DEScycle: Metalle aus Elektroschrott gewinnen ohne Hochofen

Elektroschrott gilt als Müll. Dabei stecken darin Metalle, die weltweit knapp werden. Eine neue Anlage in England gewinnt Gold, Kupfer und Palladium heraus, in einem Bad bei 50 bis 80 Grad, statt wie bisher im Hochofen.

DEScycle

Eröffnung der DEScycle-Demonstrationsanlage: Anstelle der sonst hier üblichen Hochöfen stehen hier nur Tanks und Rohrleitungen. Foto: DEScycle

Klassisches Metallrecycling schmilzt Leiterplatten und Kabelreste bei mehreren hundert bis über tausend Grad ein. Energieintensiv und nur im industriellen Großmaßstab möglich. Das Londoner Start-up DEScycle hat im englischen Teesside eine Demonstrationsanlage eröffnet, die ohne diese Hitze auskommt: Ein chemisches Bad löst die Metalle bei 50 bis 80 Grad heraus, statt sie einzuschmelzen.
Das Verfahren heißt Iono-Metallurgie und nutzt eine Salzmischung, bei der sich Bestandteile chemisch anziehen. Ein Katalysator entzieht den Metallatomen in der Platine Elektronen und macht sie dadurch löslich. Unterschiedliche Lösungsmittel-Rezepturen holen gezielt einzelne Metalle heraus. Zuerst Kupfer, Silber und Palladium, danach separat das Gold. Das Plastik der Platinen bleibt dabei unbeschädigt. Laut Unternehmensangaben braucht der Prozess inzwischen nur noch rund 15 Minuten statt der sechs bis 24 Stunden klassischer Lösungsverfahren.

Die Anlage  verarbeitet Chargen von 250 Kilogramm. So sollen jährlich 50 bis 100 Tonnen komplexer Elektronikschrott bearbeitet werden. Leiterplatten aus Laptops, Handys und Servern. Das Recyclingunternehmen GAP Group liefert das Elektronikmaterial, wie auch der Netzwerkausrüster Cisco. Das Verfahren  stammt von der Universität Leicester und wurde mit dem staatlichen Programm Catapult-Netzwerk CPI zur Industriereife entwickelt. Eine Serie-A-Finanzierung von 10,2 Millionen Pfund aus dem Jahr 2024, angeführt vom Investor BGF, ermöglichte den Sprung vom Labor zur Anlage.
Der eigentliche Unterschied zu einer Hütte wie der jüngst eröffneten Aurubis-Anlage in Hamburg liegt aber nicht nur in der Temperatur, sondern im Maßstab:  DEScycle plant kein einzelnes Großwerk, sondern viele kleine, mobile Anlagen nah an Schrottquellen. Nach eigenen Angaben ist das schon ab rund 1.000 Tonnen pro Jahr profitabel. Die britische Regierung hat das Projekt in ihre eigene Rohstoffstrategie aufgenommen: Ende Juni kündigte sie ein 50-Millionen-Pfund-Programm für die heimische Verarbeitung kritischer Mineralien an.

Bis 2035 soll das Recycling in England ein Fünftel des jährlichen Bedarfs an kritischen Mineralien decken. Die jährliche Menge von 50 bis 100 Tonnen ist davon jedoch nur ein Bruchteil. Auch das gewonnene Metall bleibt begrenzt. Seltene-Erden-Magnete aus Elektromotoren, wie sie etwa das Unternehmen HyProMag im deutschen Pforzheim recycelt, werden von der Anlage nicht verarbeitet. Klassische Hüttenverarbeitung bleibt nach Einschätzung der britischen Regierung auch bei Erreichen des 2035-Ziels insgesamt unverzichtbar. Doch was in Teesside beginnt, ist ein Beweis für ein anderes Prinzip: dass sich das Verfahren laut DEScycle einfach, unkompliziert und in kleinem Maßstab profitabel wiederholen lässt.

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