Reifengummi wird praktisch nie zu neuen Reifen recycelt. Ein Bündnis aus vier Konzernen will das jetzt ändern.

Der Kreislauf auf dem Papier: sechs Stationen von Altreifen bis Neureifen. In der Praxis eine Bilanzrechnung, kein physisch geschlossener Kreis. Grafik: Pirelli
In Deutschland fallen jährlich über 530.000 Tonnen Altreifen laut Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie (wdk) an. Die Recycling-Kapazitäten müssen dafür erst aufgebaut werden. Meist landen sie im Zementofen und werden als Ersatzbrennstoff verbrannt. Damit sind die enthaltenen Rohstoffe verloren. Bislang wird kaum etwas zu neuem Reifenmaterial verarbeitet. Genau hier setzt ein Industriebündnis an, das der Reifenhersteller Pirelli koordiniert. Gemeinsam mit BASF, Synthos und dem Pyrolyseunternehmen Pyrum sollen aus alten Reifen wieder Vorprodukte für neue Reifen werden.
Am Anfang der Kette steht die Pyrolyse im saarländischen Dillingen. Die gesammelten Reifen werden erhitzt, bis sie zerfallen. Zurück bleiben zwei Rohstoffe: wiedergewonnener Industrieruß (recovered Carbon Black) und ein öliges Kondensat, das Reifenpyrolyseöl. Das Öl wird rund 140 Kilometer weiter nach Ludwigshafen transportiert, wo BASF daraus zusammen mit fossilen Rohstoffen die Grundchemikalien Butadien und Styrol herstellt. Synthos verarbeitet diese Stoffe zu Kautschuk für Pirellis Reifen.
Ein lückenloser Stoffkreislauf ist das nicht. BASF rechnet mit einem Massenbilanzansatz: Da sich recycelte und fossile Moleküle im fertigen Kautschuk nicht mehr trennen lassen, wird der Recyclinganteil rechnerisch auf die produzierten Reifen verteilt – ähnlich wie bei Ökostrom, der auch nicht physisch zum zahlenden Haushalt fließt, sondern nur verrechnet wird. In einem einzelnen Reifen steckt also nicht zwingend das Altmaterial, sondern nur der rechnerische Anteil daran. Das ISCC-PLUS-Zertifikat soll diese Berechnung entlang der gesamten Lieferkette kontrollieren. Der Gesetzgeber wertet solche chemischen Verfahren aktuell auf: Die vorgeschlagene Novelle des Kreislaufwirtschaftsgesetzes stellt sie dem werkstofflichen Recycling gleich.
Fraunhofer UMSICHT hat ermittelt, dass die Pyrolyse gegenüber der Verbrennung Emissionen spart. Rechnet man alle Produkte zusammen – Rußersatz, Pyrolyseöl, Metalle und Ersatzbrennstoffe –, ergibt sich eine Netto-Einsparung von über einer Tonne Emissionen je Tonne Altreifen. „Das Verfahren erzielt CO2-Einsparungen in Höhe von 1.347 kg CO2-Äq./t“, sagt Daniel Maga vom Fraunhofer UMSICHT. Weltweit fallen jährlich rund 1,5 Milliarden Altreifen an.
Andere Hersteller bauen an vergleichbaren Ketten. Continental hat einen Zehn-Jahres-Abnahmevertrag über Pyrum-Ruß im Jahr 2024 geschlossen und verbaut diesen bereits in neuen Gabelstaplerreifen. Ruß macht 15 bis 20 Prozent eines Pkw-Reifens aus. Michelin errichtet gemeinsam mit Partnern im schwedischen Uddevalla eine Anlage, die zunächst 35.000 Tonnen Altreifen pro Jahr verarbeiten kann. Die beiden Unternehmen wollen ihre Reifen bis 2050 vollständig aus erneuerbaren und recycelten Materialien fertigen.
Bevor der Kreislauf geschlossen werden kann, fehlt das Wissen, wo der Abfall überhaupt landet. Von rund 100.000 Tonnen Altreifen ist der Verbleib unbekannt. Vermutlich werden sie exportiert und unter fragwürdigen Bedingungen verbrannt. „Diese Altreifen würden somit den deutschen Recyclern und damit einer sinnvollen und nachhaltigen Kreislaufwirtschaft entzogen”, sagt Stephan Rau vom wdk.
Quellen:
- BASF: Pirelli, Pyrum, Synthos und BASF kooperieren – Umwandlung von Alt- und Ausschussreifen in Recyclingmaterialien für neue Produkte
- pyrum innovations: Das von Pirelli koordinierte „Tyre-to-Tyre“-Projekt startet in Europa.
- Fraunhover UMSICHT: Altreifenrecycling mittels Pyrolyse erhöht die Zirkularität und spart CO2
- wdk: Stärkung der Kreislaufwirtschaft nötig: Deutschen Altreifenrecyclern entgehen 100.000 Tonnen Altreifen jährlich
- Mechelin: Altreifen-Recycling: Michelin, Antin und Enviro bauen erste Anlage in Schweden
- Continental: Continental will Recyclinganteil in ihren Reifen weiter erhöhen