Suffizienz nicht Verzicht sondern Gewinn

Kurzfristiges Kalkül an langfristiger Perspektive messen

Suffizienz erfordere keineswegs, das “kurzfristige Kalkül zu unterlassen, wohl aber es stets an der langfristigen Perspektive zu messen und ggf. durch Aktualisierung künftiger Ziele zu korrigieren.” Scherhorn kritisiere an mehreren Stellen in seinem Buch die Werbeindustrie, die permanent unerfüllte Wünsche und Sehnsüchte bei den Menschen anspreche und das Kaufen für vielfältigste Möglichkeiten der Kompensation positioniere. Kaufen könne man heute Freiheit, Fülle oder Sicherheit, aber auch Abenteuer, Geselligkeit und Kreativität. Allerdings erwerbe man dabei nur die Symbole und nicht die Tätigkeiten an sich oder das eigene Erleben.

[note Johann „Hannß“ Carl von Carlowitz – er hat 1713 in seinem Buch Sylvicultura oeconomica, oder haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur wilden Baum- Zucht, dem ersten geschlossenen Werk über die Forstwirtschaft den Begriff Nachhaltigkeit geprägt.]

“Gekauft werden soll nicht mehr, weil man das Gut braucht, sondern weil man die Illusionen braucht, die ihm aufgesetzt worden sind. Da sie den Kauf meist nicht überdauern, läuft es darauf hinaus, das Kaufen selbst immer mehr zu einem illusionären Erlebnis zu machen (S.175)”. Einen “kleinen Wermutstropfen” hat Bohle folgend die Analyse von Scherhorn: Es fällt dem Rezensenten schwer zu glauben, der Mainstream der Gesellschaft selbst werde schon die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Menschen sich mit weniger “marktgängigen Gütern” begnügen, um sich mehr den “marktfreien Bedürfnissen” zu widmen – wie etwa Bedürfnisse nach menschlichen Beziehungen, gemeinschaftsbezogenem Handeln, selbstbestimmte und kreative Entfaltung, nach gesunder Lebensführung, nach Sinn, Ruhe und Spiritualität.

Zweifel an der großen Transformation

Der Bohles Unglaube mündet ein in “Zweifel, ob diese große Transformation von Werten und Haltungen in der Gesellschaft in dem dafür zur Verfügung stehenden Zeitrahmen realisiert werden kann.” Scherhorn formuliere dieses Wunschdenken zwar so: “Würde das Prinzip Nachhaltigkeit von der Masse der Konsumenten wirksam befolgt, so würden sie nicht mehr guten Gewissens fossile Energie zum Heizen und Autofahren verschwenden, übers Wochenende nach Mallorca fliegen oder die derzeit angebotenen Einwegverpackungen verwenden. Sie würden Kaffee aus fairem Handel kaufen, bei technischen Produkten auf Reparierbarkeit und Kreislauffähigkeit achten und sich beim Kauf von Produkten und Dienstleistungen insgesamt maßvoll verhalten.” Rhetorisch-skeptisch fragt sich der Kritiker aber: “Ob wir das noch erleben dürfen?” Dem wird Scherhorn wohl entgegenhalten: “Es kommt nicht darauf an, ob wir es erleben, sondern dass wir alles dafür tun, dass unsere Nachkommen es erleben werden.”

Gerhard Scherhorn lehrte 1966–1975 Volkswirtschaftslehre in Hamburg und 1975–1998 Konsumökonomik in Stuttgart. Seit 1996 arbeitet er im Wuppertal Institut für Klima Umwelt Energie, bis 2003 als Direktor der Arbeitsgruppe „Neue Wohlstandsmodelle“, danach der Forschungsgruppe „Nachhaltiges Produzieren und Konsumieren“, heute als Senior Consultant. Er war Mitglied u. a. im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, im Verbraucherbeirat beim Bundesminister für Wirtschaft, im Verwaltungsrat der Stiftung Warentest, im Vorstand der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg und Mitherausgeber des „Journal of Consumer Policy“.

[note Gerhard Scherhorn: Wachstum oder Nachhaltigkeit. Die Ökonomie am Scheideweg
Mit einem Vorwort von Johannes Hoffmann
Altius Verlag, Erkelenz 2015 (= Geld & Ethik 3) – ISBN 978-3-932483-35-6 – 432 Seiten]

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