32 Jahre Tschernobyl-GAU

4.000 Tote – 9.000 tödliche Krebserkrankungen zu befürchten

Am 26.04.1986, vor 32 Jahren, explodierte der Atomreaktor von Tschernobyl in der Ukraine. Aus diesem Anlass diskutierten der Umweltausschuss und das Bundestagsplenum über den Atomausstieg und die Konsequenzen aus dem GAU.

[note Tschernobyl Shelter Fund – Foto © ebrd.com]

Heute sind die Spuren der Atomkatastrophe immer noch spür- und messbar. Ein neuer Sarkophag soll zwar die Umgebung vor Strahlung schützen und durch Kräne im Inneren einen Rückbau des Unglücksreaktors ermöglichen. Doch die Experten sind sich einig: Es ist völlig unklar, wie der Unglücksreaktor zurückgebaut und entsorgt werden kann. Die neue Schutzhülle über dem havarierten AKW Tschernobyl steht zwar seit 2016, ist aber immer noch nicht betriebsbereit. Das liegt an der immer noch gewaltigen Strahlenbelastung an einem Ende der Schutzhülle. Die Arbeiter können immer nur kurz eingesetzt werden. Alles andere wäre lebensgefährlich.

Miersch: Tschernobyl sollte uns Mahnung sein

SPD-Fraktionsvize Matthias Miersch lobte, dass die neue Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) die Beteiligung staatlicher Fonds an Auslands-AKW beenden will. „Der Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl sollte uns eine Mahnung sein, die im Koalitionsvertrag erstmals vereinbarte Beendigung aller Beteiligungen staatlicher Fonds an AKWs im Ausland unverzüglich umzusetzen. Das ist ein starkes Signal für den weltweiten Atomausstieg. Bundesumweltministerin Schulze hat sich deshalb bereits mit den betroffenen Ressorts in Verbindung gesetzt. Wir unterstützen die Bundesumweltministerin dabei, diesen Weg konsequent fortzusetzen und sich unverzüglich von allen Beteiligungen zu trennen.“

Folgen nach wie vor umstritten

Damals wohnten in der ukrainischen Kleinstadt Prypjat knapp 50.000 Menschen, darunter 15.500 Kinder – heute eine Geisterstadt. Offiziellen Schätzungen zufolge sollen weltweit bis zu 4.000 Menschen an den Folgen der Strahlung gestorben sein. Die Zahl stammt aus einem von der WHO gemeinsam mit den Vereinten Nationen und der Internationalen Atomenenergie-Organisation erstellten Bericht. Inoffizielle Zahlenangaben liegen weit höher, vor allem über aktuelle, bzw. noch  zu erwartende Krebserkrankungen. Denn radioaktive Stoffe – vor allem Jod und Caesium – kontaminierten infolge des Niederschlags zunächst hauptsächlich die Region nordöstlich von Tschernobyl, dann aber auch viele europäische Länder.

Bundestagsdebatte und Ausschussberatung

Mit der Situation rund um das havarierte Atomkraftwerk, den GAU-Folgen und Konsequenzen hat sich am 25.04.2018 der Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit befasst; das Bundestagsplenum diskutierte am 26.04.2018 darüber (dip21.bundestag.de/19029). Dem öffentlichen Tagesordnungspunkt der Ausschusssitzung lagen ein Bericht des zuständigen Umweltministeriums sowie ein Bericht der Ausschussvorsitzenden Sylvia Kotting-Uhl (Bündnis 90/Die Grünen) zugrunde. Kotting-Uhl hatte Anfang April die Unglücksregion besucht.

Die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, Rita Schwarzelühr-Sutter (SPD), berichtete über Verzögerungen der Arbeiten an der neuen Schutzhülle (New Safe Confinement), die den Block 4 des Kraftwerkes abschirmen soll. Aufgrund des hohen Strahlungsniveaus in einem Teilgebiet um den Reaktor könne dort nur zeitlich eingeschränkt gearbeitet werden. Die Fertigstellung werde nun für Ende 2018 erwartet, sagte die Staatssekretärin. Beim Bau des Brennelemente-Zwischenlagers würden “gute Fortschritte” erzielt, es gebe aber auch bei diesem Projekt Verzögerungen. Ob der avisierte Abschluss der Arbeit Anfang 2019 zu halten sei, sei aktuell unklar. Die Finanzierung der Arbeiten in Tschernobyl sei nach aktuellem Stand gesichert. Die Ukraine habe ausstehende Beiträge überwiesen, berichtete die Sozialdemokratin.

Wirtschaftliche Verwertung der Sperrzone

Kotting-Uhl ging in ihrem Bericht unter anderem auf die wirtschaftliche Verwertung der Sperrzone rund um das havarierte Kraftwerk ein. So floriere der Tourismus und solle auch noch ausgebaut werden. Zudem vermutet sie, dass das Gebiet auch als Atommüllzentrum etabliert werden soll. So seien Endlager für schwach- und mittelradioaktiven sowie ein Zwischenlager für hochradioaktiven Abfall geplant. Allerdings gebe es noch keine Planungen für die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle in dem Land. Die Ukraine wolle zunächst die Erfahrungen in Deutschland und den skandinavischen Ländern abwarten, berichtete Kotting-Uhl. Weiterhin plane ein Konsortium eine Solaranlage mit 1,2 Gigawatt Leistung in Tschernobyl aufzubauen. Von Vorteil sei, dass vor Ort die Infrastruktur, etwa Leitungen und Strommasten, schon vorhanden sei. An dem Projekt gebe es innerhalb der Ukraine Kritik von Nichtregierungsorganisationen, die eine dezentrale Versorgung befürworten würden, führte die Grünen-Abgeordnete aus.

Die Ausschussvorsitzende kritisierte die unzureichenden Entschädigungszahlungen an die Betroffenen der Katastrophe. Diese würden nicht im gesetzlich vorgesehenen Umfang geleistet. Ebenfalls kritisch betrachtete die Grünen-Politikerin die Energiepolitik die Ukraine, die weiter auf Atomkraft setze. Die EU-Kommission unterstütze diese Politik durch Kredite für Sicherheitsmaßnahmen, um Laufzeitverlängerungen für die ukrainischen Atomkraftwerke zu ermöglichen, betonte Kotting-Uhl.

[note Grüne fordern konsequente Umsetzung des Atomausstiegs
Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hat am 26. 04.2018 an die Explosion des Reaktors im AKW Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat vor 32 Jahren erinnert. Einen von der Fraktion vorgelegten Antrag mit dem Titel „Tschernobyl mahnt – Atomausstieg konsequent umsetzen“ (19/1731) hat der Bundestag nach erster Lesung zur federführenden Beratung an den Umweltausschuss überwiesen.
200.000 km² radioaktiv verseucht
Aufgrund der Explosion seien damals immense Mengen radioaktiver Stoffe in die Erdatmosphäre gelandet, schreiben die Grünen in dem Antrag. 40 Prozent der Gesamtfläche Europas seien mit Cäsium-137 kontaminiert worden. Der Atomunfall von Tschernobyl habe dazu geführt, dass eine Fläche von 200.000 Quadratkilometern radioaktiv verseucht worden sei. Starker Regen habe dafür gesorgt, dass die Radionuklide besonders über dem Süden Deutschlands niedergingen. Direkt nach der Havarie hätten 116.000 Bewohner aus der unmittelbaren Umgebung des Unfallreaktors evakuiert werden müssen, in den Folgejahren weitere 220.000.
„Betroffene weiterhin unterstützen“
Die Bundesregierung wird in der Vorlage aufgefordert, den von Atomunfällen betroffenen Menschen und Ländern weiterhin Hilfe und Unterstützung zur Minderung der gesundheitlichen, ökologischen und wirtschaftlichen Folgen zu gewähren. Sie solle sich außerdem international für einen möglichst raschen Ausstieg aus der Atomkraft und einen Umstieg auf eine Energieversorgung, basierend auf erneuerbaren Energien, einsetzen.
Ziel müsse auch eine weltweite Ächtung des Uranabbaus sein. Als Zwischenschritt müsse die Regierung im Hinblick auf das nach Deutschland und in die EU importierte Uran Transparenz über die Herkunft sowie substanzielle und verbindliche ökologische, soziale und menschenrechtliche Standards beim Abbau einfordern, verlangen die Grünen. (“heute im bundestag” – hau/27.04.2018)]

->Quellen: