Grüne Schiffahrt chancenlos?

Zu viel Schweröl, zu wenig Abgastechnik – NABU-Kreuzfahrtranking 2015

Der NABU hat auch 2015 die europäischen Kreuzfahrtschiffe auf Umweltfreundlichkeit untersucht. Zwar werden die schwimmenden Grandhotels sauberer, doch noch immer fahren zu wenige mit umweltfreundlicher Abgastechnik – und LNG. Hochseeschiffe werden fast alle mit dem Raffinerie-Abfallprodukt Schweröl angetrieben. Auflagen limitieren zwar schon dessen Verbrennung vor allem in den Häfen, ab 2020 sollen aber weltweit strengere Schwefel-Grenzwerte dazu führen, dass Flüssiggas (LNG) an die Stelle des Schweröls tritt. Doch die Reeder halten LNG für noch nicht wirtschaftlich.

“Wir sehen den Einsatz von verflüssigtem Erdgas als einen wichtigen Pfad, um die verschärften Umweltvorschriften heute und in Zukunft zu erfüllen”, sagte Ralf Nagel vom Verband Deutscher Reeder (VDR) dem Flensburger Tagblatt. Aber unter gegenwärtigen Rahmenbedingungen sei der LNG-Antrieb für Frachtschiffe auf Grund der bis zu 30 Prozent höheren Investitionskosten nicht wirtschaftlich.

Die Bundesregierung will trotz begrenzter Zuständigkeiten aktiv werden, um LNG in der Schifffahrt schneller zum Durchbruch zu verhelfen. Sie will die Interessen von Reedern, Häfen, Behörden und LNG-Anbietern koordinieren. “Ziel ist es, im Bereich LNG für die Schifffahrt schnellstmöglich eine Gesamtkonzeption zu entwickeln”, teilte die Regierung am 24.07.2015 auf eine Anfrage der Grünen mit. Man prüfe, ob und wie “die Einführung von LNG durch Reeder, aber auch landseitig gefördert und weiter in das öffentliche Bewusstsein gebracht werden kann. Hierzu ist eine koordinierende Rolle des Bundes vorgesehen, bei der es gilt, die Akteure bei der Erstellung des nationalen Rahmenplans für LNG-Infrastrukturen einzubinden”.

NABU-Kreuzfahrtranking 2015: Zu viel Schweröl, zu wenig Abgastechnik

Die Kreuzfahrtschiffe der führenden Anbieter werden sauberer. Allerdings gibt es immer noch zu wenig Schiffe mit umweltfreundlicher Abgastechnik. Zu diesem Ergebnis kommt das am 10.09.2015 in Hamburg vorgestellte aktuelle Kreuzfahrt-Ranking des NABU. Untersucht wurden die neu geplanten Schiffe bis 2020; die Wertung beruht auf Analysen jüngster Entwicklungen am europäischen Markt mit Blick auf die Umweltverträglichkeit einzelner Schiffe. Maßgeblich dafür war neben der verwendeten Treibstoffart auch die geplante Abgastechnik sowie andere schadstoff-reduzierende Maßnahmen. Bei der Vorstellung des Rankings begrüßten Vertreter des NABU einerseits die Bereitschaft einiger Anbieter wie AIDA und Costa Cruises, sie wollten das gravierende Abgasproblem ihrer Schiffe endlich angehen. Sollten die Schiffe wie angekündigt in den nächsten Jahren auf den Markt kommen, hätten sie weltweiten Vorbildcharakter für die Seeschifffahrt. Scharf kritisierten die Umweltschützer hingegen die fortdauernde Verweigerungshaltung wesentlicher Marktgrößen wie Royal Caribbean und MSC (Foto re.).

NABU Bundesgeschäftsführer Leif Miller: „Die Branche befindet sich am Scheideweg, spätestens jetzt trennt sich die Spreu vom Weizen.Wer heute noch die Investitionen in Abgastechnik und höherwertigen Kraftstoff scheut, handelt absolut fahrlässig. Es kann nicht sein, dass weite Teile der Industrie ein gutes Geschäft auf Kosten von Umwelt, Klima und menschlicher Gesundheit machen und sich wegducken, wenn es um die Übernahme von Verantwortung geht.“ Gerade erst vor wenigen Wochen habe eine Studie des Helmholtz-Insituts (siehe: solarify.eu/schiffsdiesel-machen-krank) nochmals die massiven Gesundheitsschäden belegt, die von Schiffsabgasen für die menschliche Gesundheit ausgehen. Die Anbieter an der Spitze des Rankings bewiesen hingegen, dass technische Lösungen bereitstünden, um die Schadstoffbelastung der Schiffe deutlich zu reduzieren. Ziel müsse nun sein, diese Technologien flächendeckend bei allen neuen Schiffen einzusetzen.

AIDA verteidigt Spitzenposition

Ein Blick auf das Ranking zeigt, dass sich AIDA an der Spitze behaupten konnte. Bereits im letzten Jahr waren die Schiffe „Prima“ und „Mia“ die beiden Neubauten mit der besten Abgastechnik. Nun aber hat AIDA vor Kurzem angekündigt, dass zwei noch namenlose Neuzugänge erstmals komplett auf Schweröl verzichten und stattdessen mit umweltfreundlicherem Flüssiggas (LNG) betrieben werden sollen, das nahezu ohne die Entstehung schädlicher Luftschadstoffe wie Feinstaub, Ruß und Schwefeloxiden verbrannt werden kann. Allein die vom italienischen Mutterkonzern Costa in Auftrag gegebenen, baugleichen Schiffe können hier mithalten und teilen sich dementsprechend die Führungsposition mit AIDA.

  [note NABU-Kreuzfahrtranking 2015 – Grafik © NABU (Zum Vergrößern klicken)]

Stinker investieren nur, wenn sie gezwungen werden

Abgesehen davon halten alle anderen Anbieter aber nach wie vor am Betrieb mit giftigem Schweröl fest und investieren allenfalls dann in Abgastechnik, wenn gesetzliche Bestimmungen sie dazu zwingen – so der NABU. So investierten fast alle Reeder in Abgaswäscher, so genannte Scrubber, um auch nach Inkrafttreten verschärfter Schwefelgrenzwerte in Nord- und Ostsee weiterhin mit Schweröl fahren zu können. Mit selbstlosem Einsatz für den Umwelt- und Gesundheitsschutz, wie es entsprechende Pressemeldungen gerne verlautbaren lassen, hat diese Maßnahme hingegen nichts zu tun. Aus Sicht des NABU muss die Schifffahrt insgesamt weg vom Schweröl, das nicht nur zum massiven Ausstoß von Luftschadstoffen führt, sondern im Falle von Havarien auch Umweltkatastrophen gewaltigen Ausmaßes verursachen kann.

MSC Cruises, Royal Caribbean, Viking Ocean oder Norwegian Cruises am Pranger

Insbesondere die Schlusslichter wie MSC Cruises, Royal Caribbean, Viking Ocean oder Norwegian Cruises sehen trotz massiver Umweltauswirkungen offenbar keinerlei Veranlassung, ihre Neubauten mit Systemen zur Abgasreinigung auszurüsten oder auf schwefelarmen Kraftstoff umzusteigen. Dabei führt das derzeitige Branchenwachstum und die damit verknüpfte Zunahme von Schiffsanläufen auch in Hafenstädten wie Hamburg zu massiven Abgasproblemen.

Malte Siegert, Leiter Umweltpolitik des NABU Hamburg: „Um die zunehmende Abgasbelastung durch Kreuzfahrtschiffe gerade in der Nähe von Wohngebieten einigermaßen in den Griff zu bekommen, hat die Stadt Hamburg entschieden, das Terminal Altona für mehrere Millionen Euro mit einen Landstromanschluss auszustatten sowie die landseitige Infrastruktur der LNG-Barge am Terminal Hafencity zu finanzieren. Abgesehen von der Frage, ob solche Investitionen aus Steuermitteln bestritten werden sollten, müssen nun die Reeder den dort bereitgestellten Strom im Hafen auch abnehmen, damit die Schiffsmotoren wenigstens für die Liegezeit im Hafen abgeschaltet werden können. Landstrom ist natürlich nur dann sinnvoll, wenn dieser aus erneuerbaren Energien bereitgestellt wird. Trotzdem müssen Schiffe mit Stickoxid-Katalysatoren und Partikelfiltern zur Reduzierung von Dieselruß und Feinstaub ausgerüstet werden, wie das auch für Autos und Lkw seit Jahren Standard ist. Denn wenn der Stecker von der Landstromanlage gezogen wird, stößt jedes Schiff weiter gesundheitsschädliche Emissionen im Hafen und auf der Elbe aus.“

Green Shipping Kompetenz: Das Land Niedersachsen will in Leer ein  Zentrum für die Forschung und Entwicklung für grüne Schifffahrt und den nachhaltigen Schiffbau einrichten. Zudem sollen Forschung und Wirtschaft stärker vernetzt werden. Das bundesweit einmalige Kompetenzzentrum wird sich insbesondere mit ökonomischen und ökologischen Fragen und Aspekten in der Schifffahrt und dem Schiffbau beschäftigen. Ziel ist es, u.a. mit der Entwicklung von Technologien, die Emissionen in der Seeschifffahrt zu verringern. Angesiedelt wird das Green-Shipping Kompetenzzentrum beim Maritimen Kompetenzzentrum (MARIKO) in Leer und dem Maritimen Cluster Norddeutschland (MCN) in Elsfleth. Mit der Hochschule Emden-Leer und der Jade Hochschule stehen zudem an den beiden Standorten zwei leistungsstarke Partner für Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der nachhaltigen Gestaltung der Schifffahrt bereit. Das Niedersächsische Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr und das Ministerium für Wissenschaft und Kultur stellen für das Kompetenzzentrum Fördermittel in Höhe von insgesamt 1,5 Mio. Euro zur Verfügung.

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