Lateinamerika macht Rezyklat zur Pflicht

Während in Europa der Markt für recyceltes Plastik wegbricht, weil Neuware billiger ist, schreiben Chile, Kolumbien und Brasilien Rezyklat per Gesetz vor. Der Unterschied liegt nicht in der Technik, sondern darin, wer den Absatz garantiert.

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Aus Altplastik wird Granulat wie dieses. Zum Kreislauf kommt es aber erst, wenn Gesetze den Wiedereinsatz vorschreiben, wie jetzt in Lateinamerika. Foto: torstensimon

In Brasilien müssen neue Kunststoffverpackungen seit Januar aus mindestens 22 Prozent Altplastik bestehen. In Kolumbien müssen PET-Trinkwasserflaschen zur Hälfte aus Rezyklat bestehen und bis 2030 zu 90 Prozent. Was in Europa erst ab 2030 gilt, ist in Lateinamerika bereits Realität.
Wie schnell aus einer Gesetzesänderung eine Investitionsmöglichkeit wird, zeigt der chilenische Entsorger Recupac. Das seit 35 Jahren am Markt etablierte Unternehmen hat im Werk San Bernardo eine neue Linie für Polyethylenfolie in Betrieb genommen. 500 Tonnen Rezyklat verlassen sie pro Monat. Das Altplastik wird geschreddert, gewaschen, getrocknet und zu Granulat verarbeitet. Dieses Granulat kann rund 40 Prozent des Neumaterials in neuer Folie ersetzen. Die Verpackung, die sonst frisch aus Erdöl entstünde, besteht damit zu großen Teilen aus gebrauchtem Plastik. „Wir haben die Chance ergriffen, einen Schritt weiterzugehen und einen Sekundärrohstoff zu produzieren“, sagt Macarena Hadad aus der Geschäftsentwicklung.

Dahinter stehen zwei grundverschiedene Arten von Quoten und der Unterschied zwischen ihnen entscheidet darüber, ob sich ein Kreislauf schließt. Die eine misst, wie viel Abfall eingesammelt und verwertet wird. So verlangt Chile beispielsweise, dass 2026 rund 32 Prozent des gewerblichen Verpackungskunststoffs in die Verwertung zurückgehen. Das füllt die Sortieranlagen, sagt aber nichts darüber aus, ob das sortierte Material am Ende abgenommen wird. Die andere Art setzt genau dort an: Sie schreibt vor, wie viel Rezyklat in einem neuen Produkt stecken muss. Kolumbien und Brasilien verpflichten die Hersteller, recyceltes Material wieder einzubauen und schaffen so die Nachfrage, die dem Kreislauf sonst fehlt.
In Europa läuft die Entwicklung derzeit andersherum: Der Rezyklatmarkt bricht weg, weil Neuware aus Öl billiger ist als recyceltes Material. Es wird zur günstigeren Neuware gegriffen, während Sortier- und Recyclingbetriebe auf ihrem Rezyklat sitzen bleiben. Schon etwa eine Million Tonnen Kapazität sind in Europa bereits verloren, weil Recycling-Anlagen schließen müssen. Zwar hat die EU mit ihrer Verpackungsverordnung eigene Rezyklateinsatzquoten beschlossen, doch diese greifen erst ab 2030, sodass bis dahin der Absatz fehlt, den Kolumbien und Brasilien heute schon vorschreiben.

Ob das Modell trägt, hängt an zwei Dingen: genug Rezyklat in verlässlicher Qualität, und eine Vorgabe, die durchgesetzt wird. Brasilien droht säumigen Herstellern mit Strafen bis zu 50 Millionen Reais. Für Europa stellt sich die Frage anders: nicht, ob die Nachfrage wirkt, sondern ob sie kommt, bevor die letzten Recycler aufgeben.

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