Uexküll: „Zukunft gestalten: Jetzt“

Warnung vor Klimawandel-Folgen – vor allem Migration

Jakob von Uexküll, 73, schwedisch-deutscher Gründer des Alternativen Nobelpreises (Right Livelihood Award) und des Weltzukunftsrats (World Future Council), arbeitet seit Jahrzehnten an Konzepten des Umdenkens und Umsteuerns – als Botschafter, Aufklärer und Berater für eine gerechtere und bewohnbare Welt für zukünftige Generationen. In einem neuen Buch unter dem Titel „Zukunft gestalten: Jetzt“ warnt er vor den gesellschaftlichen Folgen des Klimawandels – vor allem der Klimamigration.

Deutschland verfehlt die selbstgesetzten Klimaschutzziele, (nicht nur) in Kalifornien brennen die Wälder und an der südlichen Küste des Mittelmeers warten Hunderttausende auf eine Möglichkeit, ins gelobte Land Europa zu kommen. Viele EU-Länder machen aus Angst vor dem Anwachsen fremdenfeindlicher rechtspopulistischer (mancherorts auch Neonazi-)Kräfte die Grenzen dicht. “Viele Debatten bewegen sich derzeit zurück auf nationale und regionale Reaktionen und Wahrnehmungen – wenn Afrika vor der Tür steht, machen wir dicht. Der Klimawandel jenseits unserer Grenzen geht uns nichts an”, so Olaf Preuß am 15.10.2017 in der Welt.

Auch mit geringen Mitteln viel bewegen

Uexkülls Buch macht deutlich, dass sich auch mit geringen Mitteln viel bewegen lässt. Insgesamt 67 Ratsmitglieder, Ehrenratsmitglieder und Botschafter aus der ganzen Welt zählt der Weltzukunftsrat derzeit: Als Ratsmitglied etwa Auma Obama, die Halbschwester des früheren US-Präsidenten Barack Obama – sie hat ein Vorwort zu Uexkülls Buch geschrieben. Als Ehrenratsmitglieder etwa die Primatenforscherin Jane Goodall und der Hamburger Unternehmer Michael Otto, als einer der Botschafter Fernsehmoderator Jörg Pilawa.

[note Wenn Europa schon nicht mit bislang weniger als zwei Millionen Kriegsflüchtlingen aus Syrien und Afghanistan klarkommt – wie wollen wir dann Dutzende oder Hunderte Millionen Flüchtlinge vor allem aus Afrika bewältigen, die der Klimawandel und die Zerstörung der Umwelt zwangsläufig hervorbringen werden, wenn wir nichts dagegen unternehmen?” (Jakob von Uexküll am 06.03.2016 in der Welt)]

