Gefährliche Abwässer

UBA: Von Kläranlagen-Verstopfungen bis Chemikalien im Grundwasser

“Küchenabfälle, abgelaufene Medikamente, Lacke, Farben oder Feuchttücher – all diese Dinge spülen die Deutschen im WC herunter. Keine gute Idee”, meint das Umweltbundesamt in einer Pressemitteilung. Durch Verstopfungen oder lahmgelegte Pumpwerke entstehen jedes Jahr Schäden in Millionenhöhe an unseren Abwassersystemen. Ein großes Problem sind Toilettentücher, die immer öfter Verstopfungen und Pumpenausfälle verursachen. Als tickende Zeitbombe aber könnte sich der Dauereintrag an Medikamentenspuren ins Wasser herausstellen.

Der Reihe nach: Feuchttücher sind besonders reißfest und zersetzen sich im Wasser nicht – eine spezifische, bewusst hergestellte Eigenschaft. Wenn sie den Weg bis zur Kläranlage geschafft haben, müssen sie dort mit Rechen oder Sieben aufwendig aus dem Abwasser entfernt, gesammelt und  in der Regel anschließend verbrannt werden. Die Kosten hierfür tragen wir alle – über den Abwasserpreis. Das UBA empfiehlt eine deutliche Kennzeichnung dieser Tücher, damit sie nicht mehr über die Toilette entsorgt werden.

Gesetzlich verboten!

Auch andere feste Abfälle wie Tampons, Slipeinlagen, Wattestäbchen, Zigarettenkippen, Kondome oder Verbände. müssen in der Kläranlage zeit- und kostenaufwändig aussortiert werden., gehören also in den Verpackungs- oder Hausmüll. Auch Küchenabfälle oder Essensreste haben im Abwasser nichts zu suchen – sie locken Ratten an – sie gehören in den Bio- oder Hausmüll. Auch Öle und Fette, zum Beispiel vom letzten Fondue-Essen, sollten nicht über die Toilette entsorgt werden, denn sie verschmutzen die Abwasseranlagen und die Reinigung ist besonders mühselig, aufwändig und damit teuer.

Wasserhaushaltsgesetz (WHG) und Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG) verbieten es, Abfälle über das Abwasser, also zum Beispiel über die Toilette oder den Ausguss, zu entsorgen. Außerdem ist es nicht sinnvoll, feste Abfälle mit entsprechendem Aufwand an Energie und Trinkwasser ins Abwassersystem einzuleiten, um sie anschließend mit erhöhtem Aufwand in der Kläranlage wieder abzutrennen.

Medikamente gelangen in Gewässer – unvermeidbare Dauer-Niedrigst-Medikation

Medikamente oder Drogen können auch in modernen Kläranlagen derzeit nur zum Teil oder gar nicht entfernt werden. Was viele nicht wissen: Arzneimittelwirkstoffe werden nach der Einnahme wieder ausgeschieden – oft in unveränderter Form. Unsachgemäß über den Ausguss oder die Toilette entsorgte Medikamente gelangen also zusätzlich in das Abwasser und können so zur Belastung für die Umwelt werden. Das in der Kläranlage gereinigte Wasser kann noch Medikamentenreste enthalten, die mit dem Kläranlagenablauf in die Gewässer gelangen.

So konnten in Seen oder Flüssen beispielsweise etwa 150 Wirkstoffe nachgewiesen werden, wenn auch meist in niedriger Konzentration, zum Beispiel Schmerzmittel, Antibiotika und Hormone. Auch im Grundwasser konnten rund 40 verschiedene Wirkstoffe nachgewiesen werden, darunter Schmerzmittel, Röntgenkontrastmittel und Lipidsenker (Arzneimittel, welche die Blutfette senken). Einige dieser Substanzen schaden der Umwelt: Zum Beispiel wurde unterhalb von Kläranlagenabläufen eine Verweiblichung von männlichen Fischen beobachtet, die in Kontakt mit hormonell wirksamen Arzneistoffen gekommen waren. Die Funktionsfähigkeit und Steuerung der Hormonsysteme der Organismen in den Ökosystemen kann gefährdet und gestört werden. Die ständige Niedrigstmedikation über den Medikamenten-Cocktail im Trinkwasser hat bisher unbekannte Folgen für Menschen. Bislang gibt es keine Norm, keinen Grenzwert für die Dauerexposition mit Arzneimittelspuren im Wasser. Das UBA hat inzwischen eine Grundwasser-Kommission eingerichtet.

