Am 6. Mai wird die Bundesregierung ihr Aktionsprogramm Kreislaufwirtschaft vorlegen. Deutschland sammelt Kunststoff wie nie zuvor – und trotzdem schließen aktuell Recyclinganlagen in einem Tempo, das die Branche so bisher nicht kannte. Ein offener Brief und ein Branchenbündnis fordern von der Bundesregierung, was die Politik bisher gemieden hat: Wer produziert, muss Rezyklate abnehmen – gesetzlich.

Recyclinganlagen schließen, weil es zu wenig Abnehmer gibt. Foto: hartono subagio
Das Paradoxon der Branche lässt sich in einem Satz beschreiben. Deutschland sammelt und sortiert Kunststoff so gründlich wie kaum ein anderes Land – und schließt gleichzeitig die Anlagen, die daraus neuen Rohstoff machen. Bis Ende 2025 sind knapp eine Million Tonnen Verarbeitungskapazität verschwunden, die Zahl der Werksschließungen hat sich binnen eines Jahres verdoppelt und für 2025 wird eine Verdreifachung erwartet. Der Grund ist banal: Rohöl ist vergleichsweise billig. Neuer Kunststoff ist günstiger als Rezyklat. Importe aus Ländern ohne vergleichbare Umwelt- und Sozialstandards unterbieten die heimische Produktion zusätzlich, während die Energiepreise diese verteuern. Wer in Europa hochwertiges Rezyklat anbietet, kann gegen einen Markt, der ökologische Kosten nicht einpreist, nicht bestehen.
Innerhalb weniger Wochen haben sich zwei industrielle Hilferufe überlagert. Ende März schrieben Unternehmen und Verbände aus den Bereichen Verpackung, Entsorgung und Handel einen offenen Brief an Kanzler Merz, Wirtschaftsministerin Reiche und Umweltminister Schneider.
Ihre Warnung: Das Kunststoffrecycling in Europa stehe vor dem Aus. Vier Wochen später meldete sich ein breites Branchenbündnis aus Chemie-, Kunststoff- und Recyclingindustrie mit einer konkreten Forderung an das Aktionsprogramm Kreislaufwirtschaft zu Wort, das die Bundesregierung am 6. Mai beschließen will. Beide Vorstöße zielen auf dieselbe Stelle: den Markt, auf dem recyceltes Plastik keinen Abnehmer mehr findet.
Der offene Brief der Unterzeichner – darunter das Verpackungsinstitut dvi, Remondis, Der Grüne Punkt, Werner & Mertz, Constantia Flexibles und Rossmann – fordert daher eine wirtschaftliche Entlastung in Form einer reduzierten Mehrwertsteuer auf Rezyklate, faire Bedingungen gegenüber Importen und niedrigere Energiekosten. Die tiefer liegende Frage ist, wer das Material wirtschaftlich abnehmen kann.
Hier setzt das Branchenbündnis um den Entsorgerverband BDE an. Es verlangt, was in der Branche seit Jahren diskutiert wird: verbindliche Rezyklateinsatzquoten. Hersteller sollen in neuen Produkten einen Mindestanteil an Recyclingmaterial zu verarbeiten. Ein solches Modell existiert bereits. Seit 2025 müssen PET-Getränkeflaschen in der EU einen Rezyklatanteil von 25 Prozent enthalten – und tatsächlich haben sich für diesen Materialstrom stabile Preise und eine funktionierende Nachfrage entwickelt. Was bei PET funktioniert, könnte auch für andere Kunststoffe den Markt sortieren.
Der gemeinsame Nenner beider Initiativen ist eine Einsicht, die in der deutschen Abfallpolitik lange vernachlässigt wurde: Kreislaufwirtschaft scheitert nicht am Sammeln, sondern am Abnehmen. Solange Sekundärrohstoffe teurer sind als fossile Rohstoffe und niemand sie verwenden muss, bleibt der Markt fragil – egal, wie gut die gelbe Tonne funktioniert. Am 6. Mai wird sich zeigen, ob die Bundesregierung dieses Problem angeht.
Quellen: