Fukushima: Schilddrüsenveränderungen bei Kindern verharmlost

Erste Folgen von Fukushima
Bereits sehr viele Kinder mit Schilddrüsenveränderungen
Ergebnisse werden den Familien vorenthalten

Dr. Hiroyuki Matsuzaki, Leiter der Abteilung für Innere Medizin am Allgemeinen Städtischen Klinikum der Stadt Fukugawa (Hokkaido, Japan), hat am 19. 05. 2012 unter dem Titel „Was geschieht jetzt mit den Kindern von Fukushima? – Eine Betrachtung der Schilddrüsenschäden, der Atemfunktionen und der Knochenmarksfunktionen vor dem Hintergrund der Resultate von Tschernobyl- und anderen Studien“ Überlegungen zu den Folgen des Fukushima-Unglücks  ins Internet gestellt.* Am 26. April 2012 hatte die Gesundheitsbehörde der Präfektur Fukushima als einen Teil der amtlichen Gesundheitsuntersuchungen nach dem Reaktorunglück die Ergebnisse der Schilddrüsen-Untersuchungen an 38.114 Kindern im Alter von 0 bis 18 Jahren veröffentlicht. Das Durchschnittsalter der untersuchten Kinder lag bei 10 Jahren.

Fukushima - Foto © Digital Globe B/Wikipedia

Demnach wurden bei 184 Kindern Schilddrüsenknoten von 5,1 Millimeter (mm) Größe und mehr und bei 202 Kindern Knoten bis 5,0 mm Größe gefunden. Schilddrüsenzysten von 20 mm Größe oder mehr wurden bei 13.398 Kindern gefunden. Mithin gab es Knoten bei einem Prozent der Kinder, Zysten jedoch bei 35,1 Prozent.

Ergebnisse werden den Familien vorenthalten

Die Gesundheitsbehörde hält jedoch 99,5 Prozent der Fälle für problemlos und will diese Kinder in den nächsten zweieinhalb Jahren nicht weiter untersuchen. Die genauen Ergebnisse, ebenso wie Bilder und Kommentare der Ärzte werden den Patienten und ihren Familien jedoch vorenthalten.

Einer der Hauptverantwortlichen dieser Untersuchung, Prof. Dr. Jun’ichi Yamashita, Vizepräsident der Fukushima Medical University und oberster Gesundheitsberater der Präfektur Fukushima, empfiehlt auch seinen Kollegen und Schilddrüsen-Fachärzten in ganz Japan, gegenüber verunsicherten Patienten weitere Untersuchungen für unnötig zu erklären.

Dagegen verweist Matsuzaki zum Vergleich auf eine Studie aus dem Jahre 2000 an 250 sieben- bis 14-jährigen Kindern aus der Präfektur Nagasaki, von denen lediglich 2 (= 0,8 Prozent) Schilddrüsenzysten hatten. Leiter dieser Studie war ebenfalls Dr. Yamashita. Ferner bezieht Matsuzaki sich auf eine Arbeit von Mazzaferri et al. aus dem Jahr 1993, in der für die USA festgestellt wurde, dass Kleinkinder praktisch keine Schilddrüsendeformationen aufwiesen, Knoten und Verhärtungen jedoch mit dem Lebensalter zunahmen, so dass bei den 20jährigen Amerikanern einer von zehn Verhärtungen oder Zysten hat. Aus den Daten von Mazzaferri et al. leitet Matsuzaki ab, daß bei den 10- jährigen Amerikanern die Rate der Schilddrüsenzysten bei etwa 0,5 bis 1 Prozent lag.

Außerdem verweist Matsuzaki auf die Studie im Auftrag der Japan-Stiftung, für die der bereits erwähnte Dr. Yamashita zwischen 1991 und 1996 im stark kontaminierten Bezirk Gomel’ (Belarus) Ultraschalluntersuchungen der Schilddrüse an über 160.000 Kindern durchgeführt hatte. Yamashita fand dabei 0,5 Prozent Zysten und 0,5 Prozent echte Neubildungen (Neoplasmen).

Die Befunde der Gesundheitsstudie von Fukushima liegen also deutlich höher als die früherer Studien: Bei einem Drittel der untersuchten Kinder fanden sich Schilddrüsenzysten, das heißt mit Flüssigkeit gefüllte Taschen. Diese sind laut Matsuzaki ein Anzeichen dafür, dass sich im Innern der Schilddrüse etwas Außergewöhnliches abspielt, Entzündungen oder zelluläre Veränderungen. Man könne aber nicht sagen, daß stets Schilddrüsenkrebs zu befürchten sei, wenn solche Zysten vorhanden sind.

Während man auf die Ergebnisse von Detailanalysen und die Vollendung von Folgestudien warte, befürchtet Matsuzaki, drohen den Kindern in den betroffenen Regionen bereits irreversible Gesundheitsschäden. Es sei sehr zu hoffen, dass für die Kinder, die noch in Nakadori und Hamadori [die am stärksten belasteten Regionen der Präfektur Fukushima] lebten, schnellstens Schutzmaßnahmen wie Evakuierung oder kürzere Abstände zwischen medizinischen Untersuchungen ergriffen würden.

Oberster Gesundheitsberater verharmlost: Menschenrechte verletzt?

Auf das Entschiedenste zu kritisieren sei jedoch, dass Yamashita die Schilddrüsenspezialisten in ganz Japan angeschrieben und aufgefordert habe, den Bitten besorgter Eltern um eine zweite Meinung nicht zu entsprechen. Das, so Matsuzaki, sei nichts anderes als Unterdrückung und Verletzung der Menschenrechte von Strahlenopfern und Patienten.

Matsuzakis Überlegungen zur Beeinträchtigung der Atemorgane stützen sich auf eine Studie von Svendsen et al. Diese untersuchten 415 Kinder unter 18 Jahren, die nach Tschernobyl ständig in stärker (mit durchschnittlich 355.000 Becquerel Cäsium-137 pro Quadratmeter Bodenfläche (Bq Cs-137/m2) und in weniger stark (durchschnittlich 90.000 Bq Cs-137/m2) kontaminierten Regionen lebten. Ein Vergleich der Atemfunktion beider Gruppen hatte ergeben, dass die Kinder aus den stärker kontaminierten Gebieten eine um 4 bis 5 Prozent geringere Sekundenkapazität (der forcierte Luftausstoß in der ersten Sekunde des Ausatmens nach tiefem Einatmen in Prozent der Gesamtkapazität der Lunge.
Ein Grundschulkind kann über 3 Liter pro Sekunde ausatmen. Eine Verminderung um 4 bis 5 Prozent bedeutet daher 100 bis 150 Kubikzentimeter pro Sekunde weniger Atemvolumen.)

Die Lunge funktioniert im Alter von etwa 20 Jahren am besten, danach nimmt das Volumen pro Sekunde mit steigendem Alter jährlich etwa um 20 bis 30 Kubikzentimeter ab. Die Verminderung der Sekundenkapazität um 150 Kubikzentimeter bedeutet daher eine vorzeitige Alterung der Lunge um 5 bis 7 Jahre, erklärt Matsuzakis. Die ukrainischen Kinder in den hoch belasteten Gebieten haben somit ein über fünf Jahre höheres Lungenalter als die Kinder in geringer belasteten Gegenden.

Anhand einer Belastungs- Karte des japanischen Kultusministeriums vom 28. August letzten Jahres zeigt Matsuzaki, in welchen Gegenden Japans vergleichbar hohe Belastungen vorhanden sind. Die Lungenfunktion der in Hamadori und Nakadori lebenden Kinder werde um einige Jahre früher abnehmen, befürchtet er. Die tatsächlichen Gesundheitsschäden durch die radioaktive Belastung müssten allerdings auch in den weniger belasteten Gebieten beobachtet werden.

Wie eine 2008 veröffentlichte Arbeit von Stepanova et al. von der ukrainischen Medizinischen Akademie zeigte, wiesen 1.251 Kinder aus der Region Narodichesky im Oblast Zhitomir über einen Beobachtungszeitraum von 5 Jahren eine Beeinträchtigung der Blutbildung und eine verminderte Leukozytenzahl auf. Kinder aus hoch belasteten Gebieten (350.000 bis 879.000 Bq Cs-137/m2) hatten im Vergleich zu Kindern aus niedriger belasteten Gebieten (29.000 bis 112.000 Bq Cs- 137/m2) fast 20 Prozent weniger weiße Blutkörperchen (Leukozyten). Blutplättchen (Thrombozyten) und rote Blutkörperchen (Erythrozyten) waren um 5 bis 10 Prozent vermindert. Eine verminderte Leukozytenzahl bedeute eine schwächere Abwehr gegen bakterielle und virale Infektionen, weniger Erythrozyten führen leicht zur Blutarmut und fehlende Thrombozyten vermindere die Blutgerinnung bei Verletzungen, erklärt Matsuzaki.

Man müsse sich auch damit auseinandersetzen, so Matsuzaki weiter, dass bereits vorhandene Krankheiten oder Behinderungen sich verschlimmern könnten, wenn die betroffenen Kinder in den Regionen Nakadori und Hamadori wohnen blieben. Schließlich weist Matsuzaki darauf hin, dass die erwähnten Studien geringer belastete Gebiete zum Maßstab des Vergleichs machten. Damit würden die tatsächlich entstehenden gesundheitlichen Auswirkungen eher unterschätzt. Die Erkenntnisse aus den Folgen des Unfalls von Tschernobyl legten klar nahe, so Matsuzaki, dass die Kinder aus kontaminierten Regionen möglichst rasch evakuiert werden müssten. A.H./Th.D.

Quellen:

*MATSUZAKI, Hiroyuki, http:// 1am.sakura.ne.jp/Nuclear/kou131 Matsuzaki-opinion.pdf, 19.5.2012
– Gesundheitsstudie Fukushima: http://www.pref.fukushima.jp/im u/kenkoukanri/240125shiryou.pdf
– Yamashita Jun’ichi, Nagasaki-Studie: https://www.jstage.jst.go.jp/ article/endocrj1993/48/5/48_5_59 1/_article
– Mazzaferri E.L. et al.: Management of a solitary thyroid nodule. N Engl J Med 1993, Feb 25; 328 (8) – 553 (9), insbes. Anhang 3.
– Yamashita, Gomel’-Studie: http:// nippon.zaidan.info/seikatsubutsu/ 1999/00198/contents/012.htm
– E. R. Svendsen, I. E. Kolpakov et al.: 137Cesium Exposure and Spirometry Measures in Ukrainian Children Affected by the Chernobyl Nuclear Incident, Environ Health Perspect. 2010 May; 118 (5): 720–725. doi: 10.1289/ehp. 0901412PMCID: PMC2866691 Research, http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC286669 1/pdf/ehp-118-720.pdf
– E. Stepanova, W. Karmaus et al: Exposure from the Chernobyl accident had adverse effects on erythrocytes, leukocytes, and, platelets in children in the Narodichesky region, Ukraine: A 6-year follow-up study, Environmental Health 2008, 7:21 doi: 10.1186/1476-069X-7-21, http:// www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articl es/PMC2459146/

->Quelle: Strahlentelex Nr. 612-613 / 2012