Leopoldina-Forscher sehen Bioenergie kritisch

“Bioenergie leistet heute und in Zukunft keinen quantitativ wichtigen Beitrag zur Energiewende”
Süddeutsche Zeitung: “Ende eines Mythos” – “Ist die Energiewende überhaupt noch möglich?”

In einer Stellungnahme zu den Grenzen und Möglichkeiten der Nutzung von Bioenergie kommt die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina in Halle zu dem Schluss, dass “Bioenergie als nachhaltige Energiequelle für Deutschland heute und in Zukunft keinen quantitativ wichtigen Beitrag zur Energiewende leisten kann”. Im Vergleich zu anderen erneuerbaren Energieressourcen wie der Photovoltaik, der Solarthermie und der Windenergie verbrauche Bioenergie mehr Fläche und sei häufig mit höheren Treibhausgasemissionen und Umweltbeeinträchtigungen verbunden. Zudem konkurriere Bioenergie potenziell mit der Herstellung von Nahrungsmitteln. Vorrang solle der Einsparung von Energie und der Verbesserung der Energieeffizienz gegeben werden. Damit steht nicht nur nach Meinung der Süddeutschen Zeitung die von der Bundesregierung eingeleitete Energiewende in Frage.

Biomasse keine wirkliche Option für Länder wie Deutschland

Biomasse als Energiequelle sei „keine wirkliche Option für Länder wie Deutschland“, stellt das Forschergremium der Leopoldina in seiner Stellungnahme recht eindeutig fest. Die Wissenschaftler empfehlen gar lakonisch, Deutschland solle „nicht den weiteren Ausbau von Bioenergie anstreben“. Weiter heißt es: „Vielmehr sollte sich Deutschland auf andere erneuerbare Energieressourcen konzentrieren.“ Konkret genannt werden „Photovoltaik, Solarthermie und Windenergie, deren Flächeneffizienz, Treibhausgas-Emissionen und andere Umweltbeeinträchtigungen niedriger sind als die von Bioenergie. Die Einsparung von Energie und Verbesserungen der Energieeffizienz sollten Vorrang haben.“ Bioethanol sei insgesamt problematisch („für Deutschland aufgrund der damit verbundenen Klima relevanten und ökologischen Folgen nicht zu empfehlen“) und nur dann zu erwägen, „wenn im Gesamtprozess … deutlich weniger Treibhausgase emittiert werden, als dies bei der Verbrennung einer Energieäquivalenten Menge fossiler Brennstoffe der Fall ist.“

Biomasse in Form von Biogas oder Holz sei bisher hauptsächlich für Heizungszwecke und für die Strom-Erzeugung genutzt worden. Das sei „insofern problematisch, als Biokraftstoffe für den Transport langfristig wohl am schwierigsten zu ersetzen sind. Die Umwandlung von Biomasse sollte überwiegend auf Biotreibstoffe für Schwerlastwagen, Flugzeuge und Lastschiffe ausgerichtet sein, die wahrscheinlich auch in Zukunft nicht elektrisch betrieben werden können.“ Organische Abfälle zum Beispiel sollten mehr als bisher zur Energieproduktion genutzt werden, sagt Rudolf  Thauer, Direktor am Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie in Marburg, einer der Koordinatoren des Akademieberichts:  „Es wird einfach überschätzt, wie viel da ist“. Die Ausweitung der Produktion lasse sich nur durch eine massive Intensivierung der Landwirtschaft erreichen. Diese Intensivierung konterkariere weitgehend die erwünschten Effekte für das Klima, außerdem sei sie auf Dauer nicht durchzuhalten. Die Leopoldina zitiert wissenschaftliche Studien, denen zufolge sich der Stickstoff-Austrag auf Felder seit 1965 verachtfacht hat.

Die Studie „Bioenergie: Möglichkeiten und Grenzen“ (Englisch – „Bioenergy, Chances and Limits”) der Leopoldina, an der mehr als 20 Wissenschaftler in der 2010 eingesetzten Arbeitsgruppe „Bioenergie“ mitgewirkt haben, gibt Empfehlungen zur Nutzung von Bioenergie. Unter Bioenergie versteht man die Energie, die aus Verbrennung nicht-fossiler, pflanzlicher Biomasse stammt oder aus Biokraftstoffen, die aus Biomasse hergestellt wurden.

Sie erklärt zudem, unter welchen Bedingungen die Nutzung von Bioenergie begrenzt sinnvoll sein kann. Sie thematisiert, welche Umwandlungsmöglichkeiten von Biomasse zu Biokraftstoffen, wie Bioethanol und Biodiesel, bestehen und sich in Entwicklung befinden. Sie zeigt zudem Forschungswege auf, die darauf abzielen, mit Sonnenenergie aus Wasser umweltfreundlich und nachhaltig Wasserstoff zu erzeugen.

Kein weiterer Ausbau der Bioenergie

Unter anderem heißt es zum Thema Bioenergie als Energiequelle wörtlich:

  • Um den Verbrauch von fossilen Brennstoffen und die Emissionen von Treibhausgasen zu reduzieren, sollte Deutschland nicht den weiteren Ausbau von Bioenergie anstreben. Zu diesem Schluss kommen die Autoren der Stellungnahme nach Abwägung aller Argumente für und wider eine Nutzung von Biomasse als Energiequelle. Insbesondere sollte darauf gedrängt werden, das EU -2020-Konzept zu überdenken, das darauf abzielt, möglichst 10 Prozent des Treibstoffes für Transportzwecke aus Biomasse bereitzustellen.
  • Vielmehr sollte sich Deutschland auf andere erneuerbare Energieressourcen konzentrieren wie Photovoltaik, Solarthermie und Windenergie, deren Flächeneffizienz, Treibhausgas-Emissionen und andere Umweltbeeinträchtigungen niedriger sind als die von Bioenergie. Die Einsparung von Energie und Verbesserungen der Energieeffizienz sollten Vorrang haben. …
  • Bei der Bewertung von klimaschädlichen Emissionen im Zusammenhang mit der Produktion von Bioenergie müssen alle Treibhausgase (Kohlendioxid, Stickoxide und Methan) einbezogen werden, die aus der Verwendung von Düngemitteln und aus dem Verbrauch fossiler Brennstoffe bei der Produktion und Konversion von Biomasse und durch Einsatz der menschlichen Arbeitskraft resultieren. Dabei sind auch die Auswirkungen von direkten und indirekten Änderungen der Landnutzung auf die Treibhausgas-Bilanz sowie auf Ökosystemfunktionen und Biodiversität zu berücksichtigen. …

Biomasse als Brennstoff problematisch

Hinsichtlich der Verwendung von Biomasse als Brennstoff wird Folgendes empfohlen:

  • Die Produktion von Bioethanol aus Stärke oder Zucker, die primär als Lebensmittel dienen, ist für Deutschland aufgrund der damit verbundenen Klima relevanten und ökologischen Folgen nicht zu empfehlen. Gleiches gilt für den Import von Bioethanol, der aus diesen Rohstoffen hergestellt wird. Hingegen ist eine Kombination von Bioethanol- und Biogasproduktion – bevorzugt aus Rest- und Abfallstoffen – in kleineren dezentralen Anlagen begrenzt vertretbar, soweit die internen Energieflüsse optimal genutzt und alle ökologischen Aspekte Berücksichtigung finden.
  • Eine Produktion von Bioethanol aus Lignozellulose ist nur dann zu empfehlen, wenn im Gesamtprozess (vom Anbau der Biomasse über Ernte und Bioenergiekonversion bis hin zur Verbrennung) netto deutlich weniger Treibhausgase emittiert werden, als dies bei der Verbrennung einer Energieäquivalenten Menge fossiler Brennstoffe der Fall ist. Bei Importen von Biomasse sollten die mit der Produktion von Biomasse im Herkunftsland verbundenen Treibhausgas-Emissionen mit berücksichtigt werden. Für die Produktion von Biodiesel aus Raps, Sonnenblumen, Ölpalmen oder Sojabohnen gelten die gleichen Empfehlungen.
  • Die Produktion von Biogas aus landwirtschaftlichen und häuslichen Abfällen sollte, auch unter dem Gesichtspunkt der Entsorgung, weiterentwickelt werden, soweit eine direkte Verbrennung oder Vergasung (Pyrolyse) nicht vorzuziehen ist. Die Abwägung zwischen diesen Techniken ist im Wesentlichen abhängig vom Wassergehalt der Abfallmaterialien: Je geringer der Wassergehalt, desto eher empfiehlt sich eine Verbrennung oder Vergasung. Die Produktion von Biogas aus „Energiepflanzen“ sollte nur insoweit erfolgen, als sie dazu beiträgt, die Biogasproduktion aus Agrarabfällen und den fluktuierenden Energiebedarf zu stabilisieren und zu optimieren.
  • Bisher wurde Biomasse zum größten Teil für Heizungszwecke (das meiste Holz) und für die Erzeugung von Elektrizität (das meiste Biogas) genutzt. Das ist insofern problematisch, als Biokraftstoffe für den Transport langfristig wohl am schwierigsten zu ersetzen sind. Die Umwandlung von Biomasse sollte überwiegend auf Biotreibstoffe für Schwerlastwagen, Flugzeuge und Lastschiffe ausgerichtet sein, die wahrscheinlich auch in Zukunft nicht elektrisch betrieben werden können.

Kommentar der Süddeutschen Zeitung:

„Die Kritik an Biokraftstoffen bringt die Regierung in Bedrängnis“. Für Berlin bedeute das „ein Dilemma“, schreibt SZ-Autor Markus Balser: “Denn die Energiewende macht der Politik derzeit ausgerechnet in diesen beiden Bereichen große Sorgen. Der Bau der dringend benötigten Windparks auf hoher See stockt, weil Anschlüsse und Netze für die Verteilung des produzierten Stroms fehlen. Wegen möglicher Kostensteigerungen bemüht sich die Politik, auch den Ausbau der Solarenergie zu bremsen. Und selbst die Hoffnung, dass die Deutschen in Zukunft einfach weniger Strom brauchen, scheint sich zu zerschlagen.“

->Quellen: