Warum das Elektroauto ein Feind der Energiewende ist

CO2-Bilanz insgesamt wird sich verschlechtern

-Gastkommentar von Martin Stahl-
Es gibt etwas, das die Deutschen auszeichnet, aber wenig ehrt: die “German Angst”, ein Begriff, der sich im angloamerikanischen Sprachraum über Jahrhunderte durchgesetzt hat. Als 1835 zwischen Nürnberg und Fürth die erste Eisenbahn fuhr, warnten besorgte Zeitgenossen vor Gesundheitsschäden, weil sich der Zug aus ihrer Sicht mit unmenschlich hoher Geschwindigkeit bewegte. Zwar hat die Sorge den Durchbruch der Bahn nicht verhindert, aber die schnellsten und zuverlässigsten Züge fahren heute woanders.

Auch aktuell treibt die Angst, beispielsweise vor dem Klimawandel, den gutmenschlichen und progressiven Deutschen, besonders Berufspolitiker. Das Ergebnis der Furcht sind Energiewende und Elektromobilität. Angst ist aber bekanntlich ein schlechter Ratgeber. Sie hat dazu geführt, dass die sachliche Auseinandersetzung mit der Frage, wie ein wirklicher Beitrag zum Klimaschutz geleistet werden kann, auf der Strecke geblieben ist. Schlimmer noch: Die Deutschen sind im Inbegriff, ihre letzte Industrie, die sich an der Weltspitze befindet, zugrunde zu richten. Denn die überhastete Transformation in der Autoindustrie senkt Gewinne, schrumpft Margen und bedroht Arbeitsplätze. In 20 Jahren werden unsere Kinder uns zu Recht fragen, was wir uns dabei gedacht haben.

Nicht wirklich grün: Solange der Strommix nicht grüner wird, sind Elektroautos für die gesamte CO2-Bilanz eher kontraproduktiv. Die überhastete Transformation in der Autoindustrie senkt Gewinne, schrumpft Margen und bedroht Arbeitsplätze. In 20 Jahren werden unsere Kinder uns zu Recht fragen, was wir uns dabei gedacht haben – Foto © Gerhard Hofmann Agentur Zukunft für Solarify

Heute sind Elektrofahrzeuge in Deutschland Klimakiller

Grundsätzlich sind Elektroautos eine Antwort auf das CO2-Problem im Mobilitätssektor, aber nicht die ultimative – zumindest nicht heute, auch nicht in den nächsten Jahren und vor allem nicht in Deutschland. Der “progressiven” Energiewende verdankt das Land einen Strommix, der pro kWh etwa 489 g CO2 (2017) erzeugt und gleichzeitig mit einem massiven Überangebot an erneuerbaren Energien im Tagesverlauf kämpft.

Kommen jetzt Elektrofahrzeuge hinzu, so stellen diese eine zusätzliche Stromnachfrage dar, die bei einer 100prozentigen Durchdringung der deutschen Pkw-Flotte einen zusätzlichen Bedarf von etwa 110 TWh erzeugen wird. Das sind dann immerhin circa 20 Prozent des gesamten heutigen deutschen Strombedarfs oder anders ausgedrückt – etwa zehn Atomkraftwerke. Diese zusätzliche Stromnachfrage entsteht natürlich langsam. Aktuell liegt der Strombedarf von deutschen Elektrofahrzeugen unter einer TWh. Da es sich aber um eine zusätzliche Nachfrage handelt, steht diese im Wettbewerb zur Reduzierung der Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen, zu allererst der Braunkohle. Mit einer kWh erneuerbarer Energie lässt sich entweder eine kWh Braunkohlestrom substituieren oder ein Elektroauto betreiben.

Das ist im Übrigen auch gar nicht so einfach, da E-Fahrzeuge, besonders die mit großer Batterie, überwiegend nachts geladen werden; Solarstrom scheidet als Kraftstoff somit aus. Um den zusätzlichen Bedarf zu decken, braucht es andere Energiequellen wie Wind oder Strom aus Biomasse plus notwendiger Trassen. Ersetzt also die kWh erneuerbare Energie eine kWh Braunkohlestrom, so reduziert sich die CO2-Emission um etwa 910 g/kWh. Nutzt man die besagte Kilowattstunde stattdessen für den Betrieb eines Mittelklasse-Pkw, so kann man damit etwa sechs Kilometer weit fahren und spart die entsprechende Emission eines verbrennungsmotorischen Fahrzeugs ein. Mit Praxisverbräuchen gerechnet emittiert ein moderner Diesel auf dieser Strecke unter Berücksichtigung der Transport- und Herstellungsemissionen des Kraftstoffs etwa 790 Gramm CO2 – und damit weniger, als die Substitution von Braunkohlestrom bringen würde.

