Desertec – die Wüste lebt (weiter)

Architektur einer lebensfähigen Welt für zehn Milliarden Menschen

Von Gerhard Knies, Desertec-Gründer und Deutsche Gesellschaft des Club of Rome

0.  Totgesagte…

Im Rahmen der 5. Jahreskonferenz der Desertec Industrie Initiative Dii GmbH im Oktober 2014 haben die 17  Shareholder die Studiengesellschaft in ein Beratungs- und Netzwerkunternehmen umgewandelt mit den – zunächst – drei Gesellschaftern RWE (Deutschland), ACWA POWER (Saudi-Arabien) und der staatlichen State Grid Corporation of China. Die Desertec Foundation hatte sich schon zuvor ab­gewandt. Ist das jetzt das Ende von Desertec, vom sauberen Strom aus den Wüsten? Manche befürch­ten das, andere bejubeln das, weitere bezweifeln das. Meine Ein­schätzung: Wenn wir die Erde in den kommenden 40-50 Jahren für die nächste Generation der Menschheit mit zehn Milliarden Menschen vorbereiten wollen, wird die Option Desertec dringender denn je gebraucht.

Was kann Desertec der Menschheit bieten? Nach der Konzeption der Vision im Jahr 2003, die Energie der Wüsten für globale Energie- und Klimasicherheit und für gerechte Entwicklung zu erschließen, wurde in einer Studie am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in den Jahren 2004-2007 die technische Machbarkeit untersucht. Ergebnis von „Desertec 1.0“: Technologie und Ressourcen sind für mehr sauberen Strom vorhanden, als die Menschheit je brauchen wird. Von 2010 bis 2013 hat dann die von Industrie und Desertec Foundation gegründete Studiengesellschaft Dii GmbH die politische und ökonomische Machbarkeit mit aktuellen Daten untersucht. Ergebnis von „Desertec 2.0“: Die großmaßstäbliche Verwirklichung ist für Nordafrika, den Mittleren Osten und auch für einen Beitrag zur Versorgung Europas (EUMENA-Region) wirtschaftlich vorteilhaft. Also ist der nächste logische Schritt die Implementierung. Für deren Unterstützung wurde jetzt die Dii GmbH, quasi als „Desertec 3.0“, wie oben erwähnt für den EUMENA-Asia-Raum neu aufgestellt.

1. Wie viele Menschen können auf der Erde dauerhaft leben?

Das ist eine drängende Zukunftsfrage. So wie jetzt konnten bis zu fünf Milliarden Menschen auf dem Planeten Erde dauerhaft leben. Die folgende Grafik zeigt dazu Geschichte und erwartete Zukunft des ökologischen Fußabdrucks der Menschheit. Expan­sion war das Kennzeichen ihrer Entwicklung.

[note Ökologischer Fußabdruck der Menschheit, in Einheiten der Biokapazität der Erde. 2015 braucht sie 1,6 Erden. Daten bis 2007. Ab 2008 Projektion des World Business Council for Sustainable Development, in ‘Vision 2050’.]

Durch fossile Energienut­zung ist die Expansion um 1980 an einen Punkt gekommen, wo sie in die Zerstö­rung der natürlichen Lebensgrundlagen umschlug. Es gibt nicht mehr genügend biolo­gisch aktive Flächen für die dauerhafte Absorption der CO2-Emissionen. Das ist eine Zäsur, welche die gegenwärtige Organisation der Menschheit als sou­veräne Nationalstaaten in Frage stellt. Darauf muss die Menschheit reagieren – aber wie? Man sieht in der Figur auch: ohne CO2-Emissio­nen könnten zehn Milliarden Menschen mit hohem Zivilisations­grad und Wohlstand auf der Erde leben. Also muss die Menschheit heraus aus der fossilen Energienut­zung – und das ist möglich.

Die nächste dramatische Botschaft der Grafik ist: bei einem Weiter so wird schon in 25 Jahren die Bio­produktivität der Erde nur noch für die Hälfte der Weltbevölkerung reichen. Entweder jeder zweite Mensch oder die fossile Energie­nut­zung muss verschwinden, wenn die Menschheit dauerhaft auf der Erde leben will. Sie muss wieder mit einer Erde auskom­men können. Dazu gehören mindestens:

  1. sie muss sich so versorgen, dass sie dabei die Biosphäre nicht zer­stört;
  2. das globale Bevölkerungswachstum muss aufhören, und
  3. die  Menschheit muss die Erde zum Lebens­raum für zehn Milliarden Menschen umbauen – also Platz und Versorgung für weitere zwei bis drei  Milliarden.

