Wo 2023 eine Papierfabrik wegen der Energiepreise aufgab, sollen nun Bauplatten aus Papierschlamm entstehen. Statt Leim halten Enzyme die Fasern zusammen.

Vertrag mit der EIB: Honext x Wepa will aus Papierschlamm Platten für Trennwände und Akustikpaneele herstellen. Foto: STAGEVIEW/Pedro Becerra
Am 20. Oktober übergibt Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) in Kriebstein (Mittelsachsen) einen Förderbescheid über 9,85 Millionen Euro. Empfänger ist Honext × Wepa, ein Gemeinschaftsunternehmen des Start-ups Honext aus Barcelona und der Wepa-Gruppe aus Arnsberg, die in Kriebstein vor allem Taschentücher herstellt. Neben diesem Werk sollen Bauplatten aus Papierresten entstehen, ohne Leim und ohne frisches Holz.
Die Idee: Mit jedem Recycling werden Papierfasern kürzer. Was zu kurz geworden ist, sortieren die Fabriken aus. Es landet im Papierschlamm, der bisher meist verbrannt wird. Honext mischt diese Reste mit Wasser und Enzymen. Die Enzyme verbinden die oft nur wenige Millimeter langen Fasern so fest, dass eine stabile Bauplatte entsteht, ganz ohne Kunstharz als Kleber. Die nasse Masse wird gepresst und in einem Tunnel getrocknet. Am Ende ihrer Nutzung sollen die Platten zurück in die Produktion gehen. Einen Teil der Fasern liefert das Wepa-Werk selbst.
Wegen hoher Energiekosten musste die Papierfabrik Kübler & Niethammer im März 2023 nach 167 Jahren in Kriebstein die Produktion einstellen. Die Kosten hatten sich seit 2021 vervielfacht, zudem war die Nachfrage nach Druck- und Verpackungspapier schwach. Wepa übernahm die Faseraufbereitung der Fabrik mit Gebäuden, Kraftwerk und 40 Beschäftigten.
Der Zuschuss stammt aus der Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur, die Bund und Länder gemeinsam finanzieren. Die EIB gibt 22,5 Millionen Euro als eigenkapitalähnlichen Kredit, der über das EU-Programm InvestEU abgesichert ist. Die Gesamtkosten für die beiden Produktionslinien beziffert die EIB auf rund 59 Millionen Euro. Laut Ministerium ist dies die erste Fabrik dieser Art in Europa.
Die Platten können als Trennwände, Wandverkleidungen und Akustikpaneele genutzt werden. Sie konkurrieren dort mit Material aus frischem Holz und Kunstharz sowie mit Gipskarton, dessen wichtigster Rohstoff knapper wird. wa die Hälfte des in Deutschland verwendeten Gipses stammt laut Bundesverband der Gipsindustrie aus der Abgasreinigung von Kohlekraftwerken. Eine Studie des RWI erwartet, dass diese Menge von 2,9 Millionen Tonnen im Jahr 2030 auf 0,2 Millionen Tonnen im Jahr 2045 sinkt. Laut Verband könnte Recycling höchstens 300.000 bis 400.000 Tonnen beisteuern.
Quellen:
- dezeen: Honext develops recyclable construction material made of cellulose fibres from waste paper
- Oiger: Bauplatten aus Papierabfall: Sachsen schießt Millionen für neue Fabrik in Kriebstein zu
- Ostdeutsche Allgemeine: 9,85 Millionen Euro für ein einzigartiges Projekt in Kriebstein
- Europäische Investitionsbank: TECHEU VD HXW CIRCULAR BUILDING MATERIALS (GT2)
- Birkner’s PaperWorld: Kübler & Niethammer Papierfabrik Kriebstein ceases operations
- igeniuer.de: Kohleausstieg trifft den Trockenbau: Woher kommt künftig der Gips?