Elektroautos werden die CO2-Bilanz in Deutschland insgesamt verschlechtern

Die Bilanz des E-Fahrzeugs verschlechtert sich weiter, rechnet man die Emissionen in der Batterieproduktion (Batteriegröße 40 kWh) mit ein. Diese schlagen nämlich, auf die sechs Kilometer Fahrtstrecke gerechnet, mit 215 Gramm CO2 zu Buche. Hat das Elektrofahrzeug eine größere Batterie, zum Beispiel 100 kWh wie in einem Tesla, so sind es gar 540 Gramm CO2. Addiert man dies alles zusammen, ergibt sich ein klares Bild: Während eine kWh erneuerbare Energie, welche eine kWh Braunkohlestrom ersetzt, die Umwelt um etwa 910 Gramm CO2 entlastet, ergibt sich durch die Nutzung im Elektroauto nur eine Einsparung von etwa 490 Gramm CO2.

Die Politik muss steuern, aber bitte richtig

Hier wäre also die Politik gefragt, mit Sachverstand einzugreifen und dafür zu sorgen, dass der Automobilsektor einen tatsächlichen Beitrag zur CO2-Reduktion leisten kann. Gerade passiert aber das genaue Gegenteil: Der Diesel wird auf Basis fragwürdiger Messwerte und noch fragwürdigerer Grenzwerte verteufelt, die EU senkt die CO2-Emissionsziele weiter und erzwingt dadurch einen verstärkten Absatz von Elektrofahrzeugen. Dadurch mag dann die CO2-Emission des Verkehrssektors in Deutschland sinken, die gesamte CO2-Bilanz wird sich aber verschlechtern – wie die Beispielrechnung zeigt.

Was wäre also zu tun? Es gibt ja tatsächlich eine Menge Ökostrom, der heute nicht sinnvoll verbraucht oder gespeichert werden kann. Um diesen für die Elektromobilität zu nutzen, bedarf es Anreize für die Autofahrer, ihren Wagen dann zu laden, wenn der Ökostrom im Überfluss vorhanden ist. Also zum Beispiel in der Mittagszeit. Eine sinnvolle politische Initiative könnte daher die stärkere Förderung von Lademöglichkeiten am Arbeitsplatz sein. Darüber hinaus wäre es begrüßenswert, ökonomische Anreize für Überschusszeiten zu schaffen. Denkbar wäre die kostenfreie Stromabgabe oder ein Bonussystem, das den Nutzer fürs Laden in diesen Zeiten sogar bezahlt. Das würde die Durchsetzung des E-Autos fördern.

Laden, wenn der Ökostrom im Überfluss vorhanden ist

Wenn sich dann die Politik noch von ihrem Dogma verabschieden würde, dass Verbrennungsmotoren etwas fundamental Böses sind, wäre ein weiterer, wichtiger Schritt gemacht. Aber warum, sollte sie, wenn der Strom dann vollständig aus regenerativen Energien kommt? Weil auch dann noch ein E-Auto ökologisch womöglich keinen Sinn ergibt. Es kommt nämlich aufs Fahrprofil an: Wer jeden Tag 20 Kilometer zur Arbeit pendelt und einmal im Monat 200 Kilometer zu Verwandten oder in den Urlaub fährt, für den ist ein reines Elektroauto das falsche Mobil mit einer viel zu großen Batterie, die wirklich nur selten gebraucht wird. Das kostet nicht nur Energie im Fahrbetrieb, sondern setzt auch in der Produktion der Batterie ganz unnötige CO2-Emissionen frei. Ein Plug-in-Hybrid mit 50 bis 100 Kilometer elektrischer Reichweite wäre in diesem Fall die weitaus umweltfreundlichere Alternative.

Wir brauchen saubere Verbrennungsmotoren noch auf längere Zeit

Finden wir uns also damit ab, dass die Welt komplex ist und die ganz einfachen Lösungen meistens nicht funktionieren. Moderne und saubere Verbrennungsmotoren müssen noch auf lange Zeit ein Teil der Strategie bleiben, um wirklich wirksam Emissionen im Verkehrssektor zu reduzieren. Deshalb würde es nicht schaden, wenn unsere Politik ein wenig Zeit zum Nachdenken investiert und auf Basis der Fakten und ohne Ideologie entscheiden würde. Der Klimaschutz ist zu nämlich wichtig, um ihn zu verstolpern.

Martin Stahl ist Geschäftsführer von Stahl Automotive Consulting (SAC), einer auf die Transformation der Automobilindustrie spezialisierten Unternehmensberatung. SAC unterstützt Kunden in USA, Europa und Asien bei der Entwicklung von Produktangeboten und Geschäftsmodellen, besonders in den Bereichen der E-Mobilität und innovativer Mobilitätsdienstleistungen.

->Quellen: erstmals veröffentlich in: magazin.de/elektroauto-co2-bilanz-insgesamt-verschlechtert-sich