Zur Verkleinerung des ökologischen Fußabdrucks kommt eine wei­tere Bedingung: die Aufrecht­erhaltung der globalen Biokapazität. Wenn diese als Folge von Übernut­zung und Klimawandel sinkt, steigt die Zahl der erforderlichen Erden entsprechend schneller an, als in der Grafik gezeigt. Um nicht den Eintritt in einen selbst lau­fenden Klimawandel zu riskieren, fordern Klimawissenschaftler die Begrenzung der globalen Temperaturerhöhung auf weniger als 2°C.

[note Rauch-Wasserdampf-Fahnen: Kraftwerk Reuter-West und Müllverbrennungsanlage Ruhleben, Berlin – Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft]Dazu müssen die Emissionen auf weniger als 10% der jetzigen 36 Gigatonnen pro Jahr (Gt/a) sinken – und das bei einem möglicherweise auf das Dreifache steigenden globa­len Strombedarf – und es dürfen nur noch ca. 550 Gt CO2 über das dauer­haft verdauliche Maß hinaus in die Atmosphäre kommen. Die sind bei den jetzigen Emissionen in 16 Jah­ren erreicht, und bei einer gleichmäßigen Verminderung in 32 Jah­ren. Dementsprechend müssen zum Ersatz 32 Jahre lang jeden Tag saubere Kraftwerke mit einer durchschnittlichen Gesamtkapazität von 4 Gigawatt (GW) installiert wer­den. Ein solches Programm zur Stabilisie­rung unserer natürlichen Lebensgrundlagen ist eine Herkules­auf­gabe. Aber das ist machbar, wenn ALLE technischen, logis­tischen und finanziellen Register gezogen werden, und wenn (fast) alle Staa­ten hierfür mit höch­ster Priorität zusammen arbeiten. Die Erde könnte dann tatsäch­lich zehn Milliarden Menschen aushal­ten.

Es geht hier nicht darum, eine detaillierte Blaupause für diesen Übergang zu erstellen. Doch müssen wir ein Bild davon haben, wo wir hin wollen, also: wie eine lebensfähige Welt für zehn Milliar­den aussehen könnte, wenn wir eine aufbauen wollen. Wir haben jetzt keine. Die Fußabdruck-Grafik zeigt, dass die Menschheit um ca. 1980 begonnen hat, die Biokapazität der Erde zu überziehen. Damit endete faktisch die Unabhängigkeit von Staaten, denn seitdem wirkt jeder Mensch mit seinen CO2-Emissionen auf die Lebensbedingun­gen aller anderen jetzigen und künftigen Menschen in allen anderen Staaten ein, ohne dass diese das abwehren können. In manchen Ländern wird der Klima­wandel verheerende und nicht beherrschbare Folgen haben. Dieses Ende der Unabhängigkeit von Nationen hat bei einer Weltbevölkerung von ca. 4,5 Milliar­den begon­nen. Sie wächst seitdem wei­ter, um ca. 1% pro Jahr. Die Ansprü­che der Menschen wach­sen zusätzlich, erkennbar am Anstieg des „zivilisato­ri­schen Barometers“, den CO2-Emis­sionen in die Atmos­phäre, mit Stei­gerungen um 3% (1 Gt) pro Jahr. Wie weit kann man einen Luftballon aufbla­sen? Wenn der Treibhauseffekt selbstlau­fend wird, dann gibt es kein Zu­rück (siehe Figur Kippschalter). Dann wird die Bewohn­bar­keit des Planeten Erde unkontrollierbar verändert. Für die Lebensfähigkeit einer übervollen Welt muss der kollektive Schutz der natürlichen Lebensgrundla­gen einen höheren Rang haben als die Sicherheit und Souveränität einzelner Staaten.
Folgt: 2. Klimaschutz – ein Fall für die Sicherheitspolitik