[note Arzneimittelrückstände im Trinkwasser sind nach Ansicht von Umweltexperten ein wachsendes Problem. Zehn Wirkstoffe seien mehrfach nachgewiesen worden, darunter diverse Schmerzmittel und Röntgenkontrastmittel, sagt der Toxikologe Dr. Hermann Dieter vom Umweltbundesamt. Der berühmte Lehrsatz des französischen Chemikers Lavoisier von der Erhaltung der Masse bekommt, wenn es um das wichtigste Lebensmittel überhaupt geht, eine besondere Bedeutung: Nichts geht verloren, belastet aber zusehends unser Trinkwasser. Zehn Wirkstoffe – darunter Bezafibrat (zur Senkung der Blutfettwerte), Diclofenac (Schmerzmittel und Entzündungshemmer), Ibuprofen (Schmerzmittel), Antibiotika und Röntgenkontrastmittel – seien mehrfach im Wasser gefunden worden, bestätigt Hermann Dieter vom Umweltbundesamt.
Mehr als 100.000 Arzneimittel sind weltweit im Umlauf. 80.000 davon allein in Deutschland. Rund 90 Tonnen des Schmerzmittels Diclofenac werden jährlich in Deutschland verbraucht. 70% der Wirkstoffe verlassen den Körper auf natürlichem Weg über den Urin in den Wasserkreislauf. Ein weiteres Problem stellt die Massentierhaltung dar. Antibiotika und Hormone gelangen über die Güllebehandlung der Wiesen und Felder ins Grundwasser. Kläranlagen sind nicht in der Lage, diese Stoffe aus dem Wasser zu filtern.  Aus: gesundheit.de und beladomo.de]

CEC mit Aktivkohle-Projekt

Am Max-Planck-Institut für Chemische Energiekonversion (CEC) in Mülheim a. d. Ruhr läuft gemeinsam mit der Rheinisch-Westfälischen Wasserwerksgesellschaft mbH (RWW) Mülheim ein Projekt zur Filtermaterialentwicklung für die Wasseraufbereitung. Im Fokus steht der weitergehende Verfahrensschritt der Aufbereitung von Rohwasser über die Filterung durch Kohlenstoffmaterialien. Projektleiterin Sylvia Becker (CEC): “Dazu werden funktionale Kohlenstoffmaterialien synthetisiert und charakterisiert – ihre Sorptionseigenschaften in Relation gebracht und entsprechend verbessert. Durch einen hydrothermalen Prozess werden in Autoklaven die entsprechenden HTC(Hydrothermal Carbon)-Materialien hergestellt. In dem Bottom-up Ansatz können bereits zu Beginn der Synthese struktur- und eigenschaftsdirigierende Chemikalien (Präkursoren) hinzugegeben werden. Dies ist ein neuer Ansatz im Vergleich zu dem bisher verwendeten Verfahren zur Aktivkohleherstellung die normalerweise als Filtermaterial eingesetzt wird.” Aktivkohle wird aus vorstrukturierten Biomaterialien durch Pyrolyse hergestellt und kann dementsprechend nur eingeschränkt verändert werden. Die Sorptionseigenschaften der synthetisierten Materialien werden von Wasserversorgungsexperten des RWW getestet.

Hinweise des UBA

Alte Medikamente können über den Hausmüll entsorgt werden. Das Umweltbundesamt empfiehlt jedoch, unverbrauchte Arzneimittel über Apotheken und Schadstoffsammelstellen zu entsorgen, um sicherzustellen, dass die Medikamente verbrannt und somit vollständig zerstört werden. Außerdem wird so verhindert, dass Kinder an die Medikamente gelangen und diese versehentlich verschlucken.

Farb- und Lackreste sowie Lösungsmittel sollten ebenso wenig im WC entsorgt werden. Sie  können die Bausubstanz  und Technik öffentlicher Abwasseranlagen angreifen. Da sie häufig Substanzen enthalten, die für die Mikroorganismen in den Becken giftig sind, gefährden sie außerdem den biologischen Abbau in den Belebtschlammbecken. Ohne diese Mikroorganismen können in Belebtschlammbecken biologisch zersetzbare Substanzen nicht mehr aus dem Abwasser entfernt werden, so dass diese Verschmutzungen letztlich wieder in unser Trinkwasser gelangen könnten.

Hinweise zur korrekten Entsorgung von eingetrockneten Farben und Lacken und leeren Gebinden finden sich jeweils auf deren Verpackungen. Flüssige Farb- und Lackreste und auch Lösungsmittel selbst müssen über Schadstoff-Sammelstellen entsorgt werden. Umweltbewusste Baumärkte nehmen die Reste teilweise aber auch wieder direkt zurück. Informieren Sie sich direkt beim Kauf über Möglichkeiten zur Rücknahme.

Nicht nur die Reparatur von verstopften Rohren und lahmgelegten Pumpen kosten die Wasserversorger Millionen. Auch um das Wasser von den zahllosen Abfällen zu reinigen, die dort nicht hingehören, wird seitens der Kläranlagen ein hoher Aufwand betrieben. Und nicht zuletzt kostet auch das Herausfiltern von flüssigen Schadstoffen wie Medikamenten, Farben oder Chemikalien – soweit überhaupt möglich – viel Geld. Diese Kosten zahlen wir alle: über die Abwassergebühren. Gleichzeitig gibt es in Deutschland für Abfälle gute Verwertungs- und Entsorgungswege, die wir auch nutzen sollten. Das schont die Umwelt und den Geldbeutel.

->Quellen: