Bundesweite Lizenz für den Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen soll teuer werden

elsevier-logoAb 01.01.2017 will der Verlag Elsevier rund 60 namhaften Wissenschaftseinrichtungen keine Zeitschriften-Volltexte mehr zur Verfügung stellen. Der größte Medizinverlag der Welt und ehemalige Waffenhändler*) hat der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen zwar jetzt ein erstes Angebot für eine bundesweite Lizenz für den Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen vorgelegt. Das stößt aber auf Protest: Es widerspreche dem Open Access-Prinzip und fairen Preisen für wissenschaftliches Publizieren, so eine Presseerklärung und zahlreiche Medien-Veröffentlichungen.

Aus der Erklärung: „Trotz der derzeit bei 40 Prozent liegenden Umsatzrendite setzt der Verlag weiter auf Preissteigerungen jenseits der bislang bezahlten Lizenzsummen. Der Verlag lehnt transparentere Geschäftsmodelle ab, die auf der Publikationsleistung basieren und Publikationen offener zugänglich machen würden. Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz - Foto © HRK‚Elsevier versucht damit, seine marktbeherrschende Stellung zu nutzen und droht allen Wissenschaftseinrichtungen, deren Verträge Ende 2016 auslaufen, mit einem Abschalten aller Zugänge‘, so Professor Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK).“

Die Allianz lehnt das Elsevier-Angebot ab und fordert den Verlag auf, die Verhandlungen wieder aufzunehmen und ein besseres Angebot vorzulegen. Denn: „Es sind die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die mit ihrer meist unentgeltlichen Arbeit maßgeblich zur Reputation des Verlages beitragen. Dieser Tatsache sollte auch in den Geschäftsbeziehungen Rechnung getragen werden.“ projekt-deal-logoVorbereitet worden waren die Verhandlungen unter Hipplers Leitung mit dem Ziel eines Vertrages mit Laufzeit ab dem 01.01.2017 im Rahmen des Projekts „DEAL – bundesweite Lizenzierung von Angeboten großer Wissenschaftsverlage“, das die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen auf Anregung der HRK ins Leben gerufen hatte. Mit den Verlagen Springer, Nature und Wiley würden im Januar 2017 Sondierungsgespräche geführt; die Geschäftsmodelle sollten als Referenzen auch für weitere Verlage zur Anwendung kommen.

Konzentration der Wissenschaftsverlage hat Marktmacht gestärkt und Preise dramatisch steigen lassen

Die Gewährleistung einer adäquaten Versorgung mit aktueller Literatur für Forschung und Lehre sei seit Jahren ein Problem an den meisten Wissenschaftsstandorten in Deutschland, stellt die Allianz fest: „Die fortschreitende Konzentration der großen, international tätigen Wissenschaftsverlage hat die Marktmacht der Anbieter weiter gestärkt und die Preise dramatisch steigen lassen. Die Erwerbungsetats der wissenschaftlichen Bibliotheken halten seit langem nicht mehr Schritt, längst kann den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie auch den Studierenden nicht mehr alles Notwendige bereitgestellt werden.“

Open Access logo_headZiel des Projekts DEAL ist der Abschluss bundesweiter Lizenzverträge für das gesamte elektronische Zeitschriftenportfolio der großen Wissenschaftsverlage. Zugleich soll eine Open Access-Komponente implementiert werden, so dass z.B. die von den Wissenschaftseinrichtungen getragenen Kosten für Open-Access-Veröffentlichungen im Rahmen dieser Lizenzen berücksichtigt werden. Für den Abschluss solcher Lizenzverträge haben sich mehrere hundert Einrichtungen (z. B. Universitäten, Hochschulen für angewandte Wissenschaften, Forschungseinrichtungen, Staats- und Regionalbibliotheken) ausgesprochen.

Aufgrund der aggressiven Preispolitik und des aktiven Lobbyings des Verlages gegen Open Access haben seit 2012 im Rahmen der Initiative „Cost of Knowledge“ über 16.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Zusammenarbeit mit Elsevier eingestellt. Mehrere wissenschaftliche Einrichtungen haben im Kontext von DEAL ihre Verträge mit Elsevier zum Ende dieses Jahres gekündigt u.a. die Staatsbibliothek zu Berlin.

Auch die Universitätsbibliothek Göttingen mit 440 Zeitschriften sieht universitaetsbibliothek-goettingen-logosich durch Elsevier unter massivem finanziellen Druck. Auf ihrer Website berichtet die Uni über die Auseinandersetzung: „Der Zugang zu den Archivjahrgängen ist in der Regel gewährleistet. Im Fall einzelner Zeitschriftenpakete speziell aus den Wirtschaftswissenschaften kann jedoch auch der Zugang zu sämtlichen Volltexten entfallen.“

*) siehe unten

Folgt: Druck nach Überzeugung aller Beteiligten vorerst einzige Möglichkeit“

Druck nach Überzeugung aller Beteiligten vorerst einzige Möglichkeit“

Die Universität Göttingen hatte zusammen mit rund 60 namhaften Wissenschaftseinrichtungen schon Mitte Oktober 2016 zur Stärkung der Verhandlungsposition auf Initiative des Verhandlungsteams ihre Verträge mit Elsevier zum Ende dieses Jahres gekündigt – weitere wollten folgen. Elseviers Angebot verweigere sich Argumenten für eine faire Preisgestaltung und transparenten Geschäftsmodellen, die auf der Publikationsleistung basieren und Publikationen offener zugänglich machen würden und setze weiterhin auf hohe Preissteigerungen – und dies trotz der aktuellen 40-prozentigen Umsatzrendite Elseviers. Daher hättten die Verhandlungen bis auf Weiteres unterbrochen werden müssen, mit der . Konsequenz, dass Teile der Volltexte von Zeitschriften des Elsevier-Verlages ab Januar voraussichtlich nicht mehr zur Verfügung stehen würden.

„Allen Beteiligten ist bewusst, dass dies eine Einschränkung für Lehre und Forschung bedeutet. Freilich stellt der auf Basis des gemeinsamen Agierens vieler Forschungseinrichtungen aufgebaute Druck nach Überzeugung aller Beteiligten die vorerst einzige Möglichkeit dar, zu einem für die deutsche Wissenschaft erfolgreichen Ergebnis der Verhandlungen zu kommen.“

auf wisspub.net

wisspub-net-logoElseviers Sicht auf die Verhandlungen: „Elsevier wurde von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) darum gebeten, an vertraulichen Verhandlungen teilzunehmen, um erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland eine landesweite Vertragsvereinbarung für wissenschaftliche Literatur zu entwickeln. Wir sind diesem Ansinnen nachgekommen und haben Vorschläge für eine Abonnement-Lizenz und separat für Open-Access-Publikationen für deutsche Forscher gemacht.“

Elsevier sei auch  gebeten worden, einen Vorschlag zu machen, der landesweit mehr Inhaltsvolumen sowie bedeutend mehr Institutionen umfasst, als es momentan über individuelle Verträge der Fall ist. Dies erhöht die Komplexität und das Gesamtvolumen des zu verhandelnden Vertrages. “Der Verlag macht mit diesem Statement deutlich, dass er Open Access und Subskription weiterhin separat betrachtet. Damit wird deutlich, dass Elsevier kein Interesse an einer Transformation hin zu Open Access hat. Wenig überzeugend ist die Argumentation, mit der Elsevier seine Preissteigerung zu erklären versucht: Dass ein nationaler Vertrag, bei dem der Verlag nur noch mit einer Partei in Deutschland verhandelt, tatsächlich die Komplexität auf Seites des Verlages erhöht, darf bezweifelt werden.

Als Kernaussage dieses Statements bleibt damit nur die wenig überraschende Botschaft, dass der Verlag trotz der zu erzielenden Einsparungen, die über einen zentralen Vertrag zu erreichen sind, auf Preissteigerungen setzt. Dass die wissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland diese Preispolitik nicht mehr länger mittragen, ist aus Sicht der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler ein gutes Zeichen.  Äußerst lesenswert ist in diesem Zusammenhang der Blogpost  „Time for Elsexit?“ des Mathematikers Timothy Gowers. Laut Elsevier wurde jetzt beschlossen „die Gespräche bis Anfang des neuen Jahres zu pausieren“.

Alle Forschende in Deutschland, die weiterhin in Elsevier-Journals publizieren, für Elsevier-Journals begutachten oder in den Editorial-Boards von Elsevier-Zeitschriften sitzen, sollten die Verhandlungspause nutzen, um über ihren Beitrag zur Gestaltung eines nachhaltigen und transparenten Publikationssystems nachzudenken, denn jede Einreichung, jedes Review und jede Mitarbeit im Editorial-Board eines Elsevier-Journals stärkt die Machtposition des Verlages.

Telepolis: „Marktmonopol und Machtmissbrauch“

Telepolis logo„Mehr Kopfzerbrechen könnte dem Verlag womöglich ein Vorstoß von Martin Paul Eves, Professor an der University of London, Dr. Jon Tennant, Imperial College London, und Stuart Lawson, Doktorand an der University of London, bereiten“, so das Wissenschaftsportal Telepolis (Heise): „Die drei Wissenschaftler strengen bei der competition-and-markets-authority-logoCompetition and Markets Authority eine Untersuchung gegen Elsevier wegen Missbrauchs seiner Marktmacht an. Sie untermauern ihr Anliegen unter anderem mit wissenschaftlichen Belegen zur Konzentration am wissenschaftlichen Publikationsmarkt, wo sich einer Untersuchung von Vincent Larivière, Stefanie Haustein und Philippe Mongeon zufolge Elsevier, Springer und Wiley 2013 knapp 50 % des Publikationsvolumens teilten – bei steigender Tendenz.

Zudem sehen Eve, Tennant und Lawson Marktregeln verletzt, da keine Preistransparenz herrsche, denn Vertragsabmachungen zwischen Verlagen und Hochschulen umfassen üblicherweise strenge Verschwiegenheitsklauseln, die jeden Preiswettbewerb verhindern. Überdies seien wissenschaftliche Journale nicht substituierbar, so dass eine Hochschule nicht einfach ein Journal Elseviers abbestellen und durch ein günstigeres Journal eines anderen Anbieters ersetzen könne – zu unterschiedlich sind die Inhalte sogar bei Journalen der gleichen Subdisziplin.“

Genau die Unersetzbarkeit wissenschaftlicher Inhalte spiele Elsevier in den Verhandlungen als Trumpf aus: Der Verzicht auf Kern-Journale seines Fachs scheint jedem Wissenschaftler unmöglich, und das, obwohl nicht der publizierende Verlag die unverzichtbaren Inhalte, sondern die Autoren, Reviewer und Herausgeber. Der Verlag verkaufe diese Inhalte lediglich und zwar ohne Entlohnung für diejenigen, die sie schafften und deren Einrichtungen sich diese Werke nicht mehr leisten könnten.

Folgt: *)Elseviers Rolle als Waffenhändler

*)Elseviers Rolle als Waffenhändler

Die Britische Kampagne gegen Waffenhandel entschied, Organisatoren von Waffenmessen anzugehen und begann eine Kampagne gegen den Verleger Reed Elsevier, der europäische Messen organisierte. Reeds Position als die Nummer 1 der Verleger für medizinische und andere wissenschaftliche Zeitschriften erlaubt es, eine Verbindung zur medizinischen und akademischen Welt herzustellen und Unterstützung von Ärzten, Schriftstellern und Wissenschaftlern zu bekommen. Schließlich fühlte sich Reed Elsevier gezwungen, seine Abteilung für Waffenmessen abzustoßen.

bpb_logoVon 2005 bis Mitte 2008 sorgten Verbindungen des Konzerns zum internationalen Waffenhandel für Schlagzeilen. Ausgerechnet die renommierte und von Reed Elsevier herausgegebene Medizin-Fachzeitschrift „The Lancet“ kritisierte in einem Artikel die Aktivitäten der Tochterfirma Spearhead/Reed Exhibitions. Letztere ist auf die Organisation von Messen und Ausstellungen spezialisiert. Im September 2005 veranstaltete die Firma erstmals die DSEi (Defence Systems and Equipment international), eine der größten Militäraustellungen der Welt, auf der unter anderem auch von der UNO geächtete Streubomben kommerziell vertrieben werden. Über zwei Jahre lang distanzierte sich „The Lancet“ regelmäßig von den Beziehungen des Mutterkonzerns zur internationalen Rüstungsindustrie mit dem Hinweis, diese wären für eine medizinische Publikation moralisch nicht tragbar.

Im März 2007 verfassten rund 80 „Lancet“-Redakteure einen offenen Brief samt kritischem Fragenkatalog an Davis. Auf drei Seiten protestierten unter anderem Ian Gilmore, Präsident der obersten britischen Ärzteorganisation Royal College of Physicians, und der US-Linguist Noam Chomsky in Leserbriefen gegen die Waffenmessen. Sir Michael Atiyah, ehemaliger Präsident der einflussreichen Royal Society, forderte einen Boykott von Reed-Elsevier-Publikationen. Der ehemalige CEO Crispin verteidigte das kontroverse Engagement mit dem kurzen Statement, dass „die Verteidigungsindustrie notwendig für die Aufrechterhaltung von Freiheit und nationaler Sicherheit“ sei. Im Mai 2008 reagierte das Management und kündigte an, die DSEi werde zukünftig nicht mehr von Reed Elsevier organisiert. Der Druck von Seiten der Aktionäre und der Protestbewegung „The Campaign Against Arm Trade“ war zu groß für das Unternehmen geworden.
(Nach: archiv.friedenskooperative.de und bpb.de/reed-elsevier)

->Quellen: