Journalismus: Keine „ausgewogene Berichterstattung“ zwischen Wissenschaft und Behauptungen mehr

Um beide Seiten von (oft nur vermeintlichen) Debatten abzubilden, hätten viele Medien lange Zeit Leugner oder Skeptiker des menschengemachten Klimawandels zu Wort kommen lassen. Das sei nun vorbei, schreibt ein deutsch-schweizerisches Forscherteam im Fachblatt Global Environmental Change (Januarausgabe) – so Toralf Staud im Portal klimafakten.de. Die „Norm der Balance“ sei einer „interpretativen“ Haltung gewichen. Doch einige konservative Blätter böten Leugnern weiterhin Raum.

Bekanntlich zweifelten unter Klimawissenschaftlern nur noch eine Handvoll an der anthropogenen Erderwärmung – noch weniger lehnten ihre Verursachung durch den Menschen in Bausch und Bogen ab. In den Medien hingegen fänden sich immer noch regelmäßig Zweifel am Klimawandel. Die gängige Erklärung dafür sei lange Zeit gewesen, dass Journalisten der Grundregel folgten, ausgewogene Berichte zu schreiben (gemäß der römischen Rechtsformel „audiatur et altera pars“ – es soll auch die Gegenseite gehört werden): also stets Vertreter „beider Seiten“ der jeweiligen Auseinandersetzung zu Wort kommen ließen – dabei aber Mehrheitsverhältnisse oder Seriösität der Argumente vernachlässigten (so bereits ein Artikel in Global Environmental Change von 2004).

Abstract aus Global Environmental Change: „Dieses Papier zeigt, dass die Berichterstattung der US-Qualitäts-Presse über die globale Erwärmung von 1988 bis 2002 zu einem bedeutenden Auseinanderklaffen zwischen populärem und wissenschaftlichem Diskurs beigetragen hat. Diese fehlgeschlagene diskursive Übersetzung resultiert aus einer Akkumulation von taktischen Medienreaktionen und -praktiken, die von weithin anerkannten journalistischen Normen geleitet werden. Nach den Ergebnissen einer Inhaltsanalyse der seriösen US-Presse – das heißt die New York Times, die Washington Post, die Los Angeles Times und das Wall Street Journal – bezieht sich die vorliegende Arbeit auf die Norm der ausgewogenen Berichterstattung und zeigt, dass das Streben der Qualitäts-Presse um Ausgewogenheit in Wirklichkeit zu einer tendenziösen Berichterstattung führt, sowohl der anthropogenen Beiträge zur globalen Erwärmung als auch der daraus resultierenden Handlungen (Boykoff. „Balance als Tendenz: Globale Erwärmung und US-Spitzen-Presse„, 2004).

Heute jedoch sei dies nur noch selten der Fall, schreiben die beiden Kommunikationsforscher Michael Brüggemann (Universität Hamburg) und Sven Engesser (Universität Zürich). „Der Klimajournalismus“, so ihr Fazit, „hat die Norm der Balance hinter sich gelassen und folgt einem mehr interpretativen Muster.“

UN-Gipfel und nationale Politik wichtige Anstöße für Artikel zum Klima

Für die Studie wurde Medienberichterstattung rund um den Klimawandel in fünf Ländern analysiert (USA, Großbritannien, Deutschland, Schweiz, Indien). Ausgewählt wurden jeweils große und kleinere Zeitungen, darunter Qualitäts-, Boulevard-, Regionalblätter sowie Online-Medien (in Deutschland wurden beispielsweise FAZ, Süddeutsche Zeitung, Bild, Berliner Zeitung und Spiegel-Online untersucht).  Insgesamt wurden 936 Artikel analysiert, parallel einige der Autoren dieser Texte befragt.

Beobachtungszeitraum waren die beiden Jahre 2011 und 2012 – eine Phase, in der keine so bedeutenden UN-Klimagipfel wie Kopenhagen oder Paris stattfanden und der Weltklimarat IPCC keinen großen Weltklimabericht veröffentlichte. Als „Periode mäßiger und routinehafter Klimaberichterstattung“ bezeichnen die beiden Forscher daher den Zeitraum. Doch selbst die wenig spektakulären UN-Gipfel beider Jahre (Durban und Doha) sorgten für immerhin 18 Prozent aller Klimaartikel – ein weiterer Beleg, dass politische Ereignisse bedeutende Anlässe für Klimakommunikation liefern. Häufigster Gegenstand der Berichterstattung waren im Untersuchungszeitraum neue Forschungsergebnisse (32 Prozent), relevant waren zudem politische Entscheidungen nationaler Regierungen (16 Prozent) und Extremwetterereignisse (sechs Prozent).

Folgt: Meist werden Leugner des Klimawandels zitiert, um sie zu widerlegen

Meist werden Leugner des Klimawandels zitiert, um sie zu widerlegen

Fast ein Fünftel der Berichterstattung erwähnte oder zitierte Positionen, die den menschengemachten Klimawandel in Zweifel ziehen. Diese waren also zwar in der klaren Minderheit, aber gegenüber ihrer Bedeutung in der Wissenschaft noch immer vielfach überrepräsentiert. Eine genaue Betrachtung jedoch relativierte das Bild: Am meisten zitiert wurden Leugner klimawissenschaftlicher Erkenntnisse in Texten, die sich kritisch mit diesen Positionen auseinandersetzten. „Journalisten zitieren Gegner des Forscherkonsens‘ häufig, um sie zu entlarven“, so die Studie. „Diese Strategie könnte man als ‚ablehnendes Zitieren‘ [dismissive quotation]bezeichnen.“ Das einstige Phänomen einer irreführenden Balance bei Berichten zum Klimawandel sei einer „aktiven Kontextualisierung und Überprüfung gegnerischer Stimmen gewichen, zum Beispiel durch Hinweise auf deren fehlende Fachkompetenz“.

Als ein Hauptergebnis formulieren die beiden Autoren daher: „Die gute Nachricht dieser Studie ist, dass die ‚kontextualisierte Berichterstattung‘ dem näherkommt, was allgemein als Konsens über Grundfragen des Klimawandels bezeichnet wird.“ Anders als zu Zeiten der Balance-Berichterstattung könne also „dem Journalismus weniger vorgeworfen werden, die Öffentlichkeit zu verwirren„.

„Nischen des Leugnertums“ in konservativen, angelsächsischen Medien – „beschützerische Auslassung“

Vereinzelt aber, so ein weiteres Ergebnis der Studie, gebe es noch „Nischen des Leugnertums“ – also Medien, die häufig Beiträge veröffentlichten, die gut abgesicherte Ergenisse der Klimaforschung bestritten. Doch ausgerechnet in solchen Texten, so Brüggemann und Engesser, fänden sich selten Zitate von Leugnern. Journalisten, die diese randständigen Positionen unterstützen, vermeiden offenkundig Zitate. Als „beschützerische Auslassung“ (protective omission) bezeichnen die beiden Studienautoren diese Arbeitsweise.

Am häufigsten kam die Ablehnung der Klimaforschung in britischen Medien vor und dort vor allem im Daily Telegraph, wo der Kolumnist Christopher Booker regelmäßig den menschengemachten Klimawandels bestreitet (und Trump bejubelt – der Daily Telegraph wird auch als „Torygraph“ verspottet – S_Y). Auch der dänische Ökonom Björn Lomborg und der ehemalige RWE-Manager Fritz Vahrenholt fielen bei der Medienanalyse als Personen auf, die konsequent einzelne Aspekte des Forscherkonsenses bezweifeln.

Das Ziel: „Ein gleichgesinntes, rechtslastiges Publikum bedienen“

Bemerkenswert sei zudem gewesen, dass es ausschließlich politisch konservative Medien waren, in denen sich bei mehr als zehn Prozent der untersuchten Texte eine Ablehnung der Wissenschaft gefunden habe – neben dem erwähnten Daily Telegraph seien dies das Wall Street Journal (USA), die Berner Zeitung (Schweiz) sowie die Boulevardblätter Sun (Großbritannien) und Bild gewesen. Dass leugnerische Positionen besonders häufig in eher rechtsgerichteten Medien Raum bekämen, decke sich mit früheren Studien (beispielsweise Feldman et al. 2011Elsasser/Dunlap 2012).

„Rechtslastige Zeitungen bestreiten den Klimawandel signifikant häufiger“, schreiben Brüggemann und Engesser. Offenbar gehe es darum, so Brüggemann und Engesser mit besonderem Blick auf den Telegraph-Autoren Booker, „dass ein prominenter Kolumnist ein geschätztes Publikum von ähnlich denkenden, rechtslastigen Lesern bedienen“ dürfe und solle. (nach: Toralf Staud auf klimafakten.de)

In diesem Zusammenhang: Laut Urteil eines Obergerichts darf das Umweltbundesamt Journalisten namentlich wegen ihrer Haltung zur Erderwärmung „Klimawandelskeptiker“ nennen – so der Tenor eines Beschlusses des OVG Sachsen-Anhalt (Az 3 L 44/ 16) vom 02.02.2017. (Siehe: solarify.eu/klimaskeptiker-duerfen-so-genannt-werden-endgueltig)

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