Uexküll ist ein privilegiert weil international vernetzt. Aus seinem privaten Vermögen – unter anderem einer ererbten Briefmarkensammlung – schuf der Deutsch-Schwede Anfang der 80er-Jahre den als Alternativer Nobelpreis weithin bekannten Right Livelihood Award – 2007 folgte der Weltzukunftsrat – World Future Council. “Uexküll will nicht akzeptieren, dass die heute Lebenden und Verantwortlichen die Perspektiven der künftigen Generationen verspielen – und dabei zugleich auch das kulturelle Erbe der Vorfahren zerstören” (Olaf Preuß, Welt).
[note „Zukunft gestalten: JETZT“  ist ein leidenschaftliches Plädoyer: Jakob von Uexküll legt darin auf der Grundlage bereits geleisteter Arbeit seine Gedanken zu zentralen Zukunftsfragen vor: Klima und Ökosysteme, Nachhaltiges Wirtschaften und Nahrungsgerechtigkeit, Frieden und Abrüstung. Denn nicht nur er ist überzeugt: die Menschheit steht vor noch nie dagewesenen Konflikten und Gefahren: Wenn nicht schnell und radikal umgesteuert wird, droht das Ende des bewohnbaren Planeten, und alle nach uns folgenden Generationen werden ihrer Zukunft beraubt. Dabei ist der Klimawandel nicht die einzige Herausforderung: Die Zerstörung der Artenvielfalt, die Übersäuerung der Meere, die zunehmende Erosion von Ackerland und die Verknappung wichtiger Kulturgüter bedrohen ebenfalls die Zukunft der Menschheit.]
Um die Arbeit des in seinem hauptamtlichen Teil winzigen Weltzukunftsrates bekannter zu machen, erfanden Uexküll und seine Mitstreiter den Future Policy Award, den „Oskar für gute Gesetze“. Beide erfüllen – so Uexküll zur Welt – unterschiedliche Funktionen: „Der Alternative Nobelpreis zeichnet Menschen für besondere, herausragende Leistungen aus, in der Regel sind das charismatische Persönlichkeiten. Dieser Ansatz allein reicht aber nicht aus.“ Die Arbeit mit internationalen Gesetzen wirke auf andere Weise: „Wir versuchen, weltweit die bestmöglichen Gesetze für eine nachhaltige Entwicklung zu identifizieren. Unter anderem haben wir so dazu beigetragen, das deutsche EEG nach Großbritannien, Japan und Südafrika zu bringen. Zum Beispiel wurde ein Gesetz für die Nahrungsmittel-Grundversorgung aus dem brasilianischen Belo Horizonte nach Namibia übertragen und ein Gesetz zur Förderung von Solarenergie aus Bangladesch nach Tansania.“

Klimawandel bestimmt Migrationsbewegungen: Jede Sekunde flieht ein Mensch vor Klimafolgen

Uexküll ist überzeugt, dass vor allem der Klimawandel die Migrationsbewegungen der kommenden Jahrzehnte bestimmen wird. Solarify berichtete ausführlich am 20.10.2015 unter dem Titel: “Klima, Krieg und Flucht -als hätten wir es nicht gewusst – Blutzoll der fossilen Energieträger“.

[note Wir wussten es seit Jahrzehnten – seitdem 1970 die sogenannte Weltgemeinschaft beschloss, die Entwicklungshilfe sollte 0,7 Prozent vom Bruttosozialprodukt eines Landes betragen – Deutschland lag 2014 mit schäbigen 0,41 auf Platz 12 in der EU. Wir wussten es spätestens seit dem 19. Mai 1990. 19.05.1990 – vor mehr als 25 Jahren: in der Reihe “Eine Welt für alle” sendet die ARD den Science-Fiction-Film „Der Marsch“, eine Co-Produktion mit der BBC – Afrikaner auf der Flucht vor Klimawandel und Armut nach Europa – ein Zug verzweifelter Gestalten, die sich vor dem Hungertod retten wollen. Der junge, charismatische Issa Al-Mahdi steht an der Spitze einer unübersehbaren Karawane bitterarmer Menschen aus nordostafrikanischen Flüchtlingslagern, die in Richtung Europa ziehen. Dort sieht er die letzte Chance, seine Landsleute vor dem Hungertod zu retten. Denn dieser droht auf Grund der bitteren Armut, ausgelöst und verschlimmert durch die infolge des Klimawandels eingetretene ökologische Katastrophe in der Region (siehe: solarify.eu/klima-krieg-und-flucht).]

Deutsche Politiker sprechen gern leichthin von „Bekämpfung der Fluchtursachen“ vor allem in den afrikanischen Ländern – damit glauben sie der anschwellenden Fluchtbewegung Herr zu werden. “Fluchtursachen” sind aber nicht nur islamistische Terrormilizen, viel wichtiger wäre eine bessere Welthandelsordnung und entschiedenerer Klimaschutz in den Industriestaaten – Uexküll: „Wir werden in den kommenden Jahrzehnten immer mehr unter dem Eindruck des Klimawandels leben. Wenn Europa nicht mit einer Million Kriegsflüchtlingen aus Arabien und Zentralasien klarkommt, wie soll es mit 200 Millionen Klimaflüchtlingen aus Afrika umgehen?“

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