für den Atomwaffensperrvertrag gewesen, der schließlich 1968 in Kraft trat: Nur wer unterschrieb, Atomkraft nicht militärisch zu nutzen, sollte in den Genuss der zivilen Technologie kommen. Eisenhower habe 1953 einen ersten Versuch unternommen, die Ausbreitung der Bombe zu bremsen. Aus nuklear angetriebenen Atom-U-Booten der Amerikaner seien dann in direkter Linie die Druckwasserreaktoren zur Stromerzeugung an Land hervorgegangen. Bis heute sind die fünf ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrates die Atommächte aus der Gründungszeit. Eine entscheidende Rolle, ob ein Land angegriffen werde, spiele der Besitz der Bombe: z.B. Nordkorea und Irak – der Unterschied: Die einen hatten die Bombe – angeblich – die anderen noch nicht. Rosenkranz nannte in diesem Zusammenhang die angekündigten oder laufenden Atomprogramme der Türkei, von Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien, Algerien und Tunesien. Das alles sei ein nicht zu unterschätzender Treiber – auch für bestehende Atommächte, siehe Watts Bar. „Insgesamt spielt Geld in solchen Fällen nicht die entscheidende Rolle“ (Rosenkranz).

„In Deutschland war’s das – mit kleinem Fragezeichen „

Merkel vor Bundestag am 09.06.2011 - Screenshot © bundesregierung.deRosenkranz glaubt, dass „es das in Deutschland mit Fukushima wirklich war“ – Merkels Satz am 09.06.2011 im Bundestag „Fukushima hat meine Haltung zur Kernenergie verändert“ sei entscheidend gewesen. Was könnten wir nun „tun, damit es bei uns dabei bleibt und andere folgen?“ Die Energiewende müsse „zu einem ökologischen und gleichrangig auch zu einem ökonomischen Erfolg“ gemacht werden. Und wir müssten die aktuell konkret werden Abwicklungskosten (1 Mrd. Rückbaukosten pro Reaktor ohne Endlagerkosten) offensiv auch ins Ausland kommunizieren – dabei dürfe es nicht heißen „‚Kosten des Atomausstiegs‘ – es sind ‚Kosten des Atomeinstiegs‘, die wir heute präsentiert bekommen“.

„Perspektiven der Atomkraft und der Endlagerung in Deutschland“

Jochen Alswede, Bundesamt für Strahlenschutz- Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft Jochen Alswede vom Bundesamt für Strahlenschutz sprach über „Perspektiven der Atomkraft und der Endlagerung in Deutschland“ – seine (einleuchtende) These: „Mit dem Abschalten 2022 ist der Automausstieg nicht zu Ende“. 28.000 cbm der wärmeentwickelnden Abfälle machen 99,9 Prozent derAktivität aus – für sie muss ein Endlager bis 2031 festgelegt werden. Der Rest sind 600.000 cbm schwach radioaktive Abfälle, die zsuammen 0,1Prozent der Gesamtaktivität ausmachen – davon sollen 305.000 im Schacht Konrad landen. Dabei dürften Finanzierungsfragen keinen Einfluss auf Sicherheitsstandards haben.

->Quellen:

  • Eigene Aufzeichnungen Gerhard Hofmann
  • Fotos: © Greenpeace
    – © Alexander Neureuter
    – © Gerhard Hofmann