Helmholtz: Desertec lebt auf

Strom aus der Wüste vielleicht bald nötig

Europa könnte bald auf grünen Strom aus der Wüste Nordafrikas angewiesen sein – für Klimaschutz und Versorgungssicherheit, schreibt Ralf Nestler am 11.09.2019 auf helmholtz.de. Vor rund zehn Jahren wurde die Initiative Desertec als „Apollo-Projekt des 21. Jahrhunderts“ gefeiert. Viele hofften, grünen Wüstenstrom von Afrika nach Europa zu transportieren. Aber der Traum platzte. Jetzt lebt das Projekt in Nordafrika und dem Nahen Osten weiter und könnte für Europa wieder eine wichtige Rolle spielen.

Auf dem Papier sah die Idee bestechend aus: Wind- und Sonnenstrom aus der Wüste wird über verlustarme Leitungen nach Europa gebracht, um hier zu einer klimafreundlichen Energieversorgung beizutragen. Unter dem Namen Desertec erregte das Vorhaben vor zehn Jahren viel Aufmerksamkeit. Damals schlossen sich 20 große Unternehmen wie Munich Re, RWE, E.On und die Deutsche Bank zusammen, um zu ergründen, ob und wie eine solche Idee Wirklichkeit werden kann. Zudem sollten die Ergebnisse durch ein erstes Referenzprojekt demonstriert werden, das Strom aus einem Solarkraftwerk in Marokko nach Europa liefern sollte. Doch als 2012 die erste Stromlieferung absehbar war, gab es Probleme. Zu jener Zeit hatte Spanien selbst einen Überschuss, es war politisch sehr schwer, auch noch zusätzlichen Solarstrom aus dem Süden einzuspeisen. Das Land blockierte die Durchleitung, aus dem Referenzprojekt wurde nichts. Stattdessen verließen etliche deutsche Firmen die Initiative. Seitdem gilt Desertec hierzulande als gescheitert.

„Es lief nicht alles wie erhofft, aber Desertec war niemals tot und ist es auch heute nicht“, sagt Jochen Kreusel, Experte für Stromnetze bei ABB und unter anderem im Beirat der Desertec Industrial Initiative (Dii) sowie am Akademienprojekt „Energiesysteme der Zukunft“ beteiligt. „In Deutschland wird das Vorhaben oft auf „Wüstenstrom für Europa“ begrenzt, aber das war nur ein Teil der Idee.“ Vielmehr sei es darum gegangen, klimafreundlich Energie dort zu gewinnen, wo die Voraussetzungen günstig sind – für den lokalen Markt und auch für den Export. „Der erste Teil ist gelungen, wie etliche Solarkraftwerksprojekte von Marokko bis zu den Golfstaaten zeigen, die beitragen, den steigenden Energiebedarf in der Region zu decken, und zwar zu wettbewerbsfähigen Kosten.“ Dies sei natürlich nicht nur auf die Industrieinitiative zurückzuführen, ergänzt Kreusel. „Aber die von der Dii bereitgestellten Fakten und Erfahrungen haben den Prozess in mehreren Ländern beschleunigt.“

Exportiert nach Europa wird jedoch nicht. Noch nicht. Denn nach Ansicht von Fachleuten könnte und sollte sich das ändern, um die Klimaschutzziele auf unserem Kontinent zu erreichen. Rund 15 Prozent des europäischen Elektroenergiebedarfs ließen sich mit regelbarem Solarstrom aus Nordafrika decken, sagt Franz Trieb vom Stuttgarter Institut für Technische Thermodynamik im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Er war führend an Studien beteiligt, die Solarstromimporte aus Nordafrika beschreiben und somit die Grundlage für das Desertec-Konzept bilden. Trieb sieht zwei wesentliche Vorteile: Südlich des Mittelmeers gibt es rund doppelt so viele Sonnenstunden wie in Süddeutschland, was die Ausbeute und die tägliche Verfügbarkeit erhöht. Selbst die Entfernung könnte sich als Plus erweisen: „Wenn in Zentraleuropa der Ausbau der Erneuerbaren voranschreitet und es dann zu einer Dunkelflaute kommt, dann können die Nachbarländer wahrscheinlich auch nicht helfen, weil sie in der Regel ebenfalls betroffen sind“, erläutert Trieb. „Solarkraftwerke in Nordafrika können solche Dunkelflauten bei uns überbrücken.“

Die Idee, klimafreundlichen Strom in geografisch günstigen Gegenden zu erzeugen und dann in Ballungsgebiete zu bringen, wird auch andernorts aufgegriffen. „Unter dem Titel Gobitec treibt China den Netzausbau massiv voran, um Strom aus der Wüste Gobi in die Industrieregionen zu bringen“, sagt Kirsten Westphal, Expertin für Energiepolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Aus diesem Grund sei das Land weiter aktiv bei Desertec – um viele Erfahrungen zu gewinnen. „Die deutsche Industrie verpasst mit ihrem Rückzug aus der Initiative viele Chancen.“ Die Forscherin ist überzeugt, dass Europa schon aus Klimaschutzgründen langfristig nicht auf Energielieferungen aus Nordafrika verzichten kann: Sei es in Form von Strom oder synthetischen Brennstoffen, die beispielsweise mithilfe von billigem Ökostrom und Kohlendioxid aus der Luft hergestellt werden. Diese Verfahren werden im Fachjargon unter dem Begriff „Power-to-X“ zusammengefasst. Gewiss, die politische Lage in der Region sei angespannt, gibt Westphal zu bedenken. „Es wird sehr schwierig sein, alle zusammenzubekommen.“ Die ursprüngliche Idee, einen großen Ring aus Leitungen um das Mittelmeer zu legen, an dem viele Staaten beteiligt sind, erscheine derzeit in sehr weiter Ferne. „Bilaterale Projekte, wo beispielsweise eine Leitung zwischen Marokko und Spanien errichtet wird, die halte ich aber durchaus für realistisch.“ Diese wären auch außen- und sicherheitspolitisch vorteilhaft.

Jochen Kreusel sieht das ähnlich. Die Lieferung von „grüner Energie“ nach Europa sei weder technisch noch ökonomisch ein fundamentales Problem, sondern vor allem ein politisches. „Wir müssen uns grundsätzlich überlegen, wie wir mit Afrika umgehen – so wie es ist, kann es nicht weitergehen“, sagt er. Der Ausbau erneuerbarer Energien vor Ort sei eine Chance, um Klimaschutz voranzubringen und eine lokale Wertschöpfung zu schaffen. „Davon profitiert die jeweilige Region unmittelbar und das erhöht letztlich auch die Stabilität des Energiehandels, denn bei einem Lieferstopp würden alle nur verlieren.“

Ob es so schnell zu einem neuen Versuch für einen Stromexport nach Europa kommt, ist fraglich. Konkrete Pläne gibt es derzeit keine. Südlich des Mittelmeers werden etliche Solarkraftwerke geplant und gebaut, etwa in Marokko und Ägypten, doch der Bedarf vor Ort ist enorm. „Der Verbrauch nimmt so stark zu, dass der Zubau mit neuen Anlagen nicht hinterher kommt“, sagt Paul van Son, Geschäftsführer der Dii und zugleich für die RWE-Tochter Innogy in der Region tätig. „Aber das wird sich ändern, Solar- und Windenergie sind inzwischen so billig, dass wir eine große Dynamik sehen.“ In Europa hingegen gab es lange Zeit Überkapazitäten, langsam nähere man sich einem Gleichgewicht, der Bedarf nach Importen könnte wachsen. „Früher oder später wird es in Nordafrika Überschüsse geben, die in den europäischen Markt drängen.“

Ob das reicht, um als Industrienation in einer Zukunft ohne Kernenergie und mit deutlich weniger fossilen Brennstoffen eine ausgedehnte Dunkelflaute zu überstehen? „Wir sind es nicht gewohnt, über den Verbrauch zu reden“, sagt van Son. „Wenn es einen Engpass gibt, steigen die Strompreise. Selbstverständlich muss man dann überlegen, ob etwa eine energieintensive Industrie mit voller Kraft weiterlaufen muss.“ Der Netzexperte geht sogar noch weiter: Eigentlich müssten solche Betriebe verlegt werden in Regionen, wo es viel klimafreundliche Energie für wenig Geld gebe, nach Spanien oder Nordafrika, meint er. „Das weiß die Industrie auch, seit 30 Jahren wird darüber diskutiert, aber es traut sich keiner.“

>Quelle:  helmholtz.de/strom-aus-der-wueste