Eine neue Studie korrigiert die Golfstrom-Prognose nach unten: 51 Prozent Abschwächung bis 2100. Das ist drastischer düsterer als bisher angenommen. Was bedeutet das für Europa?

Der Atlantik schiebt warmes Wasser Richtung Europa. Der Strom verliert schneller an Kraft, als Klimamodelle bisher zeigten. Foto von Vinayak Sharma
Die Klimamodelle haben den Golfstrom um 60 Prozent zu optimistisch eingeschätzt. Eine neue Studie, die in Science Advances veröffentlicht wurde, aktualisiert die Prognose zur Entwicklung des Golfstroms. Die Entwicklung ist schlechter als bisher gedacht.
In der Wissenschaft wird sie als die Atlantische Umwälzzirkulation (AMOC) bezeichnet. Man kann sich den Golfstrom wie eine gigantische Förderpumpe vorstellen: An der Oberfläche wird warmes Tropenwasser nach Norden geschoben und in der Tiefe fließt kaltes Wasser zurück nach Süden. So liegt London ähnlich nördlich wie Moskau, wo der Boden monatelang gefroren ist. Sie wird von einem feinen Gleichgewicht aus Temperatur und Salzgehalt angetrieben. Wenn zu viel Süßwasser ins Nordmeer schmilzt, gerät dieses Gleichgewicht ins Wanken.
Genau das passiert gerade. Das Schmelzwasser aus Grönland hat sich seit den 1990er-Jahren mehr als vervierfacht. Für seine Studie verband das französische Forscherteam um Valentin Portmann echte Messdaten mit den großen internationalen Klimamodellen, an denen Forschungsgruppen weltweit zusammenarbeiten. So konnte das Team die Bandbreite der Prognose stark eingrenzen. Bisher waren die Schätzungen unsicher und es gab verschiedene Entwicklungs-Vorhersagen. Nun konnte die Studie mit großer Sicherheit die drastische Verlangsamung des Golfstroms feststellen.
Die Aussage wird damit nicht nur verlässlicher, sondern auch düsterer. Den größten Teil der bisherigen Abweichung erklären die Autoren mit falsch berechneten Salzgehalten im Südatlantik und Temperaturfehlern im Nordatlantik. „Die Kombination aus Beobachtungen und Klimamodellen deutet auf eine 60 Prozent stärkere Abschwächung hin, als die Modelle allein nahelegen“, schreiben die Forscher.
Wie nah ein möglicher Kipppunkt liegt, zeigt eine zweite Arbeit. Ein Kipppunkt ist die Schwelle, ab der sich der Prozess von selbst weitertreibt und nicht mehr zu stoppen ist. Sybren Drijfhout vom niederländischen Wetterdienst und Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung haben ausgerechnet: Bei hohen Emissionen könnte diese Schwelle schon Mitte des Jahrhunderts erreicht sein. Zwischen dem Kipppunkt und dem vollständigen Zusammenbruch lägen dann, je nach Modell, 50 bis 100 Jahre. Rahmstorf schätzt die Wahrscheinlichkeit eines Kollapses auf über 50 Prozent. Was danach käme, lässt sich grob umreißen: trockene Sommer und eisige Winter in Nordwesteuropa, ein um 20 bis 30 Zentimeter höherer Meeresspiegel an der US-Ostküste sowie verschobene Regenzeiten in den Tropen. Eine niederländische Studie aus dem Jahr 2024 formuliert es nüchtern: Gegen so einen schnellen Temperatursturz gibt es noch keine realistischen Anpassungsmaßnahmen.
Für die Energiewende ist das mehr als eine ferne Klimafrage. Stromnetze, Kraftwerksstandorte und Wärmeplanung werden für ein Klima ausgelegt, das als grob stabil gilt. Verschiebt sich das Klima schneller als gedacht, steigen die Kosten für Anpassungen. Heikel ist der zweite Befund: Der sechste Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC, auf dem viele Klimaschutzziele basieren, stützt sich auf eben jene Modelle, die die Abschwächung nach den neuen Erkenntnissen zu niedrig ansetzen. Wer mit zu optimistischen Zahlen plant, plant womöglich zu knapp. Die einzige Stellschraube bleibt dieselbe wie zuvor, nur drängt sie jetzt mehr: weniger Emissionen, schneller.
Quellen:
- Science Advances: Observational constraints project a ~50% AMOC weakening by the end of this century
- Potsdam-Institut für Klimaforschung: Möglicher Zusammenbruch der atlantischen Umwälzzirkulation nach 2100 bei hohem Emissionspfad
- The Guardian: Critical Atlantic current significantly more likely to collapse than thought