Umweltfachleute unterstützen Umweltpolitik jenseits des Wirtschaftswachstums

Studie: Strategie eines „grünen Wachstums“

Damit die Wirtschaft klimaschonender und nachhaltiger wird, setzen die meisten Politikansätze auf die Strategie eines „grünen Wachstums“. Doch Umweltfachleute stehen diesem Konzept, das auf weiteres Wirtschaftswachstum abzielt, kritisch gegenüber, wie eine neue Studie vom zeigt. Eine Befragung von Mitarbeitenden des Umweltbundesamtes – Deutschlands zentraler Umweltbehörde – ergab, dass die Experten wachstumskritische Konzepte für zielführender halten. Die Studienautoren vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und der ESCP Business School haben ihre Ergebnisse im Journal of Cleaner Production vorgestellt. Sie sehen die Befunde als Unterstützung für eine Umweltpolitik jenseits des Wachstums.

Mehrheit der Befragten zeigt sich wachstumskritisch

Cleaner Production – Buchtitel © Journal of Cleaner Production

„Bei einer Auswahlfrage, welche Strategie sie am geeignetsten finden, um Umweltprobleme zu lösen, wählten drei Viertel der Befragten solche Wirtschaftskonzepte, die nicht auf Wachstum setzen. Nur ein Viertel entschied sich für grünes Wachstum“, so Cathérine Lehmann, IÖW-Hauptautorin der Studie. Bei weiteren Fragen, die die Zustimmung implizit über Aussagen zu ökonomischem Wachstum und Umweltbelangen erhoben, ist das Bild sogar noch deutlicher: Fast 99 Prozent der befragten Umweltfachleute stimmten in der Summe eher wachstumskritischen Standpunkten zu.

„Grünes Wachstum setzt darauf, dass die Emissionen und Ressourcenverbräuche vom Wirtschaftswachstum entkoppelt werden, damit die Umwelt entlastet wird“, erklärt IÖW-Ökonom Steffen Lange. „Ob dies allerdings eintreffen und ausreichend sein wird, ist überaus umstritten.“ Längst werden daher alternative Konzepte diskutiert. Der Ansatz „Degrowth“ etwa argumentiert, dass eine Nachhaltigkeitstransformation, die den ökologischen Herausforderungen gerecht wird, in den wohlhabenden Ländern mit einer deutlichen Reduktion des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf einhergehen würde. Eine Mittelposition zwischen grünem Wachstum und Degrowth ist „A-Growth“. Dieser Ansatz geht davon aus, dass es nicht vorab abzusehen ist, ob das Bruttoinlandsprodukt steigen oder fallen wird.

Die Befragten bewerteten auch die „vorsorgeorientierte Postwachstumsposition“ als sehr gut, die 2018 vom IÖW, dem RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und dem Wuppertal-Institut entwickelt wurde. Sie zielt vor dem Hintergrund der großen Unsicherheit der Möglichkeit einer weitreichenden Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Umweltbelastungen darauf ab, dass gesellschaftliche Systeme wachstumsunabhängig(er) gestaltet werden sollten.

Je mehr Fachwissen zu Wachstumskonzepten, umso wachstumskritischer

„Um Umweltprobleme zu lösen, halten unserer Erhebung zufolge die Mitarbeiter*innen im Umweltbundesamt Ansätze wie Degrowth, A-Growth oder die vorsorgeorientierte Postwachstumsposition für geeigneter, als auf weiteres Wachstum zu setzen“, so Lehmann. „Unsere Befragung zeigt, dass diese Sichtweise bei Fachleuten mit größerer Expertise zu den genannten Wachstumskonzepten sogar besonders stark ausgeprägt ist. Viele Befragte scheinen also eher skeptisch zu sein, dass politische Strategien für grünes Wachstum wie der European Green Deal zur erforderlichen Entkopplung von Ressourcenverbrauch und Wachstum führen werden.“

Über 250 Teilnehmende an Befragung

Die Wissenschaftler hatten alle Beschäftigten des Umweltbundesamts eingeladen, an der 20-minütigen Onlinebefragung teilzunehmen. 259 Mitarbeitende der Bundesoberbehörde haben sich im Jahr 2020 an der Befragung beteiligt.

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