Kleider sammeln klappt. Recyceln nicht.

175.000 Tonnen alte Kleidung wurden 2023 in Deutschland gesammelt. 55 Prozent mehr als ein Jahrzehnt zuvor. Zu neuen Textilien wird davon fast nichts. Jetzt gilt noch zusätzlich eine EU-weite Sammelpflicht. Ob das gesammelte Material Rohstoff oder Restmüll wird, ist noch unklar.

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Jeans-Nahaufnahme: blaues Denim, orangefarbene Nähte, Baumwolle, Polyester, Elasthan untrennbar verwoben. Genau das macht Textilrecycling so schwer.  Foto: Ruppert

Im Jahr 2023 erfassten Entsorger in Deutschland laut Angaben des Statistischen Bundesamts 175.000 Tonnen Bekleidungs- und Textilabfälle. Das waren schon 55 Prozent mehr als noch 2013 zuvor. Seit 2025 sind noch zusätzlich alle EU-Mitgliedstaaten dazu verpflichtet, Alttextilien getrennt zu erfassen.
Die Branche erwartet europaweit bis zu 4,7 Millionen Tonnen pro Jahr, was einer Verdopplung der bisherigen Mengen entspricht. Laut Öko-Institut und NABU wird nur ein Viertel der gesammelten Textilien überhaupt stofflich verwertet. Das meiste Material der Altkleider wandert in Putzlappen, Dämmwolle oder den Export nach Afrika und Osteuropa, wo es oft sogar die lokalen Märkte für Secondhand-Kleidung verstopft. Echtes Faserrecycling, bei dem aus einem alten T-Shirt das Garn für ein neues entsteht, findet dagegen praktisch nicht statt.

Der Grund liegt oft im Stoff selbst. Ein durchschnittliches T-Shirt besteht nicht nur aus Baumwolle, sondern ist eine chemische Mischung aus Baumwollfasern, Polyesterfäden, ein paar Prozent Elasthan für den Sitz sowie Farbstoffen, Knitterschutz und Imprägnierung, die tief in die Faser eingedrungen sind. Mechanisch lassen sich diese Komponenten nicht sauber trennen.
Wer aus Alttextilien neue, hochwertige Fasern gewinnen will, braucht kein Sortierband, sondern ein Chemielabor. Wie schwer das ist, zeigt selbst die Vorzeigeoperation der Branche, die deutsch-niederländische Looper Textile Co., ein Joint Venture von H&M und Remondis: Sie verarbeitete im Jahr 2024 über 72 Millionen Kleidungsstücke. 65 Prozent gingen in den Wiederverkauf, 25 Prozent in die Verwertung – überwiegend in dieselben Downcycling-Pfade. Faser-zu-Faser-Recycling bleibt die Ausnahme.

Einige Akteure versuchen jedoch den Sprung. So arbeitet die Outdoormarke Schöffel mit dem Braunschweiger Start-up Matter an Jacken, die komplett aus Polyester bestehen – inklusive Knöpfen, Reißverschlüssen und Garn. Was Schöffel zurücknimmt, löst Matter in seine chemischen Bausteine auf und spinnt daraus neue Fasern, die mit Neuware konkurrieren sollen. Die erste Industrieanlage ist noch für dieses Jahr geplant. Im Dezember 2025 eröffnete am Thüringischen Institut für Textil- und Kunststoff-Forschung in Rudolstadt das Demonstrationszentrum DICE. Es kostete 11,5 Millionen Euro und hat 63 Industriepartner aus den Bereichen Sport, Bekleidung und Automobil. Das dortige Verfahren: Alte Fasern werden in einer Flüssigkeit komplett aufgelöst, gereinigt und neu versponnen. Die Großindustrie bildet sich, wenn auch langsam.

Es bleibt die Preisfrage. Recyclingfasern müssen günstiger sein als Erdöl-Polyester und Baumwolle vom Weltmarkt, sonst können sie sich nicht durchsetzen. Ab dem 19. Juli 2026 greift zusätzlich das Vernichtungsverbot für unverkaufte Kleidung großer Unternehmen. Zwar kritisieren Recyclingverbände bereits jetzt die weitreichenden Ausnahmen, durch die die Wirkung in der Praxis untergraben werden könnte. Doch die Chancen für die Infrastruktur steigen. Mehr Altkleider und auch noch mehr Neuware, die nicht mehr verbrannt werden darf. Die Kreislaufwirtschaft bekommt den Rohstoff zugewiesen – ob sie ihn verarbeiten kann, ist eine andere Frage.

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